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Der schönste weiße Fleck der Türkei

Reisetagebuch "Türkei"

19. Sept. 2018 - Tage: 330 km - Gesamt: 10.591 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Ilgın nach Pamukkale (Provinz Denizli)

Pamukkale: Die Bassins der Sinterterrassen sind ausgetrocknet...
Pamukkale: Die Bassins der Sinterterrassen sind ausgetrocknet...

Beim Frühstück im Speisesaal des „Saheb Ata“ sind wir schon „integriert“ und werden mit einem „Güneydın“ oder sogar Zuwinken begrüßt. Fremdeln geht nicht und gilt nicht, jedenfalls nicht in türkischer Gesellschaft. Auch das Packen der Motorräder hat Zuschauer und Nachfrager, nie aufdringlich, aber eben auch nie gleichgültig.

 

Wir haben uns entschlossen, auf dem langen Transfer nach Çanakkale und damit an die Dardanellen noch drei, vier weitere „Turkish Delights“ einzubauen. Kurz vor Akşehir verlassen wir die eintönige Schnellstraße D-300 und ziehen auf der 695 ins Landesinnere. Unvermittelt und fast brutal macht die Straße derart Höhenmeter, dass den CRFs leicht die Puste ausgeht. In wenigen Schwüngen ist die Passhöhe des Yellibel erreicht (1600 m) und wir genießen einen erhabenen Blick hinab auf die Akşehir Ovasi („Ebene“😉).

 

Passabwärts wartet eine Seenlandschaft erster Sahne, und wer zum erstenmal in der Türkei unterwegs ist, sollte diesen Schlenker unbedingt in seine Route einbauen:  Der Burdur, der Eğirdir und der Beyşehir Gölü (= See) liegen unterhalb des Taurus-Gebirges und bekommen klimatisch alles mit, was man für den Anbau von Wein, Obst und Gemüse braucht. Als eine besondere Attraktion wartet zudem noch die Rosenstadt Isparta am Wegesrand, die Kennern guten Parfüms sicherlich ein Begriff ist. Wir können in diesem Jahr nicht ganz so weit ausholen wie 2010 und ziehen daher über Yalvaç lediglich an den nördlichsten dieser drei Edelseen, den Eğirdir Gölü. Ein paar seebegleitende Kilometer reichen, um den tief in meiner Erinnerung abgespeicherten Charme dieser Region wiederzubeleben. Dieser See ruht sanft eingebettet in die Höhenzüge der Dedegöl- und Kuyuçak-Berge (bis zu 2900m) und buchstabiert das Wort „E-n-t-s-p-a-n-n-u-n-g“. Direkt am See liegt eine inzwischen langsam verfallene Erholungsanlage mit Steg und Bootsanlager, Liegewiese, Baumbestand und gemischtem Kies- und Sandstrand. Sehr schön angelegt, eine gute Idee als Naherholungszentrum — doch bis auf ein paar Einheimische, die hierher zum Baden und Picknicken kommen, fast menschenleer. 

Eğirdir Gölü: Still ruht der See...
Abfahrt vom Yellibel-Pass (1600m) mit Blick auf die Akşehir Ovasi (=Ebene)

Leider verkommen solche Juwele dann sehr schnell zu einer wilden Mülldeponie, was über Land in der Türkei immer wieder ein Problem ist und mitteleuropäische Reisende schockiert. Da wird hemmungslos ausgeleert, was man daheim nicht loswird, wobei sich vor allem die im Land offensichtlich noch völlig ungeklärte Frage der Entsorgung von Kunststoffprodukten als ein immer größer werdendes Problem darstellt. Jeden Tag werden Abertausende von Wasserflaschen aus Kunststoff und Glas gekauft, ausgetrunken, weggeworfen - doch wohin damit? Die Türkei benötigt auch und gerade über Land dringend ein gut organisiertes, flächendeckendes Netz von Recycling-Stationen und Müllverbrennungsanlagen; dazu unbedingt die Einführung eines Flaschenpfands, damit ein Anreiz entsteht, Kunststoff- und Glasprodukte auch tatsächlich zurückzugeben. Für die Ärmsten der Armen wäre ein solches System - und dies ist nicht zynisch gemeint - eine Art „Zusatzverdienst“, und die vielen kleinen „Wegwerf- und „Im-Wald-versenkt“-Deponien hätten sich wenigstens teilweise erledigt… (Bleibt nur zu hoffen, dass Erdoğans Administrative  🇹🇷diesen Blog mitliest…😅) 

 

 

Apfelplantagen, so weit das Auge reicht. Eingebettet zwischen den Höhen der Karakus-Dağı dehnt sich die Gencalı Ovası-Hochebene, geschützt und von der Sonne verwöhnt.  Es ist die Zeit der Apfelernte und so röhren die Einzylinder der Erntefahrzeuge mit prallvollen Ladeflächen die Straße entlang auf dem Weg zur nächstgelegenen „Alim merkezi“ (Annahmestelle für Obst). Hier türmen sich sauber sortengetrennt die Apfelberge und als wir für ein paar Fotos kurz am Straßenrand halten, winkt uns Mehmet Turgut zu sich rüber in den Schatten und serviert zwei Gläser Çay. Er ist mächtig stolz, dass wir uns für seinen Job interessieren, und immer wieder sind wir erstaunt, mit welcher Leichtigkeit und Unkompliziertheit „Kommunikation“ mit türkischen Menschen funktioniert. Dabei spielt das Wort „Alman“ eine ganz entscheidende Rolle. Wie kein zweites scheint es positiv besetzt zu sein, ein respektvoller Türöffner, der sofort für eine gute Atmosphäre sorgt.

Mehmet macht uns klar, dass sein Sohn wohl in der Nähe von Salzburg lebt und er ihn auch bereits dort besucht habe. Und was sein Minenspiel und seine Hände dabei erzählen, ist diese wunderbare Mischung aus Begeisterung und purer Freude, die wir unterwegs immer wieder genießen. Ein wohltuender Kontrast zur griesgrämigen deutsch-türkischen Großwetterlage in den Tagesnachrichten, zu diesem fruchtlosen Zeigefingerheben und Oberlehrerspielen. Schade, dass man Politiker nicht dazu verpflichten kann, das Land, über das sie reden und urteilen, zunächst einmal vier Wochen lang im Sattel einer Enduro zu bereisen. Da würde sich so Manches zurechtrütteln und relativieren, was Fahnenschwenker Recep Tayyip Erdoğan in die politische Welt hinausposaunt…

Eğirdir Gölü: Still ruht der See...
Eğirdir Gölü: Still ruht der See...

Bitte nicht missverstehen: Wir sind weiß Allah keine Anhänger des türkischen Präsidenten, sondern hängen eher den Ideen des Staatsgründers Kemal Atatürks nach, der eine klare Trennung von Religion (Islam) und Politik anstrebte und damit gerade jene Re-Islamisierung verhindern wollte, die Erdoğan seit seinem Amtsantritt 2014 massiv vorantreibt. Aber wir sehen eben auch, dass jeder zweite Türke ihn nicht (!) gewählt hat und dass viele seiner Anhänger sich natürlich von den Großprojekten des Präsidenten blenden lassen. Der Straßenbau wurde bereits angesprochen, womit der Güterverkehr und die Güterversorgung bis in die ostanatolischen Städte und Dörfer hinein immens zugelegt hat. So reisen wir zwischen Dinar und Denizli inzwischen fast durchgehend vierspurig und können entspannt den Blick auf den gewaltigen Salzsee Acıgöl genießen. Dahinter verliert die Route Höhenmeter um Höhenmeter und die Temperaturen gehen so spürbar nach oben, dass Pulli und lange Unterhose wieder in den Packsack verbannt werden müssen. Die Großstadt Denizli liegt gerade noch auf 360 Metern Höhe ü. NN und zeigt mit ihrem rapiden Wachstum von 500.000 Einwohnern 2012 auf über eine Million 2016 ein weiteres Großprojekt der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi) des türkischen Präsidenten: den Wohnungsbau. Geradezu unvorstellbar gewaltig, was sich da seit unserer letzten Türkei-Motorradreise 2014 in der Türkei getan hat. 

 

„Rege Bautätigkeit“ wäre eine starke Untertreibung. Das ist ein Bauboom, wie er in Deutschland bestenfalls in den 60ern und 70ern zu beobachten war. Und immer sind es vielstöckige Hochhäuser und Wohnblöcke am Stadtrand, die zudem noch eine komplett neue Infrastruktur erfordern. „Woher kommt das Geld dafür“, fragt Michaela oft, wenn wir wieder mal staunend unser Türkeibild korrigieren müssen. Das Ganze ist natürlich ein Schneeballprinzip, das nur funktionieren kann, wenn sich der neue Wohnraum gewinnbringend verkaufen oder vermieten lässt. Das hat jahrelang - auch wegen einer immer noch anhaltenden Bevölkerungsflucht aus dem Osten in den Westen des Landes - funktioniert, aber seit 2016 bricht die Bauwelle ihren Kamm. Die Preise für Wohnraum fallen bei gleichzeitig steigenden Land- und Baukosten. In Istanbul stehen bereits Tausende von Wohnungen leer. Die in Dollar aufgenommenen Kredite der Bauunternehmen müssen bei einer rasant gestiegenen und weiterhin steigenden Inflation aber in Lira (!) verdient und abbezahlt werden. Langfristig ist das ein Ding der Unmöglichkeit und die Frankfurter Rundschau zitierte bereits im Dezember 2017 den Istanbuler Baulöwen Ali Agaoglu mit den Worten: „Um die Räder am Laufen zu halten, werden einige Unternehmen sich einen Finger, andere einen Arm abschneiden müssen.“

Vielleicht wird auf diesem Hintergrund begreiflich, warum die türkische Russland-Politik eine Art Kehrtwende vorgenommen hat, seit sich in Sachen EU-Aufnahme rein gar nichts mehr bewegt. Erdoğan und seine Aufschwungpartei brauchen den Erfolg gigantischer Großprojekte wie den kürzlich verkündeten „Kanal Istanbul“ als zweiten Bosporus-Zugang, um den Schneeball in Schwung zu halten. Die russische Karte mag weitere Großprojekte (siehe Pipelinebau) versprechen, jedoch kann sie den Teufelskreis der türkischen Wirtschaft nicht durchbrechen: Der Erdoğan-Boom ist mit fremdem Kapital auf der Basis von Dollar- und Eurokrediten finanziert, die aufgrund der letztjährig 15% betragenden Inflation kaum noch zurückzahlbar sind. Die Folge: Internationale Investoren ziehen ihr Kapital bereits aus der Türkei ab, was den Teufelskreis letztlich schließt…

Apfelernte auf der Gencalı Ovası-Hochebene
Apfelernte auf der Gencalı Ovası-Hochebene

Auf vierspurigen Straßenabschnitten ist mir immer langweilig und ich muss politisieren. Aber vielleicht hilft der eine oder andere Gedanke ja auch, das Türkeibild unserer Medien zumindest zu erweitern und/oder Entwicklungen erklärbar zu machen. Pamukkale/Hierapolis steht auf den Wegweisern und wir nähern uns einem „Turkish Delight“, das dem Reisenden schon von weitem sichtbar eine schneeweiße Zunge ausstreckt: den Kalksinterterrassen von Pamukkale. Über Jahrtausende hinweg lagerte sich an einem terrassenförmig verlaufenden Berghang aus dem kalkhaltigen Wasser einiger Thermalquellen harter Sinter als Decke über dem eigentlichen Felsgestein ab. So entstand der „schönste weiße Fleck“ auf der türkischen Landkarte. Pamukkales Terrassen wurden auf die Liste des UNESCO Weltkulturerbes gesetzt und über die Jahre avancierte Pamukkale zur türkischen Touristenattraktion Nummer Eins. 

 

Damit begann das Drama dieses einmaligen Naturphänomens, denn Massentourismus verlangt immer Opfer. Tausende von Touristen kamen, trampelten mit ihren Schuhen auf dem empfindlichen Sinterbelag herum, badeten in den überlaufenden Quelltöpfen der Terrassen. So habe ich es selbst bei meiner ersten Türkeireise 1989 noch erlebt und selbstverständlich saßen meine Reisebegleiter und ich ebenfalls in der Thermalwasserwanne und genossen den Sonnenuntergang. Eine weitere Sünde: In den 60ern baute man oberhalb der Terrassen Hotels, die das warme Thermalwasser abzweigten, und schon bald verfärbten sich die Sinterterrassen in ein hässliches Graubraun. Die UNESCO drohte, Pamukkale den Weltkulturerbe-Status zu entziehen und die türkischen Behörden reagierten. Die Hotels wurden abgerissen und den Besuchern Pamukkales wurden klare Verhaltensregeln diktiert: nur barfuß auf bestimmten Pfaden. Zudem überwachen Wärter die Einhaltung dieser Regeln und pfeifen noch heute russischen Bikinischönheiten hinterher, die in den Kalkwasserbassins für den Playboy-Kalender posieren. 2012 jubelte dann die WELT: „Die Sinterterrassen in Pamukkale strahlen wieder“ (04.10.2012) und alles schien in bester Ordnung. 

Pamukkale: Bedrohte Idylle (Der Berghang zeigt deutliche Sinterabplatzungen.)
Pamukkale: Bedrohte Idylle (Der Berghang zeigt deutliche Sinterabplatzungen.)

Unser Besuch in diesem Jahr zeigt leider, dass Pamukkale sich nun gegen einen zweiten Feind erwehren muss, der nicht so einfach in den Griff zu bekommen sein wird: die Trockenheit durch ausbleibende Niederschläge, den in der Folge stark reduzierten Output der Thermalquellen. Und wenn über Sinter kein Kalkwasser mehr fließt, vergraut er zusehends bzw. die Sinterschicht bekommt unter der ständigen trockenen Sonneneinstrahlung Risse und ganz Stücke platzen heraus. Schaut Euch die Fotos an! Sie zeigen die Schäden am großen Sinterhang bereits überdeutlich… Wir waren jedenfalls nachhaltig schockiert, wie sehr sich der Zustand der Terrassen in den letzten paar Jahren verschlechtert hat. Beim diesjährigen Besuch waren die Kalkwasserbassins komplett ausgetrocknet und nur zwei, drei „Ansichtsexemplare“ entlang der Trampelpfade für Besucher hatten überhaupt noch Wasser. Schon seit Jahren versucht man, das Thermalwasser abwechselnd über verschiedene Bereiche des Felshanges laufen zu lassen, um überhapt noch alle Sinterflächen befeuchten zu können. Nun scheint mit dem Klimawandel auch diese Taktik keinen Erfolg mehr zu versprechen. Wir verlassen Pamukkale nicht nur nachdenklich, sondern auch sehr traurig und haben uns vorgenommen, im nächsten Frühjahr nochmals vorbeizuschauen, um unser Bild zu vervollständigen…

 

Etwas Erfreuliches noch schnell zum Schluss: 2010 fanden wir gleich unterhalb der Terrassen das kleine Hotel „Pamukkale“ der Familie Kaya und fühlten uns dort pudelwohl und gastfreundlichst aufgenommen. Kleine, einfache Zimmer mit schlichter Ausstattung, eine herrliche Frühstücksterrasse auf dem Dach des Hauses mit Blick auf Pamukkale, ein netter kleiner Pool, gespeist durch Thermalwasser, das seinen Weg über die Sinterterrassen bereits hinter sich hat (!). Wir haben uns durchgefragt und die Kayas wiedergefunden. Sie haben alles beim Alten und Bewährten gelassen, sind so nett und sympathisch geblieben, wie wir sie vor acht Jahren kennengelernt haben. Das ist nichts Selbstverständliches und beweist, das auch sanfter Tourismus funktionieren und eine Familie ernähren kann. Das „Hotel Pamukkale“ ist im Sommer ständig ausgebucht und die Kayas sind damit vollauf zufrieden. -

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Kommentare: 1
  • #1

    Roland Kater (Donnerstag, 27 September 2018 10:24)

    Hallo meine Lieben,
    bisher konnte ich eure Eindrücke ja nur mit Staunen und Bewunderung aufnehmen.
    Aber die weißen Sinterterrassen habe ich auch schon bewundert.
    Wir haben sie von der Küste aus während eines G-Urlaubs besucht!
    Der letzte "unbelastete" Urlaub mit M.!
    Lasst es euch weiterhin gutgehen!

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