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Pergamon, Pinien und Meer

Reisetagebuch "Türkei"

21. Sept. 2018 - Tage: 104 km - Gesamt: 10.995 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Bergama (Pergamon) nach Küçükkuyu (Golf von Edremit)

Trajaneum von Pergamon am frühen Morgen
Trajaneum von Pergamon am frühen Morgen

Pergamon - schon der Name dieses antiken hellenistischen Kulturzentrums birgt eine knisterne Spannung. Laut einer antiken Legende soll in dieser Stadt das Pergament erfunden worden sein, die Grundlage für Aufzeichnungen und später Bibliotheken in der Antike. Die Ruinen von Pergamon stehen auf einem 335 Meter hohen Burgberg, wie ein Thron über dem Flußtal des heutigen Bakır Cayı, den die alten Griechen Kaïkos nannten. Schon in der Antike war die  Kaïkosebene fruchtbar und dementsprechend dicht besiedelt. Die Mündung des Flusses lag in der Bucht zwischen Elaia, dem ehemaligen Hafen Pergamons, und Pitane, einer Stadt mit zwei Häfen und regem Handelsbetrieb. Man muss schon über genaues Kartenmaterial verfügen, um heute noch die wenigen Überreste dieser antiken Epoche aufstöbern zu können. Beim Dorf Kazıkbağları könnte man fündig werden oder man fährt nach Çandarlı und besucht unweit des heute beliebten Badeortes die Ausgrabungen von Pitane, so wie wir es im Verlauf unserer 2004er Ägäisreise taten. 

Pergamon: Ruinen des Burgtors
Pergamon: Ruinen des Burgtors

Pergamon hat etwas Mystisches, eine ganz besondere Ausstrahlung, und als wir kurz nach 8 Uhr in der Früh als erste Besucher die steilen Stufen zum Ausbrabungsgelände hinaufsteigen, da ist es sofort wieder da: dieses Gefühl, plötzlich Teil einer ganz besonderen Geschichte zu sein. Die Ruinen von Pergamon atmen immer noch Vergangenheit aus… Die Attaliden waren es, welche Pergamon Größe und Bedeutung verliehen, die serpentinenförmig angelegte Stadt ausbauten, vornehmlich durch die Herrscher Eumenes II. und Attalos II. In jener Zeit konzentrierte sich das Leben in Pergamon auf die Akropolis, es entstanden Agoras, Tempel, das famose Theater für 15.000 Besucher und die nach Alexandria zweitgrößte Bibliothek der Welt mit über 200.000 Buchrollen. Man benötigt schon ein gerüttet Maß an Fantasie, um sich vorzustellen, wie das Stadtleben in jener Zeit wohl ausgesehen haben mag. Doch wer an den verbliebenen Säulen des Trajaneums emporschaut, über das Terrain des Athenatempels mit seinen umrandenden Säulenstümpfen schreitet oder sich auf eine der oberen Stufen des Theaters setzt, der kann zumindest erahnen, welche Ausdehnung und Größe Pergamon einst hatte. Viele der wertvollen Funde befinden sich leider oder Zeus sei Dank nicht mehr auf dem Grabungsgelände, sondern wurden vornehmlich ins Pergamonmuseum in Berlin (z.B. der berühmte Pergamonfries und Pergamonaltar) oder seit 1936 in das Archäologische Museum Bergama verbracht. 

 

Wir haben knappe eineinhalb Stunden gutes Licht für schöne Fotos zur Komplettierung unserer Nachmittagsaufnahmen aus der 2010er Türkeirundreise. Dann wird das Sonnenlicht hart und zudem wird das Areal von zwei chinesischen Reisebussen geflutet. Bunte Sonnenhüte und Selfies an jeder dorischen Säule — wenn Pergamons König und Hobbymediziner Attalos III. das hätte erleben müssen. Er hätte für das Schlangengift, das er angeblich an seinen Sklaven ausprobierte, bestimmt neue Verwendungsmöglichkeiten gefunden…

Pergamon "Basecamp": Er hat 5 Puppy dogs zu bespaßen...
Pergamon "Basecamp": Er hat 5 Puppy dogs zu bespaßen...

Wenn meine Frau und ich fotografieren, vergessen wir gerne die Zeit. Prompt verlassen die Enduros erst gegen 11 Uhr das inzwischen zu vollem Leben erwachte Bergama. Dabei konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die „Karı“  (=Ehefrau) des Hoteliers gern mitgereist wäre. Immer wieder trat sie vors Hotel, schaute Michaela beim Packen zu und hatte dabei so ein helles Leuchten in den Augen… 

Wir vermeiden den direkten Weg an die Küste und suchen die stille Bergstraße nach Ayvatlar. Herrliche, geschlossene Pinienwälder saugen uns auf, beschatten mit mächtigen Kronen unseren Weg und entführen die Bikes in ein sattgrünes Paradies. Nur wenige Dörfer liegen am Wegesrand. Kozak, Ayvatlar und Demirdere - abgeschieden und verschlafen, ein wenig Honigverkauf, Olivenstände und Eingemachtes aus dem eigenen Garten. So sollte es ewig weitergehen…

Mit Erreichen der D-550 bricht schlagartig die Idylle entzwei und wir folgen dem hektischen Pulsschlag der Küstenstraße bis Ören. Hier gibt es keinen dörflichen Charakter mehr, hier leben die Menschen vom Fremdenverkehr, von Reisebussen und Pauschalurlaubern. Ganze Feriensiedlungen mit Apartmenthäusern und Sommerresidenzen sind entstanden, haben sich krakenförmig bis in den letzten Winkel des Edremit Körfezi (= Golf) ausgedehnt und so staut man sich mühsam durch die verwinkelten Straßen. In Akçay ist gerade Wochenmarkt und der Verkehr kommt völlig zum Erliegen. Wir nehmen es gelassen, treiben zähflüssig an den Obst-, Bekleidungs- und Haushaltsständen vorbei und ziehen dann doch wieder hinaus auf die schnelle Küstenstraße, um wenigstens noch ein paar Kilometer zu machen. 

Bergama: Welcher passt denn noch auf die CRF...?
Bergama: Welcher passt denn noch auf die CRF...?

Küçükkuyu kennen wir schon von früheren Reisen, haben hier gern mal Station an einem Badesteg gemacht, auf dem man in gemütlichem Gestühl ausruhen und Çay trinken kann. Das „Altıner“-Hotel mit seinem weiten Park direkt am Wasser sieht ganz gut aus und wir beschließen, die 120 Kilometer nach Çanakkale und weiter nach Lȃpseki zur Fähre über die Dardanellen dem nächsten Tag zu übergeben, um hier die Türkei ausklingen zu lassen. Noch einmal gemütlich am Meer sitzen, Tee trinken, leckere Köfte verspeisen, klebrig-süße Baklava als Nachtisch und dazu ein kaltes Efes-Bier. Die Übernachtung mit Frühstück und (!) Abendessen kostet 40 Euro. Und ich will gar nicht erst wissen, was die Reiseunternehmen für ihre Pauschalangebote da noch zusätzlich „erpressen“. „Der Pool ist recht groß, da kannste nich meckern!“, höre ich so nebenbei am Nachbartisch. Ja, Kumpel, Recht haste, das Meckern beginnt schon daheim, wo ihr Billigheimer euch die Woche Türkei für 170 Euro mit Flug rauslasst. Damit können die Hotels am Meer so richtig Kohle machen und ihre Angestellten ganz sicher fürstlich entlohnen…

 

Soll ich noch was zu dem Sonnenuntergang von Küçükkuyu schreiben? Einfach nur „çok güzel“ und ein weiterer Mosaikstein in unserem Plan, wiederzukommen - so bald wie möglich! -

In den Pinienwäldern von Ayvatlar (östlich von Bergama)
In den Pinienwäldern von Ayvatlar (östlich von Bergama)
Hotelpark des „Altıner“-Hotels (nahe Küçükkuyu)
Hotelpark des „Altıner“-Hotels (nahe Küçükkuyu)
Wir können auch "All-inclusive" im Pauschali-Bunker ... 😂
Wir können auch "All-inclusive" im Pauschali-Bunker ... 😂

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Kommentare: 1
  • #1

    Hans Dieterich (Freitag, 28 September 2018 09:58)

    Hallo Ihr beiden,
    habe euren Reiseblog immer wieder mit großem Interesse gelesen - phantastische Route (!) -
    sehr eindrucksvolle Bilder und Texte - großen Respekt vor eurer fahrerischen Leistung (!!)
    ... und fast unglaublich, dass meine Tochter Carmen euch in Griechenland getroffen hat!!!
    Vollends gutes Heimkommen und liebe Grüße
    Hans-J. Dieterich

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