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Mächtig Trubel in Tallinn

Reisetagebuch Bernsteinstraße   18. August 2018 - Ruhetag in Tallinn - Eintrag: Michaela & Udo

Ein Ruhetag in Tallinn

Tallinn: Blick vom Domberg auf die Olaikirche
Tallinn: Blick vom Domberg auf die Olaikirche

In Estland leben 1,3 Mio. Menschen - 430.000 davon in der Landeshauptstadt Tallinn. Das ist so, als lebten in Deutschland 30 Mio. Menschen in Berlin. Nun gut - die Vorstellung hat bestimmt auch ihren Reiz, dann hätten wir etwas mehr Platz im Rest der Republik...😛

Tallinn (dtsch. Reval) käme im Grunde genommen mit seiner Bevölkerungsdichte gut zurecht, wäre da nicht der Fährhafen, dem sich Tag für Tag die von uns so hochgeschätzten Kreuzfahrtschiffe nähern, denn -- Tallinn ist noch vor St. Petersburg ein beliebter Ankerplatz für alle "Baltic Cruises". Und was so passiert, wenn sich zwischen 8.000 und 10.000 Crusader todesmutig ins städtische Getümmel stürzen, bereitet einem geradezu körperlich Schmerzen. Mein gestörtes Verhältnis zu Menschenaufläufen bekommt an diesem Morgen bereits beim Hotelfrühstück reichlich Nahrung, denn klammheimlich haben gestern Abend noch 3 Busladungen der Marke "Erna's Adventure Tours" eingecheckt, womit sich die zwischenmenschlichen Probleme "Einsamkeit", "Stille" und "fehlende Ansprache" restlos erledigt haben. Reinhard May kommt mir in den Sinn und seine treffenden Beobachtungen am kalten Büfett. Mir ist ja schon klar, dass das Essen der Sex des Alters ist, aber da geht's zwischen Käse, Aufschnitt, Rührei und englisch anmutenden Würstchen derart heftig zur Sache, dass Verletzungsgefahr für die gabelführende Hand besteht. Und was die Menschen alles zu erzählen haben... Und dann haben die meisten offensichtlich ihr Hörgerät auf dem Zimmer vergessen. Wir retten uns auf die kleine Terrasse vor dem Hotel und fassen nur gelegentlich Nahrung und Kaffee nach, wenn es die Büfettbelagerung erlaubt.

 

Jetzt aber das Positive: Tallinn ist ganz Hanse und architektonisch ein Juwel. Der Name der Stadt geht zurück ins frühe 13. Jh., als der dänische König Waldemar die Stadt eroberte und eine dänische Burg errichten ließ, eine "Taani-linn". Der bestens restaurierte Burgberg ist zugleich Sitz vieler diplomatischer Vertretungen, offeriert ein geradezu edles Ambiente mit wunderschönen Hausfassaden, eine schneeweiße Domkirche und die pittoreske, vieltürmige orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale. Gleich mehrere Ausblicksbalkone laden dazu ein, die Unterstadt zu bestaunen, mit weitem Blick bis hinaus in den Fährhafen, wo die besagten schwimmenden Hotels unserer No-risk-Reisegesellschaft ankern bzw. neues Ungemach sich bereits auf Reede ankündigt. 

Wir schwimmen mit den Massen zum Rathausplatz, erklimmen die steile und enge Wendeltreppe des Rathausturms (abnehmende Besucherdichte!!) und genießen einen geradezu famosen Ausblick auf diese schöne Stadt. Zu jeder vollen Stunde schlägt dort oben eine Glocke in Erinnerung an die Zeit, als der Stadtknecht "Alter Thomas" die Feuerglocke läutete, wenn die Stadt in Gefahr war. Seine Figur schmückt seit 1530 die Turmspitze und ist das Wahrzeichen Tallinns. Zugeben, ich hätte die volle Stunde gern abgewartet, um zu sehen, ob jemand vor Schreck über die Turmbrüstung hüpft; aber vierzig Minuten ausharren...

Tallinn: Alexander-Newski-Kathedrale
Tallinn: Alexander-Newski-Kathedrale

So vieles in Tallinn lohnt und ist für einen einzigen Tag fast zu viel: die zahlreichen besuchswerten Kirchen, die Reste einer mächtigen Stadtmauer mit der trutzigen "Großen Strandpforte" und dem "Dicke Margarethe" genannten stärksten Befestigungsturm des Baltikums (gerade nicht zugänglich wegen Restaurierungsarbeiten!), die charmanten Gassen mit Kopfsteinpflaster, die vielen Hotels, Cafés und Restaurants in der Altstadt mit schönen, stimmigen Fassaden, die deutlich noch sichtbaren Spuren der Hansezeit mit Giebel- und Speicherhäusern. Tallinn ist ein Open-Air-Museum und wurde 1997 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes mit der Anmerkung eingetragen: "(...) ein außergewöhnlich vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt."

 

Was Russen und Deutsche der Stadt und ihrer Bevölkerung bei wechselnder militärischer Einnahme und Besatzung zwischen 1940 und 1945  mit Bombardements, Deportationen und Judenvernichtung antaten, gehört - ähnlich wie in Riga - zu den dunkelsten und traurigsten Kapiteln der Stadtgeschichte. Seit dem 20. August 1991 ist Tallinn nun Hauptstadt eines unabhängigen Estlands und genießt die Vorzüge eines immens wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Wohlstands, der nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass die Esten mit einer klugen, will heißen moderaten Steuerpolitik internationale Unternehmen in den Nordosten Europas lockten. Besonders beliebt ist die Stadt bei Telekommunikationsunternehmen wie Nokia, Philips und Ericsson. Und wer gerne skypt, sollte wissen, dass die Software für diese VoIP-Kommunikationstechnik aus Tallinn stammt...

 

Nachtrag:
Am Nachmittag hat Petrus, der Estländer uns ein wenig in die Suppe gespuckt und einen typisch milden, aber hocheffektiven baltischen Regen über der Hansestadt abgelassen. Doch an der Ostsee gibt es kein wirklich schlechtes Wetter (Ich bin an der Ostsee aufgewachsen und habe das jahrelang getestet...😊). Gegen frühen Abend gibt es ein Sonnenloch und da schau her: Alle Crusader hat's aus der Stadt geschwemmt. Die sitzen jetzt alle beim Captain's Dinner  (der Arme 😝) und würgen an einem 5-Gänge-Menü herum. 

Und wunderbar: Tallinn kann nun zu vorgerückter Stunde erst richtig seine Reize zeigen, mit stimmungsvollen Gassen, einem romantisch illuminierten Rathausplatz und vielen schönen Lokalen, die auch von Einheimischen besucht sind. Alles bestens und zu jedermanns Zufriedenheit...

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Kommentare: 2
  • #1

    Angehende Pädagogin! (Sonntag, 19 August 2018 20:25)

    Hallo, Ihr Beiden,

    ich habe heute zum ersten Mal von eurem Block erfahren und kam natürlich nicht drumherum mal hineinzuschnuppern ;)
    Großes Lob an Udo zu diesem Beitrag...ich hoffe später auch so toll schreiben zu können!

    Ich wünsche Euch noch eine ganz tolle, erholsame und interessante Reise.

    Wir sehen uns mit Sicherheit bald mal wieder.
    Spätestens wenn Ihr Euch dazu verpflichten müsst meine Hausarbeiten zu korrigieren. ;););)

    Liebe Grüße
    Céline

  • #2

    Martin (Montag, 20 August 2018 12:54)

    hallo ihr Beiden,
    wir sind mal wieder in Süd Tirol und genießen die Bergwelt. da Gisela und Sebastian heute eine größere Tour machen,
    habe ich die Zeit wieder eure Reiseberichte zu sehen. Sie sind immer wieder interessant! Machts weiterhin gut, ich freue mich schon auf weitere Bilder und Berichte , Gruß Martin

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