· 

Do swidaniya, Wolga v Astrakhani

Reisetagebuch Russland   04. Sept. 2018 - Tag: 15 km zu Fuß - Gesamt: 7542 km - Eintrag: Michaela & Udo

Ein Ruhetag in Astrachan (Russland)

An der Wolga-Promenade von Astrachan
An der Wolga-Promenade von Astrachan

Astrachan kann Wolga - endlich mal wieder! Die Stadt leistet sich eine breite, ausgedehnte Wolga-Uferpromenade, die Krasnaja, und nach einem kalorienreichen russischen Frühstück mit Müsli, Porridge, Omelette mit Schinken, Tomaten und Pilzen, Pfannkuchen, würzigen Würstchen, Melone, Joghurt (Hab ich was vergessen?) bewegen wir ausgiebig die Gehwerkzeuge und erobern die Stadt zu Fuß. An der Promenade legen in der Sommersaison auch die Wolga-Sommer-Kreuzfahrtschiffe an, aber wir schreiben ab dem 01. September den russischen Herbst und außerdem hat die Wolga in diesem Jahr ziemlich wenig Wasser, so dass nicht alle Kreuzfahrer im Wolga-Delta ankommen. Risiko, Baby!

Über die „Neue Brücke“ haben wir am Vortag die Stadt erreicht, den Hafen überquert und begriffen, dass Astrachan nicht nur Ausgangspunkt für Ausflüge in das fisch- und vor allem störreiche (Kaviar!) Mündungsdelta unseres Wegbegleiters ist, sondern eine echte Hafenstadt am Kaspischen Meer. Hier gibt es Werften, Löschplätze und einen Marinestützpunkt der Kaspischen Flottille der Russischen Marine. Daher also die „Blauen Jungs“ mit ihren Mädels auf der Flusspromenade… 

 

Zar Peter I. thront vor Astrachans Zukunft
Zar Peter I. thront vor Astrachans Zukunft

Wir schauen den Fischern, die aus der Wolga doch immerhin alle Viertelstunde etwas Fritierbares herausholen, von der Promenade aus zu, können zu unserem großen Bedauern aber keine Zigaretten als „Petri smoke“ hinunterwerfen. Und wir staunen über kühne Hotelprojekte Richtung Hafenbrücke, wo das Zarendenkmal Peters I. steht und einige mutige Investoren offenbar Größeres planen. So ganz nebenbei entdecken wir ein paar nette Straßenzüge mit Bauten im klassizistischen Stil mit schönen schmiedeeisernen Balkonen, die fast etwas Elegantes „rüberbringen“. Der schöne Park ist noch zu erwähnen, mit Denkmälern und ewiger Flamme für die Opfer der deutschen Luftangriffe 1942 und für die Helden, die das Blatt wendeten und das Vaterland retteten. Last but not least der Astrachaner Kreml mit seiner immer noch geschlossenen Mauer, hinter der sich einst die "Aschtarchaner" Wolga-Tartaren gegen die Angriffe von Don-, Terek- und Wolgakosaken verschanzten, und der selbst das grausame Feuer des noch grausameren Zaren Iwan der Schreckliche überstand. Schön ist es dort heute, ausgesprochen erholsam, beschaulich zum Flanieren, Ausspannen oder Catwalken, was einige langbeinige Astrachanerinnen sehr eindrücklich unter Beweis stellen (Gut, Michaela, ich hätte das jetzt nicht schreiben müssen…).

 

Sehr unterhaltsam und kurzweilig ein ganz anderes "Event", das unterwegs auf Reise immer mal wieder fällig ist. Lange Haare unter einem Endurohelm - das endet bei einem Graukopf wie dem meinen mit zwei ausgeprägten Windkanälen, die Herr Shoei unwegfönbar in die Frisur gefräst hat. Michaela wirft sich jedesmal weg, wenn ich den Helm absetze. Nun gibt es in Astrachan Gott sei Dank "Big Pro" und die malerisch tätowierten Friseure dort verstehen ihr Handwerk. Alexander und Gennady sprechen leidlich Englisch und so erhalten wir einen tieferen Einblick in die Denke junger Russen. "We laugh about everything", erklärt Alex, als wir ihm von Wolgograd und "Mutter Heimat ruft" erzählen, "we joke about the war!" Für ihn und seine Generation gilt das Jetzt, der Augenblick, die Freunde und die Dinge, die man zusammen unternimmt. Politik ist da weit entfernt: "We don't care about politics!"
Und dann erzählt er uns einen typischen Spaß, den er sich als Wolgograder mit einem Freund aus Karlsruhe gemacht hat, der ihn letztes Jahr besuchte. Er nahm den jungen Mann mit hinab an die Wolga und sagte: "Look here, this is the Volga." Der junge Deutsche war etwas verwirrt und fragte zurück: "Why do you show me the Volga?" Und Alex meinte: "Because your grandfather couldn't see the river..."

 

(Hintergrund: Bei der Schlacht um Stalingrad erreichten die deutschen Soldaten nie die Wolga.)

Astrachan bietet die verrücktesten Geschäftsideen...
Astrachan bietet die verrücktesten Geschäftsideen...

Eine schöner Tag, ein erhabener Strom, ein würdiger Ort, um „Do swidaniya, Wolga!“ zu sagen, denn deinen letzten Weg in dein riesiges, verzweigtes Mündungsdelta musst du alleine antreten. Das ist etwas für Fischer, die in Boote steigen und den verzweigten Wasserläufen nachfahren, oder für Kaviar-Liebhaber, die den Stören nachgehen und immer ein wenig Angst davor haben, dass Polizisten der Delta-Stör-Force sie bei heimlichen Fängen erwischen, denn die Fangquoten sind streng limitiert. Das ist eine Welt für sich, aber eben nichts für Enduros, die mit verzweigten Flussläufen und nassen Schilfinseln einfach zu wenig anfangen können. 

Wir sind am Abend augensatt und fußmüde und da am nächsten Tag knappe 500 Kilometer auf dem Tripmaster abgespult werden sollen, schließen sich die Vorhänge unserer schönen Suite bereits zu früher Stunde. 

Die kommenden drei Tage werden wir Russland nochmals von einer völlig anderen Seite kennenlernen. Gut dass man nicht alles weiß, bevor man einschläft… --

Do swidaniya -- Auf Wiedersehen, Mütterchen Wolga!
Do swidaniya -- Auf Wiedersehen, Mütterchen Wolga!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
Besucherzaehler

Besucherzaehler

From Me To You

 

  Counter 1 zählt Besucher

  Counter 2 zählt Seitenaufrufe


Reise-Links


Bitte aufs Icon klicken!