März-Ausgabe '26 des TOURENFAHRERs:
Italien / Umbrien:
»IL CUORE VERDE«
In Umbrien schlägt Italiens grünes Herz. Die waldreiche und mit historischen Kulturstätten gesegnete Region öffnet Motorradreisenden abwechslungsreiche Herzkammern mit spannenden Naturparks, endurofreundlichen Hinterlandrouten, toskanisch anmutenden Weinregionen und stimmungsvollen Hochtälern am Fuß der Sibillinischen Berge.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben keine Sekunde das Meer vermisst.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!

Langsam kommt die Sonne runter. Das aalglatte Wasser des Lago Trasimeno vergoldet sich, Badesteg und Schilfgras werden zum schwarzen Scherenschnitt und die Sonnenscheibe am
Horizont erlischt in einem blutigen Rot. Der letzte Vorhang unserer Anreise, eine ergreifende Kinoblende, ein Seelenstreichler vor dem Einbruch der Nacht.
Wir sind nicht die einzigen Zuschauer am Seeufer und ich bin froh, dass Handykameras völlig lautlos auslösen. Niemand scharrt mehr aufgeregt mit den Füßen im Konzert oder babbelt bei der
Kussszene im Film. Alle sinnieren in das Restlicht des Abendhimmels, nehmen die hereinbrechende Nacht als schützenden Umhang für ein Stück unserer Seele, das wir mit niemand anderem teilen mögen.
Buona sera, Umbria! Wir sind angekommen »nel cuore verde dell’Italia«. (...)
Passignano ist schon früh am Morgen lebendig. Der zweitgrößte Ort am Trasimeno-See duckt sich unter steilen Uferhängen und belohnt den kurzen, steilen Aufstieg zur Ruine von »La Rocca« mit einem weiten Blick zu den Seeinseln »Isole Minore e Maggiore«. Gut sichtbar auch die Festungsanlage auf der Isola Polvese und »opposto«, genau gegenüber, sorgt die Festung »Rocca del Leone« für Respekt und Sicherheit in Castiglione del Lago. Im gemütlichen Viertakt zuckeln die Enduros im Uhrzeigersinn um den See. Die Straße macht Höhenmeter, gestattet Tiefblicke auf das Polvese-Eiland, will wieder steil hinab nach Monte del Lago und ankert schließlich am Schiffsanlegesteg von San Feliciano. Eine Prise Fischgeruch, undefinierbar zwischen Ufertaverne und Bar, ein paar Frühaufsteher beim Joggen, Signora mit schnüffeldem Handtaschenhund. Kein Gehupe, stilles Dutchatmen. Wie viele Herzkammern hat eine Landschaft? (...)

Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)

Eine halbe Stunde später sind die Motoren auf Betriebstemperatur und schieben uns hinauf nach Panicale. Geschichtsblende zurück zu den Etruskern, die ihre Siedlungen gern auf
exponierten Hügeln bauten. Als Adlerhorst mit weitem Kontrollblick ins Nestore-Tal, als Festung zum Schutz der ziegelgedeckten Altstadt. Und als kultureller Hort für die Backsteinkirche San
Michele Archangelo, für das Kleinod San Sebastiano und das Teatro Cesare Caporali, das sich gern an die satirischen Verse des gleichnamigen Renaissance-Poeten aus Perugia
erinnert. (...)

Ohne Stadtführung kein Date, also huschen wir schnell zu der Archäologie-Studentin Benedetta della Ciana ins Kirchenschiff von San Sebastiano und bewundern ein Meisterwerk von Pietro Vannucci, alias »Perugino«. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mischte der in bitterer Armut im nahen Città della Pieve aufgewachsene Künstler mit einem revolutionären 3D-Stil die Ölmalerei Italiens auf und behauptete sich nach entbehrungsreichen Jahren in der ellbogenspitzen Kunstszene von Florenz. »Il divin pittore«, der göttliche Maler, nannten ihn die Florentiner euphorisch, was sie jedoch nicht davon abhielt, ihn ein paar Jahre später wegen mangelnder Spiritualität in die Künstlertonne zu drücken. 1523 starb der »Göttliche« an der Pest, vereinsamt und verarmt. Sein Meisterwerk »Martirio di San Sebastiano« in unserer kleinen Panicale-Kirche lässt zumindest erahnen, welch sozialkritischen Blick der mutige Umbrier auf Leinwand und Kirchenwände zu projizieren verstand. (...)

Meine Frau drückt mir den abgelegten Helm in die Hand, löst meine Blicke von Perugino und Benedetta und schwingt das Bein über die Sitzbank ihrer Honda. Die Landschaft wird nun toskanisch, schmückt sich mit Zypressenalleen und auf Hügeln thronenden Landgütern. Prächtig die Hanglage der Perugino-Heimatstadt Città della Pieve auf einem 500 Meter hohen Berg im Grenzland zwischen der Toskana und Umbrien. Mit rotem Backstein gemauert, ziegelgedeckt und stadttorbewehrt, versprüht die Stadt noch heute mittelalterlichen Charme. Der Mittag darf sich verkehrsberuhigt auf Caféstühlen und Barhockern schminken. Ich finde eine »Antica Caffetteria Matucci« unweit des mächtigen Stadttors »Porta di Via Roma«, schwenke zur Begeisterung der Damen an der Kuchentheke die Hand von links nach rechts und sinke mit diversen »Dolci« und einem Cappuccino auf ein Stühlchen der blickgeschützten Terrasse. »Si si, signora. È molto caldo oggi!« Aus die Moto-Maus! (...)
Januar-Ausgabe '26 des TOURENFAHRERs:
Spanien / Fuerteventura:
»Hart am Wind«
Wenn daheim noch der Winter mit Nässe und Schnee regiert und Motorradfahrer hinterm Ofen stundenlang den TOURENFAHRER lesen, bläst der starke Wind auf der Kanareninsel Fuerteventura trübe Gedanken weit aufs Meer hinaus.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben sich mal so richtig durchwehen lassen.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!

Allmählich nimmt die Fähre der Fred Olsen-Linie Fahrt auf. Minuten später gehören Hafenkais und die weißen Häuser von »nomen est omen« Playa Blanca dem Horizont und an Bord kehrt
Ruhe ein. Viele Fahrgäste waren es eh nicht, die gegen halb zehn am Morgen auf den Shuttle nach Corralejo auf Fuerteventura warteten. Darunter vier, fünf Motorradfahrer, ausschließlich mit
Leihmaschinen von »Lanzarote Moto Rental« in Puerto del Carmen unterwegs, wo uns Firmenchef Alberto Martínez Conchas am Abend zuvor den Zündschlüssel für eine nigelnagelneue Ténéré 700 in die
Hand gedrückt hatte. Ein liebe, altbekannte Tourenfreundin, ganz in Blau und todschick, aber für uns mit suboptimalen Dämpfungseinstellungen an Gabel und Federbein. Flugs flutschen die passenden
Klickrastungen für einen Zweipersonenbetrieb, denn Michaela beugt für die kommenden fünf, sechs Tage auf dem Sozias die Knie, was einer einheimischen Enduro in der Voreinstellung offensichtlich
recht »spanisch« vorkommt. (...)
Eine knappe Dreiviertelstunde Überfahrt, dann passiert das Schiff die vorgelagerte »Isla de Lobos«. Strömungsbedingte lange Dünung, ein leicht plümeranter Yamaha-Reiter, urplötzliches Schwappen im Kaffeebecher, als Michaela im Seemannsgang den starken Wachmacher bringt. Also hatten die »Unsocial Media« Tage zuvor tatsächlich die Wahrheit gepostet? Berichte von stürmischen Unwettertiefs über den Kanaren und erschreckend feuchte Amateur-Reels mit Drohnenvideos von »Fuertes« Halbwüsten, in denen sich urplötzlich bizarre Seenlandschaften gebildet hatten, befremdliche Bilder von reißenden Sturzbächen auf ihrem Weg an die Küsten und ins Meer. (...)

Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)

Michaelas digitale Finger hatten sich in Geduld üben müssen, bevor sie in der vor allem bei Englishmen populären Feriensiedlung Costa de Antigua ein AirBnB-Quartier schießen
konnten. Unterkunft safe, einigermaßen bezahlbar, mit ein, zwei Minimarkets und einem indischen »Restaurante« in Fußnähe. Indisch? Ja, klar, geht es mir durch den Kopf, als wir von der Fähre
rollen und die Ténéré in Corralejos Hafenstraße einschwenkt. Die englische Küche ist bekanntlich gar nicht so schlecht, vor allem die indische … (...)

Nee wa? »La Ola - Panadería Alemana« und davor schon eine lange Schlange von Winterflüchtlingen im Surferlook. Darf man hier wirklich das zweite »Desayuno« ordern, ohne schamrot anzulaufen? Puuhh, mehrere Einheimische schmatzen bereits genüsslich am Nachbartisch und kurz darauf bestätigen wir begeistert: »El cortado es muy bueno« und die Rosinenschnecken mit Zucker & Zimt (Caracol) nehmen es locker mit dem heimischen Dorfbäcker auf. Gut angekommen, vom heimischen Winter verweht und mit wärmenden Sonnenstrahlen im Nacken. (...)
Corralejo ist kein Charmebolzen, schon lange kein kanarisches Dorf mehr oder war es noch nie. In den 40ern des letzten Jahrhunderts vielleicht, als Siedlung aus einer Handvoll Fischerkaten, lange bevor die ersten Ferienhäuser entstanden, fließend Wasser und Strom verlegt wurde. Heute deckt eine Runde durch den Ort sehr unterschiedliche Bilder auf, mit durchaus netten Ecken im noch spanischen Zentrum, einer lebendigen Fußgängerzone mit Geschäften, Bars und »Restaurantes«. Aber je weiter man die Kreise zieht, desto heftiger wird das Helmschütteln beim Anblick eines fetten Gürtels aus »britisch angelegten« Terraced apartments« für die bereits in den Wintermonaten anlaufende Flutwelle des Tourismus. (...)
Mögen wir nicht, also verkündet die Helmsprechanlage: »Gib erstmal Gas Richtung El Cotillo. Den Naturpark El Jable mit seinen famosen Wanderdünen heben wir uns noch auf. Da muss das Licht besser passen!« Immer wieder hilfreich, dass die fotografische Motivklingel meiner Frau mit der gleichen Frequenz bimmelt wie meine eigene. (...)
November-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Italien / Lago di Garda:
»L'ultima luce«
Wenn in Deutschland bereits die Sonnenschirme und Terrassentische im Winterkeller verschwinden und die Menschen unter Nebelbänken vom letzten Urlaub träumen, legt Italiens »blaues Auge« noch einmal Schminke und Lidschatten auf.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben warme Herbstjacken eingepackt und das letzte Licht des Jahres eingefangen.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!
Licht aus! Draußen vor dem Fenster und in meinem Kopf. Das geht nun schon seit Wochen so: Streiten statt Reden. Aufrüsten statt Frieden. Draufhauen statt Zuhören. Auf dem
Bildschirm flackern abends Kriege, mit Bombenbildern bis spät in die Nacht. Ruheloser Schlaf mit angstvollen Träumen. Und keiner sagt was, keiner macht was. Die Welt schrammt täglich stärker über
aller Seelen. Und ich? Schreibe Reisegeschichten, male in schillernden Farben, möchte vom Frieden erzählen, von einer heilen Welt.
Der Nebel auf dem Dachfenster ist dicht wie Watte, die feuchten Straßen trocknen selbst gegen Mittag nicht mehr ab. Weg hier, durchlüften, im Kopf alle Fenster öffnen. Michaela hat Kisten
gepackt: Essen und Kochkram für eine Woche, Motorradklamotten und Stiefel zum Wandern, Packtaschen, Tankrucksäcke, Kameras und Karten. Der Diesel brummt, drei Stunden Blindflug bis zum Alpenrand.
Auf dem Anhänger friert die KTM und ich weiß: Wir haben bestimmt was vergessen. Ich tippe nochmal schnell auf Martinos Fotos in WhatsApp. Malcesine mit blitzblauem Gardahimmel. Ist das wirklich
noch ein »Reel« oder ist das schon »KI«? (...)


Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)

An der Zufahrt zum winzigen Camping Grumèl, hart neben der Einfallstraße nach Nago di Torbole, ist unsere Fuhre glattweg vorbei gerauscht. Zielwasser trinken! Machen wir, gleich
nach dem Abladen der ungeduldigen Kati, denn schon gegen fünf fällt die Nacht vom Himmel. Es ist Anfang November. »Dieci giorni, è bello!«, lacht Marco, als wir für 10 Tage einchecken und erzählt
von einem verrückten Jahr. Viele Gäste, vor allem deutsche! Doch es habe sich was verändert: Unruhig seien sie geworden, die Gardasee-Touristen. Rastlos weiter nach zwei, höchstens drei Nächten,
wie getrieben. »Klick« auf den Link, »tipptipp« auf den See, «tapptapp« auf die »Must-have-seen« von Namensvetter Marco Polo. Scrollen, Wischen, weiter.
Marcos Job ist das genaue Gegenteil, verlangt Geduld und Ausdauer bei der Bewirtschaftung seiner kleinen Olivenbaum-Plantage. Kälte, Nässe, Dürre — so ein Jahr ist lang und voller Gefahren. Jetzt
im Spätherbst darf Marco den Lohn einfahren, für harte Arbeit, für ein karges Leben, für Verzicht. Urlaub? (...)

Das ist ein Fremdwort, denn da ist noch der Vater, den man nicht mehr allein lassen kann, die kleine Familie unter dem Dach des bescheidenen Hauses nebenan, wo seine Gäste saubere Duschen und
Toiletten finden. Marcos Lohn aller Mühen steht in der Vitrine im Hausgang: Olivenöl »extra virgine«, in Flaschen von mini bis stattlich.
In Gläsern abgefüllte »Pasta
rustica di Olive« und das Nebenprodukt »Composta di More« (Brombeere). Als Sirup und Marmelade für »Panini gustosi« aus frischem Hefeteig. Unsere Ankunft hätte nicht besser laufen können. Und als
über dem Lago di Garda jemand das Licht löscht, kriechen wir mit dem beruhigenden Gefühl in den Schlafsack, dass »Bella Italia« für unsere dunklen Gedanken noch ein paar Stunden »ultima luce« mit
Sonnenschein aufgehoben hat. (...)
September-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Griechenland / Kreta:
»Palaio chora«
Die griechische Mittelmeerinsel Kreta ist bei Zeus kein Geheimtipp mehr. Ihre wahren Motorrad-paradiese öffnen sich am liebsten für Tourenfahrer, die gern gegen den Strich reisen und auf touristische Infrastruktur verzichten können.
Tief im Westen der Insel haben Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) die weißkahlen Gipfel der Lefka Ori und das »Palaio chora«, Kretas altes Land, fest in ihr Herz geschlossen.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!

Sie liegt ausgebreitet auf dem Wohnzimmertisch. Blau-weiß gestreift, mit einem farblich ebenso ausgeführten Kreuz auf der linken Seite. Griechenlands Flagge als Tischläufer, als
Unterlage für starken Mokka in dicken Porzellantassen, für kleine Snacks wie »Saganaki« und frittierte Zucchinischeiben.
Manchmal wenn meine Frau beim gut sortierten Metzger unseres Vertrauens vorbeigeschaut hat, gibt’s dazu noch köstlich duftende »Keftedes« oder »Zouzoukaklia«, wie die leckeren griechischen
Hackfleischbällchen genannt werden. In Tomatensoße, versteht sich. Prompt musste die Blauweiße unlängst einen langen, roten Farbklecks erdulden. Steht ihr gut, finde ich, so unten am Rand,
fast
schon auf dem Weg zum Teppich.
Wenn ich die Augen kurz schließe, dann kommen unter dem Tomatenrest die Umrisse Kretas zum Vorschein. Völlig losgelöst vom griechischen Festland und schon auf halbem Weg nach Afrika.


Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)
»Na, spinnst du dir wieder was zusammen?« Michaela hätte zweifelsohne eine prima Psychologin abgegeben. »Ist ja bald wieder Oktober!« Das tröstet den Patienten. RICHTIG, müssen
wir machen! Im Herbst nach Kreta! Und dann können wir bei Antonio in Kissamos gleich eine neue Tischflagge abgreifen. Ohne Tomatensoße, aber mit dem erdigen Geruch des »Palaio chora«, wie
Einheimische es gern nennen: Kretas altes, fast vergessenes Land im Windschatten der Lefka Ori, der Weißen Berge tief im Westen dieser wunderbaren Insel.

Bloß weg von der Küstenstraße. Erlösend klopft mir Michaela auf den rechten Oberschenkel, die nette Chinesin darf blinken und sich durch Chanias Vorort Vamvakópoulo Richtung
Alikianós schlenzen. Freies Land für die »MT«, ab Agia wieder kretisches Dorfleben mit Straßencafés, die einladend »Coffee Mood« schildern, und Tavernen, vor denen zur Mittagszeit die
Souvlakispieße über dem Grillfeuer duften. Kretas Westen gehört offensichtlich noch zu Griechenland. Glück gehabt …
Ab Fournés wird es spannend. Das kleine Dorf liegt am Fuß der Lefka Ori, Kretas zweithöchstem Gebirgszug. Sein Oberhaupt Páhnes (Pachnes, 2453m) verpasst nur um lächerliche drei Meter das
Attribut »höchster Berg Kretas«. Also bitte Respekt! Mit ihren vegetationslosen 50 Nachbarbergen aus erosionsfreudigem Kalkgestein kommen die Weißen Berge oberhalb von 2000 Metern so glatzköpfig
daher, dass Geologen sie zur Hochwüste erklärten. Durchädert wird der gut 30 Kilometer messende Gebirgszug von 20 mächtigen Schluchten. Was sich in deren Vorlauf in Sachen Flora und Fauna so
alles abspielt, lässt sich kurz hinter Fournés in Kretas wohl schönstem Botanischen Garten bewundern.
Der Tag beginnt mir zu gefallen. Die Bergstraße hat Rock ’n’ Roll aufgelegt und schraubt sich an der Westflanke der Lefka Ori hinauf in das 450 Meter hoch gelegene Dorf Lakkoi (Lakki). Malerisch eingebettet zwischen Oliven- und Kastanienhainen, klammern sich seine Häuser sehenswert an steile Hänge. Doch die Idylle trügt und übertüncht den so typischen Niedergang vieler Bergdörfer im Hinterland Kretas. Konnten sich die »Lakkoioten« zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch vom Olivenanbau und der Haltung von Ziegen, Schafen und Hühnern ernähren, so brachen diese Erwerbszweige mit der Industrialisierung und der infrastrukturellen Verstädterung rasch zusammen.
Juli-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Deutschland / Porzellanstraße:
»Omas Bestes«
Küchendienst ist für Motorradfahrer zuweilen Strafdienst. Spätestens wenn dabei etwas danebengeht oder gar Porzellan zerschlagen wird.
Doch aus der Not lässt sich eine durchaus akzeptable Motorradtour machen, dachten Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) und verbrachten ein unterhaltsames Wochenende an der fränkisch-bayerisch-thüringischen Porzellanstraße.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!
Krach, Klirren, Geschepper! Neben mir geht mein Mann mit dem Frühstückstablett in Hockstellung. 45 Grad Neigung, das konnte nicht gutgehen. Der Weg zum Hausmann ist offenbar
steinig. In diesem Fall wohl eher porzellanig. Und jaaah, ganz richtig bemerkt, mein Bester: Das war einer der vorletzten Arzberger Teller aus dem Erbmasse meiner Oma!! Nummer 222, verraten die
Scherben. Fest die Zähne zusammenbeißen. Nicht zu schreien ist die höchste Form der Selbstbeherrschung.


Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)
»Mea culpa«, sagt mein Bester, rührend reuig und nimmt mich in den Arm. Zwei Minuten später breitet er eine Straßenkarte vor mir aus. »Den ersetzen wir natürlich«, versprechen
mir Dackelaugen, »lass uns nach Arzberg fahren. Ich hab’ eben gegoogelt, dort gibt es noch einen Werksverkauf direkt neben der ehemaligen Porzellanfabrik. Mit ein wenig Glück finden wir noch
Restbestände von Omas Bestem. Und weißt du was? Wir fahren auf Umwegen dorthin, machen daraus ‘ne geile Wochenendtour. Mein Angebot: mit zwei Übernachtungen.« Motorradmänner wissen, wie man
Frauen ködert. »Da gibt’s nämlich eine Porzellanstraße. Die führt uns vom Steigerwald über Bamberg an den Rand der Fränkischen Schweiz, dann weiter durch den Frankenwald und in einem weiten Bogen
hinauf ins Fichtelgebirge. Die Route streift weiter südlich sogar noch den Oberpfälzer Wald und quert auf dem Rückweg wieder hinüber in die Fränkische Schweiz nach Bamberg. Links und rechts der
Straße gibt’s nicht nur trockene Porzellangeschichte, sondern jede Menge Hingucker und natürlich Kurvenspaß ohne Ende.« Mein Mann ist nun offensichtlich in seinem Element. Hab’ ich es doch
geahnt. Am Ende läuft es wieder aufs Moppedfahren hinaus …

Ein Hoch mit Sonne und lockerer Bewölkung. Drei Tage ganz ohne Gewitter oder Sturzregen. Ich checke noch mal kurz, ob der ZDF-Meteorologe Sven Plöger tatsächlich von
Süddeutschland spricht oder vielleicht doch vor der Sendung ein legales Haschpfeifchen geraucht hat?! Doch unser Tröster in Zeiten dunkelster Wolkenhimmel scheint nüchtern und frei von jedem
Verdacht.
»Hast du etwa schon gepackt?« Wiederauferstanden aus dem Fernsehsessel hat mein Porzellanterminator einen Blick aufgesetzt, als würde die Butter gerade zum Nachbartisch wandern. Jetzt hat er
Stress und ich kann in Ruhe eine Route rund ums Weiße Gold plotten und in die Kartentasche des Tankrucksacks schieben.

Mai-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Griechenland / Kykladeninsel Naxos:
»Perlenparadies«
Die griechischen Kykladeninseln locken für gewöhnlich mit dem Ägäis-Dreisprung Sonne, Strand und Meer. Dabei kommen auch Motorradfahrer durchaus auf ihre Kosten, wenn sie auf Naxos anlegen und nach Reiseperlen im Hinterland tauchen.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben besonders schillernde Exemplare gefunden.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!
Apollon hat’s wirklich drauf, das muss man dem alten Griechen lassen. Der Gott des Lichts platziert die untergehende Sonne goldglühend neben den Türpfosten des mächtigen
Portara-Portals seines nie vollendeten Palastes. Die vorgelagerte, über einen Damm mit Naxos Chora verbundene Insel Palatia wird minutenlang zu einem flammenden »Cirque du Soleil«. Kein Zweifel:
Straßenkünstler Guy Laliberté, der kanadische Gründer der gleichnamigen Bühnenshow, war im Urlaub auf Naxos und hatte sein Notizbuch dabei.
Michaela schwebt und genießt, während ich unruhig an unserem Perlensäckchen nestele und mir fast den Finger auf dem Auslöser der Kamera verbiege. Bitte endlich mal ein Bild ohne die dekorativen
Köpfe von Sonnenanbetern mit Selfie Stick. Kurz bevor »Madame Soleil« mit einem blutroten Abtauchen im silbrig glänzenden Ägäis-Schaumbad verschwindet, steigert sich an der Portara allabendlich
die Bewundererdichte auf Times Square-Niveau. Kapitulation, Kamera runter.
Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)
Hey, wir haben doch noch Frühjahr! Was mag hier wohl abgehen, wenn im Juli-August europäische und nordamerikanische Fluglinien den Beweis antreten, dass man die Kykladen nicht
nur als Perlenfischer per Enduro bereisen kann? »Flugverbot«, schießt es mir durch den Kopf, als wir über den vom Meerwasser überspülten Damm in den Hafen von Naxos zurücktrippeln, doch Michaela
kontert: »Du bist nicht allein auf der Welt.« Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.
Der Abend scheint genug von der Hitze des Tages zu haben, kühlt Naxos mit einer Meltemi-Brise von See her, taucht das dunkelbraune venezianische »Kastro« und die wäscheweißen würfelförmigen Häuser des Burgbergs in ein warmes Orange. Chora, wie Naxos-Stadt inselläufig genannt wird, hat inzwischen Shorts und T-Shirts mit luftigen Abendkleidern getauscht, ich habe was zu gucken und bin emotional wieder im Sinkflug. Ist doch auch schön, nicht ganz so allein zu sein und Englisch verstehe ich sowieso viel besser als Griechisch.

Nach einer Stunde Schnitzeljagd im Gassengewirr und fußläufigem Perlentauchen zwischen in- und aufeinander geschachtelten Häusern, durch bunte Boutiquen und Läden, über Treppen
und Vorhöfe meldet mein Magen Protest an: »Essen fassen! Und morgen wird Mopped gefahren!!“ Meine Frau hat bekanntlich auf alles eine Antwort: «Durchhalten, Maro’s Taverna liegt grad um die Ecke.
Wird dir garantiert gefallen.«
Stühle auf der Gasse, drinnen bunt gemischtes Publikum, Holztische in verwinkelten Ecken und Erkern, Schwarzweißfotos, die belegen, dass Maro früher mal Motorrad fahren durfte, hausgemachte
traditionelle Gerichte und ein D-u-f-t … Schon eine Gasse vorher dekodiert meine Nase gegrillten Tintenfisch, frittierte Zucchini, scharf gewürzte Bifteki und reichlich Knoblauch. Hinsetzen, Mund
halten, einfach nur da sein. (...)
März-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Tschechien-Polen-Deutschland / Oder-Reise:
»Brückenschläge«
Jahrzehntelang war die Oder in den Köpfen der Menschen verknüpft mit der Neiße. Eine politische Grenze, die zwei Völker unerbittlich trennte. Mit dem Mauerfall und der EU- Osterweiterung rückt Polens vergessene Odra zunehmend in die Mitte Europas und verbindet, was die Oder einst trennte.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben den Strom begleitet.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!

Auf den letzten fünfzig Kilometern hat sich die Landschaft runderneuert. Die sommerheißen Ebenen der böhmisch-mährischen Höhe entlassen die Landstraße ins Flusstal der Morava. 31
Grad auf der Anzeige im Display der KTM: Erbarmen! Mit dem barocken Olomouc (Ölmütz) am Flussufer beginnt ein erstes Durchatmen. Michaela fingert nochmal kurz in Google, überträgt TomTom zwei
neue Routenpunkte. Augenzwinkern und »Nicht dass uns das Oder-Baby noch durch die Lappen geht.« Kurz hinter dem Dorf Velký Újezd zackt die schmale 441 direkt ins Quellgebiet der Odra. Keine fünf
Gasstöße später ankert meine Flusslotsin neben dem Dorf Kozlov: »Irgendwo da hinten in den Oderbergen liegt der Fidlův kopec, zu Deutsch Fiedelhübel. Fleißige Wanderer finden dort die überdachte
Oderquelle.« Wusste ich doch, dass diese Kreißsaalgeschichte noch einen Haken hat. »Und da DU natürlich keine Wanderstiefel dabei hast, schlage ich vor, dass wir unser Flussbaby nach seiner
Geburt erstmal still vor sich hinplätschern lassen und dem Knaben erst ab Spálovský Mlýn in die Seite fahren, wenn er schon laufen kann. »Fahren« ist das Stichwort. Ich liebe meine
Frau.

Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)
Kinderstube. Seit neuestem navigiert »Major Tom« offensichtlich auch über Wanderwege. Was da mit gut 20 Prozent Gefälle ab dem Dorf Spalov in den Laufstall unseres
Lieblingsflusses hinabbolzt, ist mit dem Wort »Straße« geradezu euphemistisch beschrieben. Unten angekommen dann großes Hallo. Unter ihrer ersten Brücke purzelt munter Odra-Oder und da heute
Sonntag ist, pilgern Gott und die Tschechen durch das Flusstal zur Maria skála, einem beliebten Wallfahrtsfelsen mit Trinkwasserquelle. Unzählige Grillstellen, Jugendcamping und
Parkplatzgeschammel. Von wegen beschauliche Kindheit.
Wieder befreit und übermütig fließt Odra durch lichten Wald mit flirrendem Sonnengefunkel nach Heřmánky und Jakubčovice nad Odrou. Fast beleidigt muss der junge Fluss kurz darauf in Odry eine
städtische Begradigung seines Bettes erdulden, geradezu herzlos. Wir besänftigen den Schaum auf seinem Wasser, vertrösten mit Wiedergutmachung am nächsten Tag und nehmen derweil Quartier im Hotel
Graphic in Nový Jičin. Ruhige Lage, frisch renoviert, für Küche & Koch gibt’s drei Sterne. Das Dobrou noc (Gute Nacht) zu später Stunde klingt ehrlich und von Herzen.

Stromerzeit. Der Weg über die Dorfweiler Mankovice, Jesenik nad Odrou und Studénka gehört mit Sicherheit zu den glücklichsten Lebensabschnitten der Odra. Ein verspieltes Mäandern
durch sattgrüne Wiesen und Auen, flankiert von malerischen Teichen und Tümpeln, fernab der Straße und kindgerecht unberührt. Odra ahnt noch nichts von der Bürde eines industriellen
Transportweges. Von harten schlesischen Arbeitsjahren in ihrem Ober- und Mittellauf. Von Begradigungen und Staustufen, spätestens seit sich nach der Okkupation Schlesiens durch König Friedrich
II. preußische Ingenieure im 18. und 19. Jh. die Schiffbarmachung der Oder auf die Fahnen geschrieben hatten. Gut so, denn wie alle Kinder würden auch Flussknaben zuweilen nicht wachsen wollen,
wüssten sie vom Los ihrer Zukunft.

Februar-Ausgabe '25 des TOURENFAHRERs:
Griechenland / Kykladeninseln Andros & Tinos:
»Perlenfischer«
Bereits im Altertum wurden sie die »Perlen von Hellas« genannt. Die griechische Inselgruppe der Kykladen liegt in der tiefblauen Ägäis und bietet ein abenteuerliches »Island Hopping« mit kultureller Vielfalt.
Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) haben im ersten Teil ihrer Reise auf Andros und Tinos schillernde Perlmuscheln geerntet.
Zum Vergrößern: Bitte aufs Foto klicken!

»Ich gebe euch einen Briefumschlag mit auf den Weg, den ihr bitte auf der Insel Tinos in der großen Wallfahrtskirche Panagia Evangelistria für uns abgebt. Wir bitten für die
Gesundheit der Menschen, die uns nahestehen, für unsere Familien und unsere Freunde.«
Eirini steckt uns noch einen zweiten kleinen Umschlag zu, ganz ernst, fast geheimnisvoll: »Und bei der Ikonostase seht ihr einen Ständer mit brennenden Opferkerzen. Zündet bitte eine für uns an
und steckt das Geld in die Spendenbox daneben.«
Der kleine Umschlag wandert in meinen Tankrucksack. Während der Motor meiner KTM nun schon seit Stunden auf der E75 Richtung Athen grummelt, kehren meine Gedanken immer wieder zu dieser seltsamen
Abschiedsszene zurück. Unsere griechische Gastgeberin ist eine moderne Frau, trägt Verantwortung für eine touristische Einrichtung mit beachtlicher Infrastruktur. Eine Frau, die es gewohnt ist,
die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Entscheidungen für ihre Mitarbeiter zu treffen. Aber da gibt es noch eine zweite, philosophische Welt. Mit einem Glauben, ganz tief in ihrem Herzen, und
einem Himmel für alle Menschen.

Zur Heftbestellung bitte auf das Cover klicken!
(als Print-Ausgabe oder E-Paper)
»Andros vorauuus!« Die Tickets wild schwenkend stürmt mein Mann aus dem »Fast Ferries«-Büro im Hafen von Rafina. Männer mutieren gern mal zu lauten Jungs, motorradfahrende
zuweilen auch öfter. »Andros«, hat er gestern Abend mit wichtiger Miene rezitiert, «das ist die Insel der Seefahrer, der Kapitäne. Keine kleinen Fischkutter, sondern dicke Pötte. Man nannte
sie früher sogar Mikra Anglia, das kleine England. In den 30ern waren dort fast ebenso viele Schiffe registriert wie in Piräus. Hammer, oder?!«
Wie viele Tsipouro hatte er am Vorabend? »Wir werden aufs Meer hinaus fahren. Mit der dicken KTM als Fangschiff und deiner zarten CRF als Beiboot. Die Kykladen erkunden, von Insel zu Insel
hüpfen, nach kostbaren Perlen tauchen.« Seine Kati hat in solchen Momenten keinen Bremshebel mehr…

Hinter dem sprudelnden Fahrwasserschweif der Fähre möchte die Sonne sich soeben schlafen legen. Gavrion empfängt Seefahrer weiß geschachtelt und gestaffelt am Berghang. Getüncht
in warmen, milden Farben und völlig gechillt. Keine Stunde mehr und die Juninacht fällt vom Himmel. Stille kehrt ein, als die Fähre den Hafen wieder verlassen hat. Ein, zwei Segler kreuzen noch
quer, zwei hungrige Enduristen kreisen um wenige noch offene Tavernen, ein paar Einheimische rauchen am Kai. »So muss das sein«. Mein Perlenfischer ist sichtlich zufrieden und startet beim
Absacker-Wein noch einmal das Bildungsprogramm: »Andros, die nördliche Perle der Kyklades. Eine unbekannte Schöne, oft nur Zwischenanleger auf der Seereise nach Naxos oder Mykonos. Das
touristische Waisenkind unter den Kykladeninseln.« Jetzt Buch zu, den sanften Schlag der Wellen gegen die Kaimauer genießen und die erwartungsfrohe Spannung an den Frühstückstisch im Andros
Holiday retten. Die Enduros maulen sich in die Nacht, regnet es doch tatsächlich ein paar Bindfäden (...)
