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Cool in Cappadokia

Reisetagebuch "Türkei"

14.-17. Sept. 2018 - Tage: 419 km - Gesamt: 9921 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Sivas nach Mustafapaşa / Kappadokien (3 Ruhetage)

"The three Beauties" in Ürgüp/Kappadokien
"The three Beauties" in Ürgüp/Kappadokien

Es gibt Reisetage, da muss die Säge sägen. Wir wollen heute Kappadokien erreichen und werden unterwegs keine Gefangenen machen. Das bedeutet: Der Tankrucksack bleibt zu, die Kameras drin und Udo darf keine Fahraufnahmen machen. Michaela kennt da keine Gnade und so fräsen die 250er Enduros eine Schneise knapp unterhalb der Kammhöhe der İncebel Daǧları rechterhand der Route. Die 260er Landstraße zwischen Silvas und Kayseri ist gut ausgebaut, durcheilt mit Sarkışla und Gemerek eher gesichtslose Ortschaften, und gäbe es da nicht die Passhöhen des Beştepeler Geçidi und des Lâlelibeli Geçidi mit ihren sanften Anstiegen auf 1350 Meter, so wären die CRFs sicherlich eingeschlafen. 

 

Burgfelsen von Üçhisar / Kappadokien
Burgfelsen von Üçhisar / Kappadokien

Allah sei Dank treffen wir kurz vor Kayseri die muntere Dilek bei einer Tankpause und tauschen unsere Erfahrungen mit Türken und Deutschen im Umgang mit Türken und Deutschtürken aus, was spannende Anekdoten nach sich zieht. Dilek ist Deutschtürkin und lebt im schönen Wiesbaden, wo die Menschen sich von der Türkei und den Türken ein festes Meinungsbild gemacht haben, das mediengefüttert auf Erdoǧan und seinen Umgang mit Terroristen und vermeintlichen Staatsfeinden basiert. So ein hartes Fundament mit persönlichen Reiseerfahrungen wieder aufzuweichen, ist schwierig und langwierig, weiß Dilek zu berichten, die selbst bei Freunden auf taube Ohren stößt, wenn sie für die Gastfreundschaft ihrer Landsleute wirbt, die nicht alle dem MIT (Millî Istihbarat Teşkilâti = Türkischer Geheimdienst) angehören. Es ist zum Verrücktwerden, aber Tatsache ist: Man trifft derzeit auf Reisen über Land kaum Deutsche, selbst wenn die völlig risikolosen Pauschalbuchungen für die türkischen Mittelmeerregionen nach der Flaute von 2015 (Rückgang von 5,5 auf 3,5 Mio. Besucher) inzwischen wieder Zuwachsraten melden. 

 

Raus aus dem All-Inclusive-Hotel und individuell quer durchs Land reisen! Mensch, Leute, macht’s einfach mal! Ihr werdet begeistert sein und nichts, aber auch rein gar nichts von Überwachung, Repressalien oder ähnlichen Befürchtungen spüren, die bei uns in Deutschland durch eine doch sehr einseitige Berichterstattung geweckt werden. „Warum kommen die Deutschen nicht mehr?“, werden wir auch in Kappadokien abends beim Essen gefragt. Und zum x-sten Mal auf dieser Reise versuchen wir das Verhalten unserer Landsleute zu erklären. Reisen kann zur Völkerverständigung beitragen. Punkt. Das ist unbestritten. Punkt. Warum verzichten „Tour“-isten dann auf Erfahrungen „on tour“ und werden zu Privatpolitikern, die sanktionieren und boykottieren wollen? Wer in der Türkei unterwegs ist, kann das einfach nicht begreifen, weil er anderes erlebt. Es ist, als würde man einem Menschen, der dich willkommen heißt, eine schallende Ohrfeige geben…

 

Vulkan Erciyes (3917m) bei Kayseri - der Geburtshelfer Kappadokiens
Vulkan Erciyes (3917m) bei Kayseri - der Geburtshelfer Kappadokiens

Noch eine Abwechslung. Und zu erblicken schon lange, bevor wir Kayseri erreichen. Der Erciyes taucht aus dem Dunst der Mittagshitze auf, erst schemenhaft erahnbar, dann mit deutlich sichtbaren Konturen. Ein fast 4000er (3917 m) ohne Schnee, ein Vulkanberg und seines Zeichens Geburtshelfer für die wundervolle Tuffsteinwelt Kappadokiens. Seinen diversen Zornausbrüchen vor etwa drei Millionen Jahren verdanken wir die bizarren Höhlenwohnungen, Feenkamine, Felsenkirchen, Festungsanlagen und Burgfelsen, die Menschen über Jahrhunderte hinweg in das relativ weiche Gestein hauten und gruben, welches sich als Konglomerat aus Lava, Schlamm, Asche und bereits vorhandenen härteren Steinschichten bildete. 

 

Eine Umgehungsstraße umfährt inzwischen weiträumig die Millionenstadt Kayseri, was uns um Stunden nach vorn wirft und den Genuss einer spannenden Passüberquerung zwischen Dörtyol und Ürgüp beschert. Auf 1535 Meter hinauf schraubt sich das schmale Bergsträßchen, vorbei an Weinhängen und abgemähten Bergwiesen. Der Blick zurück auf den Erciyes und den fast völlig verlandeten Salzsee Cöl Gölü ist traumhaft und jede Serpentine wert. Über das Dörfchen Akköy rollen die Enduros dann zügig hinab nach Ürgüp, der „Hauptstadt“ Kappadokiens. Der 35.000-Seelen-Ort ist für die meisten Kappadokien-Besucher die erste Anlaufstation, kann er doch mit einem beachtlichen Unterkunftsangebot aufwarten. Viele Hotels wurden ganz oder zumindest teilweise in den weichen Tuffstein gegraben und schmücken sich mit dem Attribut „Cave“ in ihrem Namen. Ürgüp ist lebhaft, sehr lebhaft, für unseren Geschmack fast zu lebhaft, was sicherlich der Preis für den gesamten touristischen Schnickschnack ist, den man heutzutage meint, dem Besucher anbieten zu müssen. Ich bin recht froh, dass wir am Abend vorher etwas außerhalb von Ürgüp in Mustafapaşa eingeloggt haben. Dort führen Ataçan Erdinç und seine Frau Ayşe das „Magic Cave Hotel“ (MCH) und die Bilder im Internet sind mehr als vielversprechend…

 

Feenkamine von Paşabağı - Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt...
Feenkamine von Paşabağı - Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt...

Wir haben noch zwei Stunden Licht und nutzen die Zeit für eine erste Runde durch Kappadokiens Wunderwelt: die markanten „Three Beauties“ gleich oberhalb von Ürgüp auf einem blendend-weißen Felsplateau. Die „Red Rocks“ am Panorama-Ausblickpunkt ein paar Kilometer weiter. Die beschauliche Altstadt von Ortahisar mit ihrem mächtigen Burgfelsen und das schon von weitem auszumachende Üçhisar, dessen Burgfelsen wie ein Thron aus der kappadokischen Landschaft emporragt. Eine wunderbare Stimmung im weicher werdenden Abendlicht und ein superber Blick auf die Felslandschaften und Täler im Umland sind ein erster Lohn für einen harten Fahrtag. 

 

Den zweiten gibt es eine Dreiviertelstunde später mit anbrechender Dunkelheit beim Empfang im „Magic Cave Hotel“ in Mustafapaşa. Ein wenig ungläubig und skeptisch sind wir durch die überschaubare, gemütliche Altstadt des Ortes gekurvt und haben ein groß aufgemachtes Hotel gesucht. Rein zufällig entdecke ich schließlich ein schüchternes Hinweisschild, zwei nachlässig gepflasterte Serpentinen steil hinauf - und da steht schon Ataçan und wartet auf seine späten Gäste. Er bemerkt unsere Skepsis angesichts des unscheinbaren Portals und der Lage des Hotels neben einer eher „baufälligen“ Nachbarschaft und meint beim Betreten seines Hauses verschmitzt: „The magic begins here!“ 

 

WOW - selten war ich so überrascht! Hinter dem schlichten Portal öffnet sich ein vierstöckig aus Felsgestein gebautes Traumhotel mit illuminiertem Innenhof, eisengitterverzierten Treppen mit Wandleuchtern und Laternen, Terrassen mit Blumenkübeln, landwirtschaftlichen Accessoires und kleinen Sitznischen, wo man herrlich entspannt den Tag verbringen, besser verbummeln kann. Und die Krönung: eine Aussichtsterrasse mit Blick auf Mustafapaşa und die wilde Felslandschaft Kappadokiens. Dort wird gefrühstückt, von einem super Büfett mit frischem Gemüse, Oliven, Obst und leckeren Käsesorten, gerührtem oder gespiegeltem Ei, verschiedenen Brotsorten, Kuchen, frischen Fruchtsäften, Cay oder Kaffee — OK, ich soll aufhören?! Aber wir haben versprochen, Ataçans und Ayşes Paradies weiterzuverraten an all jene, die sich vielleicht eines Tages mal hierher verirren. Individuell am liebsten, aber es geht auch pauschal und mit dem Flieger. Der Flughafen von Kayseri ist nicht weit und der Dolmuş-Shuttle kennt auch Mustafapaşa.

Gute drei Jahre lang hat das sympathische Ehepaar Erdinç geplant und gearbeitet, um aus dem einfachen, stark renovierungsbedürftigen elterlichen Bauernhaus eine Hoteloase zu bauen, in der man sich vom ersten Augenblick an wohlfühlt. Alle 13 Zimmer der Anlage sind individuell geschnitten und erfüllen mit "Deluxe Rooms" und "Suites" auch die Wünsche verwöhnter Gäste. Große Betten, großzügige Bäder mit "Regendusche" und eine sehr liebevolle Innenausstattung schaffen ein orientalisch anmutendes Ambiente, das man gern ein paar Tage länger als geplant genießt. Dazu kommt die fürsorgliche Art, mit der Ayşe, Ataçan, ihre Hausdame und rechte Hand Yelis sowie der Hotelboy Mehmet auf die Wünsche ihrer Gäste eingehen. "Teşekkür" für den schönen Aufenthalt im Magic Cave Hotel.

"Alles antik" unterhalb des Burgfelsens von Üçhisar
"Alles antik" unterhalb des Burgfelsens von Üçhisar

Vier Nächte und drei Tage Kappadokien. Und obwohl wir nicht zum erstenmal in dieser Region reisen, haben wir doch noch so manches Unbekannte bzw. Bekanntes neu entdeckt: die Felsenlandschaft von Çavuşin mit der Vaftizci Yahya Kilisesi (Church of St. John the Baptist) und einem malerischen Einstieg ins Rosental. Das Freilichtmuseum von Zelve und die Feenkamine von Paşabağı. Ich verrate hier besser nicht, wie Michaela diese doch sehr eigentümlichen Felsformationen nennt. Schaut einfach die Bilder an… Und abschließend Göreme, das unsere Erinnerungen sprengt, weil sich der ehemals beschauliche Ort mit Freilichtmuseum und berühmten, freskenreichen Fluchtkirchen zu einem wahren Rummelplatz entwickelt hat. Null Atmosphäre, Hektik und Stress, alles rast vorbei, durcheinander, notfalls über dich hinweg. Vor allem die Horden von ATVs (Quads), deren Piloten überhaupt keine Grenzen mehr kennen und - auch zum Ärger vieler Türken - mit ihren Vehikeln in den stillen kappadokischen Tälern lärmen, die eigentlich Wanderern vorbehalten sein sollten. Schade, dass es offensichtlich niemanden gibt oder es noch kein Gespür dafür gibt, wann eine von der UNESCO gelistete, einmalige Kulturlandschaft zum Spielplatz verkommt und vor gewissen Menschen geschützt werden muss. „Fun Fair Cappadocia“ — das hat das Aushängeschild der Türkei nicht verdient…

 

Morgen werden wir weiterziehen. Quer durch Zentralanatolien nach Konya, dann über Afyon und Uşak weiter ins antike Pergamon (Bergama). Die warmen Farben und bizarren Formen Kappadokiens und die Schönheit vieler seiner Dörfer haben wir ganz weit unten im Packsack verstaut. Dabei besonders gut eingewickelt die warme Gastfreundschaft von Ataçan und seiner lieben Frau Ayşe. Zu Hause werden sie wieder ausgepackt, im November, wenn der trübe Herbst die Heimat erreicht hat und wir sie brauchen, um gut über den nahenden Winter zu kommen… —

 

Stimmungsvolles "Magic Cave Hotel" in Mustafapaşa
Stimmungsvolles "Magic Cave Hotel" in Mustafapaşa
Terrasse im "Magic Cave Hotel" / Mustafapaşa
Terrasse im "Magic Cave Hotel" / Mustafapaşa

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Kommentare: 1
  • #1

    Harri (Dienstag, 18 September 2018 17:49)

    Hallo Ihr beiden Weltenbummler,

    immer wieder eine Freude von Euch zu lesen, und das "Alles antik" unterhalb des Burgfelsens von Üçhisar-Bild ist echt toll :)

    Liebe Grüße und weiterhin gute Fahrt

    Harri

    PS: Happy Birthday nachträglich lieber Udo :)

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