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Die Kinder der Zaren

Reisetagebuch Bernsteinstraße - Zwei Ruhetage in St. Petersburg 

21.+22. Aug. 2018 - Tag: 21 km zu Fuß - Ges.: 4403 km - Eintrag: Michaela & Udo

Natalia ist hart im Nehmen und ein Schatz zugleich. Nach ihrer Nachtschicht im "Nevsky Contour" hat die Gute zwar Ringe unter den Augen, aber trotzdem ein leckeres Frühstücksbüfett gerichtet. Wenn man hier schon vor acht Uhr morgens zum Müsli aufschlägt, erntet man erstaunte Blicke. Die meisten Gäste kommen erst gegen halb neun, was für St. Petersburg immer noch eine verdammt frühe Stunde ist. Nach der Nachtschicht hat Natalia drei Tage frei, bevor eine neue Arbeitswoche beginnt - und deshalb macht sie ihren Job doch recht gern. Sie und ihre drei Kolleginnen sind das Herz des sympathischen kleinen Hotels an St. Petersburgs Geschäfts- und Lebemeile "Nevsky Prospekt", und wir sind froh, diese Oase der Ruhe per Zufall entdeckt zu haben. 

Die Zimmerpreise in russischen Hotels waren bislang selbst in Großstädten moderat. Lag das schicke IBIS in Kaliningrad noch bei 69 Euro mit Frühstück, so gelingt es "Digital Micha" in St. Petersburg, uns das 3-Tage-Wohlfühlpaket für knapp über 150 Euro aufs Handy zu beamen. Und auch da ist das Frühstück mit dabei. Bei allem anderen gilt: Nähe Nevsky Prospekt bedeutet gleichzeitig auch Nähe zu unserem gewohnten West-Preisniveau. Keine zehn Meter daneben jedoch stürzt der Rubel ab und man isst und trinkt für einen Bruchteil der Promenadenpreise.

 

Als völlig problemlos entpuppt sich das Telefon- und Datavolumen-Problem. Wir telefonieren so gut wie nie, möchten aber überall und WiFi-unabhängig ins Internet können. Also haben wir einen Hotspot (GlocalMe) dabei und erstehen im erstbesten Telefonladen der "Rus-Telekom" eine 10-Gigabyte-Simkarte für zarte 350 Rubel. Bei einem Kurs von 76 Rubel auf den Euro entspricht das 4,60 Euro. Vierwochen-Vertrag ausfüllen, im PC anmelden und freischalten - nach 10 Minuten sind wir wieder draußen und alles funktioniert. Da könnten unsere Telefonanbieter mal Maß nehmen... 

 

St. Petersburg: Auferstehungskathedrale
St. Petersburg: Auferstehungskathedrale

Noch etwas Erfreuliches: Wir haben nette Tischnachbarn gefunden. Ulrike und Barbara sind Wiederholungstäter, was den Besuch St. Petersburgs angeht, auch wenn das letzte Mal bereits 17 Jahre zurückliegt. "Wie unter einer Glocke war das damals," erinnert sich die weitgereiste Heilpädagogin Barbara. "Die Menschen wirkten bedrückt, ja, fast ein wenig deprimiert. Kein Frohsinn, keine Lebenslust! Dieses wunderschöne St. Petersburg mit seinen Kathedralen und Palästen - und dann diese traurigen Menschen, das war für mich ganz schwer zu ertragen."

 

Vieles hat sich seit jenen Tagen grundlegend geändert, wie wir an unserem ersten Tag in der Zarenstadt an der Newa feststellen können. Nun gut, mit dem frühen Aufstehen haben es die St. Petersburger tatsächlich immer noch nicht, was für Besucher den Vorteil hat, die Stadt bis elf Uhr relativ ungestört und ohne ein Bad in der Menge genießen zu können. Dann geht es ab in den Straßen dieser Stadt und die fünf Millionen Einwohner zuzüglich einer ständigen Million Touristen werden glaubhaft und körperlich spürbar. Der Nevsky Prospekt pulsiert, und jede Ampelanlage an einer der vielen Querstraßen über Newa- und Kanalbrücken erzwingt einen Blutstau, der sich - nachdem das lustige Ampelmännchen akustisch unterstützt in Laufschritte verfällt - wie nach Öffnung einer Venenklappe auf die gegenüberliegende Straßenseite ergießt. Und alle haben diesen indifferenten Schmollblick auf den Lippen oder telefonieren mit dem besten Freund und ja, dann gelingt den St. Petersburger Damen schon mal ein Lächeln. Die Kinder des Zaren haben leben gelernt, fürwahr, und sie lassen es krachen mit ernstem Gesicht. Natürlich nur, wenn sie zu den Glücklichen gehören, die - erstaunlich schnell - zu Geld gekommen sind und nun zu Russlands neuen Reichen zählen. Was da eng berockt trippelt, in Minipants stöckelt, Rollköfferchen zieht und mit Greta Garbo-Blick die vielen toll eingerichteten Cafés mit Anleihen aus der Jugendstilzeit bevölkert, ist das neue Gesicht der Stadt. Das weibliche, wohlgemerkt, denn die Söhne des Zaren sind Machos geblieben und sitzen statt im Vierspänner nun in den neuen Karossen des Erfolgs und des Wohlstands: BMW X6, AMG Mercedes oder mindestens der 350er ML, Range Rover, Ford Mustang, Porsche 911 Carrera 4S und - ganz wichtig (!) - alle mit Klappenauspuff, damit man's hört und zur Seite hüpft, wenn der röhrende Hirsch zwischen den Fahrspuren durchstartet. Die Burschen am Steuer sind oft noch deutlich unter 30 und ich kann mir ums Verrecken nicht vorstellen, welches reguläre berufliche Einkommen dahinter stecken könnte.

Abendsonne an der Anichkov-Brücke mit den Statuen der Pferdebändiger
Abendsonne an der Anichkov-Brücke mit den Statuen der Pferdebändiger

Welches Programm fährt man am besten, wenn man unterm Strich zwei Tage Zeit für eine solche Stadt hat? Isaak-Kathedrale und Katharinenpalast mit dem famosen Replika-Bernsteinzimmer, Peterhof und Eremitage, Auferstehungskirche und Kasaner Kathedrale, Peter & Paul-Festung und Strelka-Säulen, die Newa und ihre Seitenkanäle, die der Stadt den Ehrentitel "Venedig des Nordens" verliehen, die hübschen Parks, die lebendigen Märkte, die mondänen Clubs, die schicken Cafés... Beim Barte des letzten Zaren Nikolaus des Zweiten, das packst du dein Lebtag nicht zwischen drei Hotelnächten. Und einfach ein, zwei Tage verlängern funktioniert nicht, mein Lieber. Unsere Visa ticken, und dann kannste die Wolga vollends vergessen...

 

Ich hab's: Michaelas digitale Finger buchen für den ersten Tag einen "Mobile Voucher" für den Hop On-Hop Off-Bus mit zwei Linien und insgesamt 25 Stationen, der einem alles zeigt, per Audio-Guide kommentiert und größtmögliche Bewegungsfreiheit verspricht. Kosten: 52 Euro. "Und am zweiten Tag machen wir dann alles zu Fuß und können schöne Fotos schießen; morgen ist sowieso besseres Wetter!" Recht hat sie, die Gute, denn was heute in gewaltigen Schüben vom Himmel kommt, senkt nicht nur die Temperaturen auf einen gefühlten Gefrierpunkt, sondern fühlt sich auf dem offenen Doppeldecker an wie eine Fahrt mit der Enduro durch die Waschanlage - ohne Helm versteht sich. Wetten, dass die Kinder des Zaren jetzt in einem ihrer 24-Hour-Clubs sitzen und sich von Olga den klappengestressten Rücken massieren lassen, während wir Idioten... Auf der Straße sind die jedenfalls plötzlich verschwunden.

 

Wir überbrücken das Newa-Tief im Kino- und Theater-Café "Home of Harmony", direkt neben dem noblen Astoria-Hotel, wo sich Alexander Puschkin einst die Kanne gab, bevor er sein Duell mit dem französischen Gardeoffizier Georges d'Anthès versäbelte und unglücklich verschied. Und wir erkunden die Nebenstraßen an der Newa, wo die Hausfassaden bröckeln, der Müll sich auf der Straße türmt, das Pflaster holprig und die Schminke bröckelig wird. Bäckereien, in denen noch "live" gebacken wird, Landfrauen, die morgens in die Stadt gereist sind, um ihr Obst und Gemüse am Straßenrand oder in diesem kleinen überdachten Markt im Viertel neben der Vladimirskaya-Kirche feilzubieten. Der Regen ist feucht, die Newa noch feuchter und das Leben - von dem wollen wir gar nicht reden. Das tut die alte Frau mit ihren Taschen und einigen Habseligkeiten, die da plötzlich wie Treibgut orientierungslos in der Menge schwimmt. Oder der Mann mit den Krücken am Straßenrand, der in der Linken ein paar Blumen anbietet, während er sich mit der Rechten an der Hausmauer abstützt. Das tun die abgespaceten Loser in den Hauseingängen, die offensichtlich bereits um die Mittagszeit nicht mehr ansprechbar sind. Und das tun auch die vielen, vielen Straßenmusikanten und -bands, die von westlich imitiertem Heavy Metal über russischen Hard Rock bis hin zu qualitativ erstaunlich gut gecovertem David Gilmour und Eric Clapton alles bieten, was St. Petersburg multicoloriert erscheinen lässt. Doch dabei verdienen sie kaum genug, um am späten Abend noch satt zu werden, auch wenn ihnen vielohrig und minutenlang zugehört wird. Der Geldbeutel bleibt zu. Die erfolgreichen Schickimickis trippeln achtlos vorbei und ihre Mäzene zünden auf dem "Nevsky" lieber die Abgasklappe.

 

Frustrierend - doch gehört auch das zum neuen Glamour der Stadt, die bei Reisegesellschaften und Charter-Airlines inzwischen so hoch im Kurs steht, dass man einige der anfangs aufgezählten touristischen Highlights schon Wochen zuvor buchen muss. Unserer vergleichsweise naiven Annäherung an die Stadt der Zaren fällt letztlich auch das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast zum Opfer, was uns allerdings nicht besonders traurig macht, als wir am darauffolgenden sonnigen Tag Zwo unserer Newa-Promenade die endlosen Schlangen vor der Isaak-Kathedrale und der Eremitage entdecken. 

 

Fazit am Ende eines Perfect Day: Die Kinder des Zaren haben das Lächeln gelernt, aber sind noch nicht glücklich geworden. St. Petersburg glänzt mit nobler Fassade, die aber in den oberen Stockwerken zu wenig bezahlbaren Wohnraum bietet, so dass leere Fenster zu toten Augen werden. Wer Geld hat in St. Petersburg, wird es behalten und für sich verbrauchen, und am Rande des vergoldeten Tellers sammelt sich der Unrat einer jeden Großstadt. Leben und arbeiten ist in Venedigs Schwesterstadt für diejenigen, die weit draußen in den Wohnburgen der Außenbezirke logieren müssen, ein knochenharter Kampf, der oftmals mehr als einen Job erfordert. So wie bei Vitalij, der in "Mama na Dache" bis Mitternacht kellnert und am nächsten Tag ab acht seine Schicht in einem Straßencafé beginnt. Und er lächelt trotzdem, weil er sie alle mag: die Stadt, die Newa, die Musik in den Parks, die vielen Menschen auf den Straßen, die Hektik, ja, sogar die Machos in ihren teuren Autos. 

St. Petersburg bedeutet den Russen viel mehr als Venedig den Italienern. Die Stadt ist eine Hoffnung, eine gelebte Illusion - von einem modernen Russland, von einer Öffnung nach Westen, von Hoffnung und Zukunft, vom besiegter Angst und einem freien Lachen. -

Und am nächsten Tag lacht die Sonne...

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Kommentare: 3
  • #1

    Angela (Freitag, 24 August 2018 11:08)

    Was für ein herrliches Kaleidoskop an Foto-Impressionen! Bewegend auch die menschlichen Begegnungen, die ihr so einfühlsam beschreibt!
    Habe auch tief aufgeatmet, als ich nach der Sendepause wieder von euch lesen durfte.

  • #2

    Stefan und die Maedels (Freitag, 24 August 2018 19:31)

    Toller Text und schöne Bilder
    Weiter so

  • #3

    Manfred (Sonntag, 26 August 2018 10:49)

    Tolle Bilder und Texte. Gerade bei St. Petersburg kommt bei mir etwas Fernweh auf. Eine schöne Stadt - es hat sich gelohnt, dass ihr dort etwas Zeit verbracht habt. Weiterhin viele schöne Erinnerungen, gute Fahrt und schönes Wetter.

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