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Weiter Weg an die Wolga, Teil 2

Reisetagebuch Wolga   24. August 2018 - Tag: 400 km - Gesamt: 5123 km - Eintrag: Michaela & Udo 

Von Staraya Russa nach Twer (Russland)

Gott, ist dieses Land groß! Und wie täuschend sind Straßenkarten, deren Update offensichtlich Jahre zurückliegt. Die Erfahrungen des Vortages und Onkel Toms Ankündigung, dass es sich im Quellgebiet der Wolga vielfach um äußerst zeitfressende unbefestigte Straßen handeln wird, lässt uns eine „Vernunftentscheidung“ fällen, die mir, zugeben, sehr leid tut. Wir verzichten auf die Seenplatte um Ostashkov und die versteckt auf den Waldaihöhen liegende Quelle des Flusses. Straßentechnisch wäre eh nur eine Anfahrt von Torzhok (Torschok) aus auf der A111 sinnvoll und möglich gewesen, was einem „Abstecher“ von 200 Kilometern „one way“ entspricht. Nicht an einem Tag machbar, also Zeitreserven schonen. Wir entscheiden uns für den Durchstich nach Twer am Ausgang der sogenannten „Wiege der Wolga“, wo der Fluss bereits ein ansehnlicher, schiffbarer Strom ist und seinen Weg nach Dubna nimmt, um dort die Kreuzfahrtschiffe zu begrüßen, die von Moskau über den Moskyy-Kanal Zugang zur Wolga finden. Von Moskau nach Astrachan an Bord eines Wolga-Schiffes. Noch so ein Traum, den es eines Tages zu erfüllen gilt…

 

Unser heutiger Road Trip ist wesentlich unromantischer und strapaziert gewaltig das Nervensystem. Die ersten 120 Kilometer fallen noch in die Kategorie TWBB (Tundra, Wald, Birke, Busch), d.h. es gibt nur minimalen Reiz-Input, aber dafür werden die Flanken der Endurobereifung wunderbar geschont und man kann kilometerlang vor sich hinträumen. Kein Flachs, du musst höllisch aufpassen, dass du nach einer schlafarmen Nacht nicht wegdämmerst und dann womöglich das Überholmanöver eines Oligarchen auf der Flucht verpasst. Klar, bei 140 Sachen auf löchrigem Terrain kann man sich schon mal verschätzen…

 

Die M10 wird als „Autobahn“ angekündigt, entpuppt sich aber als breite, teilweise mehrspurige Schnellstraße, an der Putins Straßenbaukolonnen eindrucksvoll demonstrieren, dass hier wirklich was geht. Junge, da wird geklotzt - und ich kann mir nicht vorstellen, dass hierbei Gewerkschaften mit wochenlangen Tarifdiskussionen eine Rolle spielen. Es ist das, was vielen Russen natürlich gefällt und imponiert. Putin-Herrschaft bedeutet für das Land (ähnlich wie bei Erdogan in der Türkei) gewaltige Fortschritte in Sachen Infrastruktur und Städtesanierung. Ein gutes Beispiel ist das Tanken. Berichten die einschlägigen Reiseforen noch von Versorgungs- und Akzeptanzproblemen in Sachen Kreditkarten, so kann man das heutige Tankstellennetz zumindest in Westrussland als durchaus engmaschig und modern bezeichnen. Visa & Co. werden selbst an kleinen Überlandstationen akzeptiert, man bezahlt kontaktlos per Funksignal oder mit PIN. Und das einzige, was du lernen musst, ist der ungefähre Rubelbetrag für die Tankfüllung deines Bikes, weil du vor dem Tanken an der Kasse zahlen musst, damit die Zapfsäule freigeschaltet wird. Bei uns reichen 500 Rubel (6,50 Euro) für eine Füllung beider Enduros und damit für ca. 250 Kilometer. Da bleibt dann immer noch genug Geld für zwei Kaffees und Schoki, die mit 250 Rubel zu Buche schlagen. Realitäten in Russland…

 

Bei Valday, wo die Ausläufer der Waldaihöhen enden, streift die Route den gleichnamigen See und bietet Zugang zu einem bescheiden touristisch aufbereiteten Erholungsgebiet mit bunten Datschas, Anglerparadiesen und einer lebendigen Innenstadt. Die restlichen Stunden sind vor allem Straßenkampf mit vielen Baustellen, LKW-Rußwolken und Dreck in der Luft. Am Abend erreichen wir Twer nach über 400 Kilometern, finden das Hotel „Hyde Park“ (nur in Kyrillisch!) und sind - zugegeben - ganz schön platt. Der Stau heraus aus der über 400.000 Einwohner zählenden Stadt ist gute zehn Kilometer lang und wir sind froh, „anti-clockwise“ hier einzulaufen. 

Doch einmal mehr kommt das Gute am Schluss: Plötzlich ist sie da — die Wolga. Der Strom glitzert rechts neben dem Stadtgewühl und dann geht es über unsere erste große Wolgabrücke. Ein herrliches, fast erhabenes Gefühl und ich muss noch einmal zurück, irgendwo am Brückenaufgang die CRF abstellen und Fotos schießen. Fast satt ruht der Fluss im Abendlicht und darüber schwebt ein schüchterner Vollmond — und zwinkert uns zu. Willkommen an der Wolga!

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