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Abschied vom Goldenen Ring

Reisetagebuch Russland   29. August 2018 - Tag: 302 km - Gesamt: 6192 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Wladimir (Goldener Ring) nach Arsanas (Russland)

Crossing the Oka
Crossing the Oka

 

Wir verlassen den Goldenen Ring. Der Reiseplan für die letzten 10 Reisetage in Russland bis zum Ablauf des Visums lässt keine weiteren Abstecher in den Osten mehr zu. Damit müssen Nischniy Nowgorod und Kazan von der Wolgaroute gestrichen werden. Gut, man kann jetzt rückblickend oberschlau bemerken, dass wir nicht in die Exklave Kaliningrad hätten einreisen dürfen, um die Visa-Tage zu schonen. Aber dann lagen wir auch bei der Einschätzung unserer Baltikum-Route leicht daneben und hätten wahrscheinlich die Einreise nach Russland zu früh angesetzt. Was soll’s? Eine Motorradreise entsteht beim Fahren, so wie der Weg beim Gehen entsteht. Und wir können zufrieden sein mit dem, was wir gesehen und mitgenommen haben — auch von der Wolga, die sich in Pljos so romantisch schön von uns verabschiedet hat. Dabei ist es ja auch nur ein Abschied auf Zeit, denn in Saratow werden unseren Leitstrom wiedersehen und dann noch ein letztes Mal in Wolgograd und am Ziel in Astrahan.

 

Heute heißt es erstmal „Do svidaniya, Wladimir“ und bei dem Gedanken an unseren schönen Abend mit Dîner in Wladimirs stimmungsvoller Altstadt, dann tut es mir ein bisschen leid, dass westliche Touristen durch zeitbegrenze Visa immer so unter Druck reisen müssen — jedenfalls wenn sie als Individualreisende unterwegs sind. 

 

 

Ein bisschen Platte noch, dann führt uns die P72 zügig aus der Stadt. Hart an der Landstraße wieder die uns nun schon vertrauten Straßendörfer mit Datchas von mausgrau bis kunterbunt, gerade bis windschief, gepflegt bis verwahrlost, ärmlich bis so bitterarm, dass es wehtut. „Wir fahren jetzt hier im Sommer vorbei, bei 30 Grad, mindestens. Doch wie sieht das Ganze im tiefen Winter aus, wenn Moskau -30 Grad meldet und man hier draußen garantiert noch eine Schippe drauflegen darf?“ Michaelas Stimme im Kopfhörer philosophiert weiter: „Und womit verdienen diese Menschen ihren Lebensunterhalt? Schau, viele sitzen im Schatten ihrer Datschas, haben am Straßenrand ein paar Eimerchen mit Äpfeln, Kartoffeln und Tomaten stehen, oder auch mal ein paar Kürbisse aus ihrem Garten. Und dann warten, warten, warten, bis vielleicht mal jemand anhält und ein paar Rubel verdient sind. In den Datchas gibt es garantiert kein fließend Wasser, keine Waschmaschine, keine Toilette mit Wasserspülung, eventuell noch nicht mal Strom. Einkaufen gehen zum Minimarkt im Dorf oder gar Supermarkt in der nächsten Stadt bedeutet für viele, zu Fuß ein paar Kilometer zurücklegen zu müssen, um überhaupt mal an eine Bushaltestelle zu gelangen. Hast du gesehen, wie viele Menschen an der Landstraße entlanggehen — und wir verstehen nicht wohin… Kein Wunder sind viele der Datschas baufällig und verlassen. In den Dörfern gibt es doch keine Zukunft, zumal es offensichtlich in dem eher morastigen und sumpfigen Umland keine Möglichkeit gibt, eine gewinnbringende Landwirtschaft zu betreiben.“

Vorsicht bei Bahnübergängen...
Vorsicht bei Bahnübergängen...

Vor Murom quert die Straße die wasserreiche und beeindruckend breite Oka mit einer modernen, an Trageseilen aufgehängten Brücke. Kurz danach streift die Straße ihren glatten Asphalt ab und es geht für die Endurofahrwerke wieder ans Eingemachte. Dass die Federbeine so etwas aushalten… Die Bodenwellen und geflickten Fahrbahnstücke lassen die Motorräder derart heftig auf und ab tanzen, dass die Stoßdämpfer alle paar hundert Meter auf Block gehen und wir teilweise stehend fahren, um die gröbsten Schläge abzufangen.

 

Arzamas empfängt uns mit Smog und Feierabendstau. Was verfeuern die hier in den Kraftwerken am Rande der Stadt? Vermutlich Braunkohle, denn sio stinkt’s schon von weitem. Und den Rest der guten Luft nehmen sich die alten russischen LKW zur Brust. Oh Deutschland, deine Feinstaubdiskussion bei Dieselfahrzeugen ist einfach lächerlich! Hier gilt „E Null“ und Michaelas grau-schwarzer Schnurrbart südlich der Crossbrille spricht Bände…

 

Ein paar Meilen hinter der Stadt finden wir das direkt an der Rennbahn nach Saransk gelegene Afyon-Hotel. Und nachdem Naista das übliche Zeremoniell des Pässe-Kopierens und -Registrierens erledigt hat, freuen wir uns so richtig auf eine Dusche. „Ni voda!“ Also wieder runter und rüber ins Nebengebäude an die Rezeption, Beschwerde ins Handy mit Google-Translator eintippen, Naista antwortet mit Google-Tanslator-Voice - ja, das können die im hintersten Winkel Russlands - und zwei Minuten später ziehen wir um. Halb ausgezogen, aber glücklich, denn das Superior-Zimmer hat Klima, keinen Fleckenteppich und keine Sprungfedern im Bett. Weißte was? Nie mehr billig! Schwaben haben in Russland keine Chance… 😂

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