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Gemischte Gefühle in Georgien

Reisetagebuch "Georgien-Türkei"

07. Sept. 2018 - Tag: 147 km - Gesamt: 8457 km - Eintrag: Michaela & Udo

Georgisch-russische Grenze bei Dariali/Werchnyi Lars nach Ananuri (Georgien)

08. September: Ruhetag in Ananuri

09. Sept. 2018 - Tag: 401 km - Gesamt: 8858 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Ananuri nach Batumi (Georgien)

Das neu erbaute Dariali-Kloster an der russisch-georgischen Grenze bei Dariali/Werchny Lars
Das neu erbaute Dariali-Kloster an der russisch-georgischen Grenze bei Dariali/Werchny Lars

Staubige Baustellen im Niemandsland. LKW wälzen sich über eine Schotterumleitung, Drängler können nicht warten, die neu erbaute Dariali-Klosterkirche zur Linken hustet gegen Staubfahnen an. Nach ein paar Windungen den Pass hinauf passiert die Route den Grenzfluss Terek, der noch einen 600 Kilometer langen Weg ins Kaspische Meer vor sich hat, das aber noch nicht weiß, sondern munter dahergesprungen kommt. Der Himmel reißt auf, zeigt blaue Felder und lässt der Sonne eine Chance, die rauen Kaukasus-Berge zum Leuchten zu bringen.

 

Nach 18 Kilometern erreichen wir Stepanzminda. 2011 endete hier unsere Reise entlang der Georgischen Militärstraße hinauf in den Hohen Kaukasus, wir schauten bei Mondlicht zur Dreifaltigkeitskirche Gergetis Sameba hinauf und bestaunten tags darauf den schneebedeckten Kazbegi (Kasbek) mit imposanten 5047 Metern Höhe. Im Dorf Stepanzminda gab es damals nur ein paar Pensionen, die Zimmer anboten, einige stark improvisierte Cafés, Dolmuş-Fahrer, die einen im Vierrad-Lada zum Kloster hinauffahren wollten, und viel, viel Armut und Zerfall in den Dorfstraßen. 

Der Terek entspringt an einem Gletscher unterhalb des Kasbek, durchfließt Tschetschenien und mündet ins Kaspische Meer
Der Terek entspringt an einem Gletscher unterhalb des Kasbek, durchfließt Tschetschenien und mündet ins Kaspische Meer

Der erste Eindruck heute: Stepanzminda ist ein Rummelplatz geworden. Verkehr ohne Ende, ein ständiges Kommen und Gehen von Bussen und Dolmuş-Autos, die frisch eingekleidete Bergtouristen aus Tiflis herankarren. Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, auch ein wenig Russisch — alles durcheinander, mit Stirnband, Gletscherbrille und Bergrucksack gerüstet für das Kazbeg-Abenteuer. Jeder (!) wird dort hinaufgekarrt, und wenn man die Anzahl der Vierradfahrzeuge, die sauber aufgereiht vor dem „Café 5047“ parken, betrachtet, brauche ich wenig Fantasie, um mir den ehemals schmalen Trekk hinauf zur Gergetis Sameba vorzustellen. Die Zufahrtstraße ab dem Dorf ist bereits ashaltiert… Oben soll es zugehen wie vor der Notre Dame in Paris. Die Selfie-Sticks sind gezückt!

 

Viele bunte Schilder, Wechselstuben, Cafés und Hotels, viel schnelles Geld an der Straße. Von dem 2000-Seelen-Dorf ist allerdings nicht mehr viel übrig. Es ist komplett dem Event-Tourismus anheim gefallen, was ja nicht zu verurteilen wäre, wenn die Dorfbewohner insgesamt davon profitierten und anfangen würden/könnten, ihre maroden Häuser und die Dorfstraßen zu sanieren. Doch der Blick in die Hinterhöfe auf einer letzten Runde durch Stepanzminda zeigt: Dort hat sich rein gar nichts geändert.

An der Zufahrtstraße zum Bergtrekk hinauf zur Dreifaltigkeitskirche Gergetis Sameba
An der Zufahrtstraße zum Bergtrekk hinauf zur Dreifaltigkeitskirche Gergetis Sameba

Eigentlich haben wir im Hotel Kazbeg für zwei Nächte ein Zimmer gebucht (das Angebot ist inzwischen riesig!), doch da sich die Sonne heute im Kaukasus behauptet, lassen wir die Option sausen (Stornieren kostet eine Übernachtungsgebühr) und fahren über den Kreuzpass. Wetter.com hatte eigentlich Regen und Unwetter vorhergesagt und vorsichtig ist der Vater 😉der Endurofahrer. Nix mehr mit Enduro! Der spannende Naturstraßen-/Schotterpass ist inzwischen glatt asphaltiert und spätestens jetzt ist uns klar, warum in Stepanzminda dermaßen die Post abgeht. Da gelangt inzwischen jedermann hin und ohne Unterlass dröhnen nun die schwerbeladenen LKW aus Russland, Armenien und Georgien über die Passhöhe in 2379 Metern, wo kein Mensch mehr an dem Höhenstein hält, der an den ersten Überweg 1697 erinnert. Stattdessen veranstalten völlig durchgeknallte Georgier dort Autorennen und schieben sich gegenseitig von der Bahn. Eh, habe ich mich je über den Fahrstil russischer Autofahrer beklagt? „Come to Georgia, man, and discover a new dimension of hard core driving.“

 

Wir versuchen zu genießen, was übrig geblieben ist. Schöner Kaukasus: die grünen Flanken der Kaukasusberge sind immer noch faszinierend, die Tiefblicke imposant, die Dörfer und ihre Häuser allerdings noch kaputter und desolater, als wir es in Erinnerung hatten. Bis hinab nach Ananuri festigt sich eine traurig-bedenkliche Erkenntnis: Die Georgische Heerstraße ist mit der durchgehenden Asphaltierung zu einem hektischen Leben erwacht. Sie ist eine moderne Handelsstraße geworden, die als Transitstraße an den kleinen Leuten Georgiens vorbeirauscht. Alles, was wir an Neubeginn sehen, alle Investitionen, die für einen Reisenden unterwegs erkennbar sind, gehen in eine touristische Infrastruktur, von der die armen Menschen am Wegesrand nichts haben. Das schlimmste Beispiel ist der Wintersportort Gudauri. Hier entstehen in einer wilden, zerfransten Bauhektik Hotel- und Apartmentburgen nach dem Beispiel französisch-italienischer Ski-Regionen à la "Alpe d’Huez" oder "Isola 2000". Und das in einem der ärmsten Länder Europas (zusammen mit Rumänien)… Wer um alles in der Welt stellt hier die politischen Weichen? Immerhin bemüht sich Georgien um eine EU-Mitgliedschaft, wenngleich die realen Zustände in diesem Land es eher unvorstellbar erscheinen lassen, dass es je die Aufnahmebedingungen dafür erfüllen wird.

Stepanzminda boomt...
Stepanzminda boomt...

Nach zwei Nächten im Restaurant-Hotel Ananuri direkt an der Heerstraße nehmen wir den Transitweg quer durchs Land nach Batumi. Und wie schon 2011 tut es körperlich weh, mit ansehen zu müssen, dass es in Georgien eigentlich keine Dörfer oder Städte gibt, in denen etwas wirklich intakt ist. Die mehrgeschossigen Wohnblocks verlottert oder baufällig. Privathäuser kaputt oder notdürftig geflickt. Das Leben der Menschen spielt sich komplett an den Straßen ab, wo sie vor ihren improvisierten Ständen mit Obst, Gemüse, Hängematten, Korb- oder Tonprodukten sitzen und auf Käufer warten. Eine organisierte Landwirtschaft, die echten Gewinn abwirft? Fehlanzeige. Eine industrielle Produktion, die Arbeitsplätze bietet und ein Einkommen garantiert? Nochmals Fehlanzeige.

Stattdessen gibt es vor allem auf dem Land immer noch eine erhebliche Arbeitslosigkeit, regional stark schwankend bis zu 40%, wohingegen die schöngerechneten offiziellen Zahlen von nur 11,5% sprechen. Dabei werden tageweise Beschäftigte und Kleinunternehmer, also die vielen Ein-Mann-Unternehmen sowie Grundeigentümer auf dem Land, die sich aus dem eigenen Garten ernähren können, gar nicht mitgezählt. Einzig in Tourismusbranchen ist die Zahl der Arbeitsplätze in den letzten Jahren wirklich gestiegen, doch ernst zu nehmenden Tourismus gibt es fast ausschließlich am Schwarzen Meer.

Wer über Land reist oder an den Ausfallstraßen der Städte genau hinschaut, sieht oft Frauen und Männer, die den lieben langen Tag mit ein paar Eimern mit Gemüse oder Obst vor der Haustür oder direkt an der Straße sitzen. Das (!) ist ihr Job! Und nun rechne man sich einmal aus, wie oft da am Tag ein Auto mit einem Käufer hält... Da ist es fast verständlich, dass es in diesem Land überdurchschnittlich viele Jungmütter gibt und viele Männer bereits am Nachmittag mit alkoholischen Getränken am Straßenrand sitzen. Offiziell ist das verboten, aber wer kontrolliert das in den heruntergekommenen Dörfern...

 

Der Verkehr in Georgien? Regellos bis chaotisch, ja, oft lebensgefährlich. Es gilt das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Rücksichtsloseren. Wir haben Szenen erlebt, die waren mehr als grenzwertig. Und mit der Ankunft in Batumi sind wir heilfroh, nicht in einen Unfall verwickelt worden zu sein. In Georgien rollt alles auf den Straßen, was bei uns im Westen aussortiert und abgeschoben worden ist, und das fährt man, bis der Achsenbruch den Stillstand erzwingt. Man kann allen Individualreisenden aus dem Westen nur dringend raten, die zusätzliche georgische Haftpflichtversicherung an der Grenze auch wirklich abzuschließen. Kosten zwischen 7 und 167 Euro je nach Fahrzeug und Dauer des Aufenthalts. Der Abschluss ist übrigens verpflichtend und wird spätestens bei der Ausreise kontrolliert. Strafen bei Nichtabschluss: 35 - 70 Euro.

 

Zu alldem kommt ein weiteres Problem, das die Gesundheit der Menschen massiv belastet: die Luftverschmutzung. In Georgien stinkt es nach Abgasen und Rußpartikeln, wo immer es Straßen gibt. An jeder Steigung hauen vor allem alte Kamaz-LKW und Kleintransporter dicke, schwarze Rußwolken raus, und wenn wir abends die Endurobrille runterziehen, dann hat sich unter den Augen ein dicker schwarzer Rand gebildet. Selbst im 7. Stock des Sanpiro-Hotels in Batumi stinkt es auf dem Balkon, der nach hinten aufs Schwarze Meer hinausgeht, nach Abgasen. Wir haben in Deutschalnd einen Dieselskandal… Und alle westlichen Industrieländer verkaufen ihren Restmüll hemmungslos in die ärmsten Ostländer Europas. Noch etwas, um sich politisch den europäischen Kopf zu zerbrechen.

Schluss jetzt mit dem Gemecker. Ist ja schließlich ein Reiseblog. Richtig! Aber wir schreiben ihn nicht für ein Reiseunternehmen und „Entdecken Sie die Schönheiten eines ursprünglichen Landes“ — das ist schlichtweg gelogen. Funktioniert auch nur in vollklimatisierten Bussen mit Rußfilter, die einen von einem Nobelhotel zum nächsten fahren.

 

Unterm Strich bleibt: Georgien hat fantastische Landschaften und eine für Wanderer und Enduristen hochattraktive Bergwelt. Dem gegenüber stehen soziale Probleme, die so frustrierend sind, dass man sich eine Reise durch dieses Land nicht einfach schönreden kann. Die Politik ist wieder mal gefordert - vor allem die europäische in Brüssel.

 

Über die Stalin-Geburtsstadt Gori, das vor Straßenleben schier platzende Khashuri, die Großstadt Kutaisi und die schöne Bergroute von Samtredia am Rioni-Fluss nach Kobuleti gelangen wir ans Schwarze Meer und Michaelas Wunsch nach Meer geht in Erfüllung. —

Auf dem Weg nach Gudauri
Auf dem Weg nach Gudauri
Der Ananuri-Stausee hat kaum noch Wasser, da man zum Straßenbau das Flussbett des Aragwi ausschottert.
Der Ananuri-Stausee hat kaum noch Wasser, da man zum Straßenbau das Flussbett des Aragwi ausschottert.
Kaukasus-Berge bei Mleta
Kaukasus-Berge bei Mleta
Blick auf Batumi
Blick auf Batumi
Sundown am Schwarzen Meer bei Kobuteli
Sundown am Schwarzen Meer bei Kobuteli

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Kommentare: 2
  • #1

    Manfred (Dienstag, 11 September 2018 13:04)

    Hallo ihr beiden,
    den Reiseberichten nach seid ihr gut am Schwarzen Meer angekommen.
    Udo, wir wünschen dir fernab der Heimat einen schönen Geburtstag und für das nächste Jahr zuerst ein glückliches Nachhausekommen, viel Gesundheit und langes Zehren von den vielen Eindrücken.
    Michaela, nach den körperlichen Strapazen (?!) gute kurze Erholung am Meer und viel Spaß auf dem Trip nach Hause.
    Aus dem Schwabenland grüßen ganz hefrzlich Irmgild und Manfred

  • #2

    Roland Kater (Dienstag, 11 September 2018 15:35)

    Schließe mich den Geburtstagswünschen an!
    Hoffe, Udo, du kannst einem echten Datumslegastheniker verzeihen.
    Was eure Texte bei mir auslösen, ist doch erstaunlich: seit Tagen kugelt der Name "Kazbegi" in meinem Kopf rum. Jetzt weiß ich's - so heißt nicht nur der Berg sondern auch der Großfürst in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis"!

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