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Ankunft am Goldenen Ring

Reisetagebuch Wolga   25. August 2018 - Tag: 245 km - Gesamt: 5368 km - Eintrag: Michaela & Udo

Von Twer nach Uglich am Goldenen Ring (Russland)

Uglich: Kloster Bogoyavlenskiy (Kloster Mariä Schutz und Fürbitte , 1483)
Uglich: Kloster Bogoyavlenskiy (Kloster Mariä Schutz und Fürbitte , 1483)

Twer ist unglaublich! Bereits am Morgen lärmt die Stadt, qualmt, russt, staut ihren Verkehr dickflüssig wie Porridge vom russischen Frühstücksbüfett. Die Kupplungen der CRF sind schon ganz „weich“ vom zähen Stop ‚n‘ go, als die Stadt uns endlich auf die Landstraße entlässt. Vorbei an Lagerbarracken  und vergammelten Hinterhofwerkstätten macht die P84 zügig Meter, schnurgerade und russisch kernig mit einem Flickenteppich als Straßenbelag, der die Endurofahrwerke dermaßen gut durchrüttelt, dass man sich alle paar hundert Meter mit der Zunge über die Zähne fährt, um sicherzustellen, dass Plomben und Implantate noch an ihrem gewohnten Platz sind. Die russischen SUV-Fahrer vermeiden derlei Probleme, indem sie mit 140 Sachen über das Wellblech brettern. Kein Wunder ordern die Jungs alle 22 Zöller, die selbst vor tiefen Asphaltverwerfungen und halbmetertiefen Löchern auf der Fahrbahn keinen Respekt zeigen. Hört sich an, als wenn ein Düsenjet zur Landung ansetzt, wenn so ein fetter Range Rover vorbeibrät. Bei dem Tempo verengt sich bekanntermaßen der Blickwinkel oder es gab ein Wasserglas Vodka zum Frühstück, jedenfalls zuckt da keiner am Lenkrad wegen so zwei Mopeds am Straßenrand. Michaela und ich haben es uns zur Angewohnheit gemacht, uns gegenseitig zu warnen, wenn Panzerfahrer Wladimir im Rückspiegel auftaucht…

Crossing River Medveditsa
Crossing River Medveditsa

Linker- und rechterhand säumen Birken und Fichten die Straße, unzählig, endlos, und wenn du den Kopf zur Seite drehst, verschwimmen die Bäume zu einem rauschenden, unscharfen Film. Ab und zu tauchen abgestorbene Birkenhaine auf, halb versunken in moorigem Terrain und wenn wir kurz stehenbleiben, um den Morgenkaffee zu entsorgen, dann schimmert es feucht neben der Straße. Das muss mal ein riesiger See gewesen sein, der nun allmählich vermoort und verlandet, behauptet auch die Straßenkarte, die ihn noch verzeichnet hat. Auf den letzten 70 Kilometern bis Kalyazin (auch Kaljasin) dann endlich motorradgerechtes Geläuf mit wellig-hügeligem Auf und Ab und ein paar Kurven. Richtig schön - und wir sind wirklich dankbar.

Kurz vor der Stadt ein erhabener Moment: Zwei mächtige Stahlbrücken für den Zug- und Autoverkehr überspannen in weiten Bogen die Wolga. Geradezu mächtig ist sie geworden, respekteinflößend, mit weiten Flussstränden, an denen Familien und ihre Kinder baden und Angler ihr Latein aufbessern. Wir bleiben eine ganze Weile, genießen, träumen uns nach vorn zu dem, was da wohl noch kommen mag. Der Fluss ist noch jung und doch bereits ein breiter Strom und man kann nur erahnen, was Mütterchen Russland auf über 3700 km Länge noch für Geschichten zu erzählen hat.

Einer davon kann man in Kalyazin (Kaljasin)  lauschen, wo der Rest des Glockenturms der Nikolaus-Kathedrale aus dem Wolgawasser ragt. Auf Stalins Geheiß wurde hier ein ganzes Dorf kurzerhand geflutet, weil in der Nähe ein neues Wasserkraftwerk gebaut und die Wolga dazu aufgestaut werden musste. Ein bizarres Motiv, zumal wenn man sich vorstellt, dass unter der Wasseroberfläche nicht nur das komplette Katharinenkloster, sondern zig Wohnhäuser des alten Kaljasin begraben sind. Heute fährt ein Priester der Stadt übrigens in regelmäßigen Abständen mit Gläubigen in einem Boot zu der kleinen Insel, die sich um den Glockenturm gebildet hat, hinaus und hält einen Gedenkgottesdienst.

Kaljasins versunkener Glockenturm der Nikolauskirche
Kaljasins versunkener Glockenturm der Nikolauskirche

Uglich sieht uns am späten Nachmittag. Beim „traditionellen“ Tankstopp kurz vor der Quartiersuche treffen wir ein zunächst recht seltsames, da benehmensauffälliges Bikerpaar mit einer tonnenschwer beladenen 12er GS Adventure. ER lässt sich die BMW von seinem „Kumpel“ volltanken, und da sich an dem komplett von Touratech ausgestatteten Teil der zusätzliche Windabweiser an der Verkleidungsscheibe gelöst hat, darf der „Kumpel“ auch noch sein Werkzeug auspacken und die Schrauben nachziehen. SIE spricht uns derweil auf Englisch an und erzählt, dass ihr Begleiter Abgeordneter der Duma sei und ein ganz wichtiger Mann. Alexej Zhuravelv sei sein Name, und wenn wir in Russland mal ein Problem hätten, sollten wir sie, Tatjana, einfach anrufen. Nett die beiden und keinerlei Allüren, und wir sind einmal mehr überrascht, wie freundlich und kumpelhaft Motorradfahrer in Russland fremden Bikern gegenüber sind. Am Abend recherchieren wir natürlich im Internet, um wen es sich da gehandelt hat, und man staune: Wir hatten es mit einem hohen Parteifunktionär der Putin-freundlichen Rodina-Partei zu tun, der offenbar auf dem Weg zu einem Motorrad-Camping-Wochenende war und seinen Leibwächter auf einer Africa Twin mitgenommen hatte. Wenn das nicht cool ist… (Kommentar meiner Frau: Udo bewirbt sich gerade um den Posten :-)).

Uglich: Sonnenuntergang an der Wolga
Uglich: Sonnenuntergang an der Wolga

Ein weiteres Highlight zum Tagesschluss ist die über 1000 Jahre alte Stadt Uglich (auch Uglitsch). Sie ist für uns der Einstieg in den sogenannten „Goldenen Ring“ im Nordosten Moskaus. So nennt sich ein gedachter Kreisbogen von altehrwürdigen russischen Städten, die als religiöse und wirtschaftliche Zentren und zugleich reiche Kaufmanns- und Handelssiedlungen zur Urgeschichte Russlands gehören. Uglich glänzt im wahrsten Sinne des Wortes mit den goldenen Kuppeln seiner Klöster und Kirchen (siehe Fotos), lädt stimmungsvoll zur abendlichen Promenade am Wolgaufer ein und ist tägliche Anlaufstation für die vielen Flusskreuzfahrtschiffe auf ihrem Weg ins ferne Astrachan. Sollen wir berichten, was passiert, wenn die Flusskreuzfahrer nach dem Abendessen an Bord als lange, endlose Schlange in den Ort einziehen? Leser unseres Bernsteinstraßen-Blogs kennen die Geschichte bereits aus Tallinn, aber dieses Mal halte ich mein „Lästermaul“. Punkt zehn sind alle Kreuzfahrer wieder an Bord und die Schiffe laufen zur nächtlichen Fahrt nach Jaroslawl aus. Und das sind wirklich schöne Motive — sozusagen eine fotografische Wiedergutmachung für das Gedrängel auf der Promenade…

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Kommentare: 1
  • #1

    Silke Seibel (Donnerstag, 30 August 2018 13:04)

    Danke für die Straßenkarte. So kann ich es mir gleich viel besser vorstellen!
    Weiterhin gute Fahrt!
    Liebe Grüße!

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