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Wolgawanderung

Reisetagebuch Russland   27. August 2018 - Tag: 220 km - Gesamt: 5770 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Jaroslavl nach Iwanowo (Goldener Ring, Russland)

 

Jaroslavl kann Kultur. Und das Parade-Hotel kann Frühstück. Auf diesen beiden Säulen steht der heutige Tag. Wir haben mit Pavel vereinbart, den Vormittag noch in der Stadt zu verbringen und erst gegen 12 Uhr auszuchecken. „Net problem!“ 

Eigentlich wäre es mal wieder Zeit für einen Austag, um die Glieder zu strecken, der Bandscheibenmuskulatur frisches Blut zuzuführen, mal abzuschalten, runter von der Straße. Jeden Tag Motorrad fahren mit Gepäck und Maskenball - das stresst in ganz anderem Umfang, als wenn man das Reisenecessaire in eine Tasche wirft und diese dann wiederum im Kofferraum eines Autos oder gar Reisebusses verschwindet. Und trotzdem möchte ich nicht tauschen. Spätestens wenn sich der Einzylinder am Morgen mit sanftem Pötteln zum Dienst meldet, wir die offene Landstraße gewonnen haben und die noch kühle Morgenluft durch die Lüftungsschlitze der Endurojacke strömt, dann ist es wieder da: dieses Gefühl von vogelfrei, allein unterwegs sein, Unabhängigkeit gemischt mit ein wenig Abenteuerfeeling. Einfach unvergleichlich prickelnd!

 

Jaroslavl hat das Glück, gleich an zwei Flüssen zu liegen. So liegt der historische Stadtkern nördlich des Zuflusses der Kotorosl, deren Wasser der Wolga einen weiteren Grund gibt, nun noch mehr in die Breite zu gehen. Die Stadt kann auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblicken (Jubiläum 2010), gehört zu Zentralrusslands ältesten Städten und war im 17. Jahrhundert vor der Gründung von St. Petersburg sogar Hauptstadt des Zarenreiches. Zum Goldenen Ring gehörig, zieht die historische Altstadt mit vielen Kirchen, Klöstern und einem gut erhaltenen Netz von Altstadtstraßen mit schönen klassizistischen Hausfassaden eine nicht unerhebliche Zahl von Touristen an. Auch russische Touristen, die stolz auf Jaroslavl sind und uns unterwegs immer wieder auf einen Besuch dieser Stadt hingewiesen haben.

Und die Jaroslavler selbst scheinen ihre schöne Stadt ebenfalls zu lieben. Am Abend zuvor waren die Straßen voller Menschen, die Lokale gut besetzt und die Damenwelt ausgesprochen schick angezogen. Während die jugendlichen Ausgaben des weiblichen Geschlechts oft noch auf „Rotten style“ machen und in Jeans daherkommen, die bei mir daheim gerade noch als Putzlumpen fürs Motorrad durchgegangen wären, favorisiert die reifere Weiblichkeit enge Kleider, geschlitzt oder ganz frech ausgeschnitten und megakurz. Dazu dann noch derart hochhackige Pumps, dass die Trägerin eigentlich eine Gefahrenzulage für den Catwalk bekommen müsste. Sehr sexy! Und da ich bekennender Voyeur bin, wurde ich beim Abendspaziergang reichlich mit Schienbeinkicks und Kopfnüssen verwöhnt… Also ehrlich, wohin soll so ein armer Mann denn gucken???

 

Ein schattiger Weg durch den Stadtpark führt uns zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale auf dem Burgberggelände des ehemaligen hölzernen Kreml, der bereits 1658 niederbrannte und nie wiederaufgebaut wurde. Auch die Kirche selbst verkam und wurde 1937 komplett abgerissen. Aber zu Beginn unseres Jahrhunderts begann man mit dem originalgetreuen Wiederaufbau des orthodoxen Gotteshauses (Das Kircheninnere ist sehr modern interpretiert!) und schuf damit ein neues Wahrzeichen Jaroslavls. Wir treffen vor der Kathedrale Swetlana Tichomirowa mit ihrem kleinen „Gemäldestand“ an einem der Ausblickspavillons vor der Kathedrale. Ein schönes Wolgamotiv in Aquarell hat es uns angetan und nachdem wir die bescheidenen 350 Rubel (4 Euro!!) für das postkartengroße Kunstwerk bezahlt haben, erzählt Swetlana stolz, dass sie eine anerkannte Künstlerin sei, deren Bilder auch auf Ausstellungen zu sehen seien. Ja, sogar Frau Merkel habe bei ihr schon ein Bild für ihr privates Heim gekauft!!

Die Wolga schwitzt bereits recht früh an diesem warmen Morgen, legt einen Dunstschleier über die Stadt, so dass deren Konturen im Gegenlicht beinahe verschwinden. Wir beeilen uns mit dem Rest des Morgenspaziergangs, finden noch den Weg zum „Спасо-Преображенский монастырь“ - bitte  übersetzen 😉*  - und genießen den schönen Blick vom Glockenturm. Vor dem Kloster hat Alexej seinen Kaffeestand aufgebaut, mahlt mit einer handkurbelnden Maschine die Bohnen und macht uns den leckersten Cappuccino dieser Reise. Er kann ein paar Brocken Englisch und zusammen mit unserem fließenden Russisch setzen wir eine Traumreise zusammen, die Alexej hoffentlich irgendwann im Sattel seines Mopeds in fremde Länder führen wird…

 

Punkt 12 checken wir aus und drücken auf den Anlasser. Eine Dreiviertelstunde Straßenkampf, dann rauschen wir auf topfebenem Asphalt ins 80 Kilometer entfernt liegende Kostroma. Die Stadt liegt flussabwärts am linken Ufer der Wolga und ist nur durch eine Fähre zu erreichen. Stau und kompletter Stillstand bereits 10 km vor dem Stadtzentrum. Nichts geht mehr, die Motoren qualmen, die Gebläse sirren ohne Unterlass. Aus meiner Endurojacke tropft’s, die Tagestemperatur hat die 30 Grad bereits locker überschritten und — wir haben keinen Bock mehr auf Großstadt (Kostroma hat an die 300.000 Einwohner!). Schade um die architektonisch sehr schöne Altstadt, schade um das berühmte Panorama des Sussanin-Platzes, schade, dass unsere Städte in West und zunehmend auch Ost dem Verkehrsterror unserer modernen kommerzialisierten Welt zum Opfer fallen. 

 

Konstrastprogramm: Wir haben von Pljos gelesen, einem kleinen Ort am Wolga-Ufer nur 70 Kilometer nördlich unseres Tagesziels Ivanovo (auch Iwanowo). Die Stadt zählt mit nur zweieinhalbtausend Einwohnern zu den kleinsten Russlands und schmiegt sich malerisch an das hier auffallend hügelige Ufer. Eine wunderschöne Promenade: kleine, malerisch verzierte Boots- und Fähranlegerhäuschen aus Holz, die hübsche Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale in der Ortsmitte und entdeckenswerte Gassen zum Spazierengehen. Pljos ist die Sommerfrische offensichtlich betuchterer Moskauer, und die Mär geht, dass es einem Oligarchen dort so gut gefallen hat, dass er dem Ort eine Sanierung und eine komplett neue, 20 Kilometer lange Zufahrtstraße von Privolzhsk ausgehend spendierte. Gut gemacht, moy gospodin (mein Herr)! Welch erholsame Ruhe, welch herrliche Beschaulichkeit! Wir bleiben eine gute Stunde, tanken auf und atmen tief durch. Leider ist das Hotel in der 400.000 Einwohner-Industriestadt Iwanowo bereits gebucht. Hätte man’s vorher gewusst…

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* Erlöser-Verklärungs-Kloster

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Kommentare: 1
  • #1

    Iris und Jürgen (Samstag, 01 September 2018 20:33)

    Hallo Ihr Lieben, wie schafft Ihr es nach 5700 km, das die Bikes immer noch so sauber aussehen, wie beim Tag der ersten Zulassung. ;-) . Weiterhin gute Reise und tolle Berichte LG Iris und Jürgen

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