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Weiter Weg an die Wolga, Teil 1

Reisetagebuch Wolga   23. August 2018 - Tag: 320 km - Gesamt: 4723 km - Eintrag: Michaela & Udo 

Von St. Petersburg nach Staraya Russa (Russland)

Begegnung mit Zarin Katharina
Begegnung mit Zarin Katharina

до свидания - do svidaniya, St. Petersburg. Auf Wiedersehen, du Schöne an der Newa. Es hat nachts geregnet, passend zum Abschied. Wir drhen noch eine Stadtrunde mit den Enduros, fahren zum Reiterstandbild des Zaren Peter der Große auf dem Senatsplatz, wo wir am Vorabend eine Foto-Location mit passendem Licht ausgelotet haben.  Oh Schreck, der Platz ist am frühen Morgen bereits von mindestens zehn Reisebussen belagert. Doch der nur auf den Hinterhufen thronende „eherne Reiter“ blickt hinüber zur Isaak-Kathedrale… danke, Peter, und jetzt lässt du bitte den Himmel noch ein wenig aufreißen, dann passt’s. Und während wir noch an den Perspektiven (siehe Foto) basteln, sind wir umringt von asiatischen Touristen, die auch mal wollen, vor allem mit den Hondas. Immer wieder gehen die Daumen zum „Bravo“ hoch. Als ich aber ein Gegenkompliment machen möchte und betone, dass Hondas ja schließlich aus Japan kämen, da ertönt Protest und ein vielstimmiges „Taiwan“ schallt uns entgegen…

 

Karambolagefrei entkommen wir dem Großstadtgewühle der Stadt, halten uns richtung Luga. Es erfordert etweas Zeit und Eingewöhnung, aber wenn man vorher auf der zweisprachigen Landkarte die russische Schreibweise studiert und den Rest des kyrillischen Alphabets im Kopf hinzu nimmt, dann fährt man tatsächlich in die richtige Richtung. Meine Navi mit der zusammengestellten OSM- Karte (Open Street Maps) macht zunehmend Zicken, weil es die Zielorte nicht erkennt, ganz gleich, in welcher Sprache ich es versuche. Am Tag darauf ist klar: das Teil ist routingunfähig und damit für uns wertlos. Hätten wir nicht das zweite Navi von TomTom mit der Europakarte inklusive dem europäischen Teil Russlands, also Westrussland, dabei, müssten wir lediglich mit dem äußerst groben Kartenmaterial im Maßstab 1:2.000.000 zurechtkommen. Unmöglich! Also an dieser Stelle nochmals einen Riesendank an Sven Degenhardt vom Reiner H. Nitschke-Verlag für technische Beratung und Support. спасибо (spasibo), Sven, tausend Dank!!

 

Ab Luga verlassen wir nach den ersten 150 km Schnellstraße mit kilometerlangen Baustellen die M20 und finden eine holprige, aber sehr schöne Nebenstrecke am Fluss Luga entlang Richtung Shimsk, die auf der groben Road Map gar nicht eingezeichnet ist, aber von Onkel Tom durchaus empfohlen wird. Und sofort ist das alte Russland da, mit ärmlichen Straßendörfern, deren Datschas oft windschief und völlig heruntergekommen sind. Sie stehen auf teilweise sumpfigem Boden, sacken nach ein paar Jahren ab, werden unbewohnbar. Viele Menschen haben ihre Häuser bereits verlassen, sind vielleicht in die Stadt gezogen, wo es Arbeit gibt. Hier draußen, weitab der großen Straßen und Städte, gibt es fast nichts, bestenfalls ein wenig Landwirtschaft oder einen Garten ums Haus für den privaten Bedarf. Und auch die Frauen an der Straße mit ihren wackeligen Holztischchen, dem eingemachten Gemüse und dem Obst in Blecheimern, wie wir sie in den nächsten Tagen an Hauptverkehrsstraßen oder am Ortseingang einer größeren Stadt oft sehen, die fehlen auf der Nebenstrecke völlig. Hier kommt kaum jemand vorbei, das lohnt sich nicht, das ist Mütterchen Russlands vergessenes Land. 

 

Vierzig Kilomter vor Shimsk reißt der Asphalt ab. Die Straße wird zunächst zum grob geschobenen Schotterweg, bekommt dann aber derart große Löcher, dass wir radikal vom Tempo runtermüssen und teilweise in Schrittgeschwindigkeit von Loch zu Loch poltern. Für 30 Kilometer eineinhalb Stunden - und wir haben begriffen, dass auf gelben Nebenstrecken schnell das Tagesziel in weite Ferne rückt und der errechnet Zeitplan sich in Luft auflösen kann. Also vorsichtig, denn wir können uns alles leisten, nur keine weiteren Extratage, die den Visumskorridor zuschnüren…

 

Ab Shimsk rauschen wir auf der P51 am versteckt hinter dicht bewaldetem Ufer liegenden Ilmensee vorbei und erreichen am frühen Abend Staraya Russa. Der Weg führt mitten durch ein stolzes Kapitel russischer Militärgeschichte, was zahlreiche Kriegerdenkmäler (siehe T34-Foto) neben der Straße beweisen. Im Januar 1942 (unvorstellbar, wie es hier im Winter aussehen mag…) gelang es sowjetischen Truppen erstmals, deutsche Divisionen in der Kesselschlacht von Demjansk einzukreisen und von der Front abzuschneiden. Es dauerte über 3 Monate, bis es den Deutschen mit massiver Luftversorgung und -unterstützung gelang, diesen ersten Würgegriff der Roten Armee wieder zu lösen. Der Rest ist bekannt und endete mit dem Wendepunkt des von Hitler großkotzig „Unternehmen Barbarossa“ genannten Ostfeldzuges — mit Stalingrad!!

 

Quartier in Staraya Russa. Ein typisches Ostblockhotel, wie ich sie von früheren Reisen als Touristikhotels in Rumänien und Bulgarien kennengelernt habe. Alles sehr schlicht, einfachste Zimmer, ein Restaurant mit hundert gedeckten Plätzen für maximal zehn Gäste… Wir schließen Bekanntschaft mit einer Gruppe von indischen Gästen, die sich seltsam bedeckt halten, als wir nach dem Grund ihres Aufenthalts in Russland fragen. Am nächsten Morgen wird klar warum: Die Herren sind indische Luftwaffensoldaten und während ihrer Abordnung nach Russland in diesem Hotel untergebracht. Interessant zu wissen, dass es eine militärische  Kooperation zwischen Russland und Indien gibt… Ob Donald Trump das wohl weiß?

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