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Ein Tag in Kaliningrad

Die Christ-Erlöser-Kathedrale der russisch-orthodoxen Kaliningrader Kirche
Die Christ-Erlöser-Kathedrale der russisch-orthodoxen Kaliningrader Kirche

Ruhetag in Kaliningrad     -    Eintrag: M&U

Ausschlafen, Blog pflegen, Motorradbekleidung waschen lassen, kleine Stadterkundung und Abendessen am Siegesplatz.

 

Калинингра́д - Kaliningrad, für alle Leser, die noch zweifeln. Und damit wird unser Hauptproblem während des "Stadtbummels" in Königsberg schon sehr deutlich: die Orientierung. Den nach dem Krieg restaurierten Königsberger Dom mit dem Grab des Philosophen und Königsberges Sohnes Emmanuel Kant finden wir noch - schließlich ist sein Turm hoch genug - doch mit dem Erreichen des eigentlichen Stadtzentrums hapert es bereits. Wir genießen trotz immer wieder einsetzender Regenschauer die einigermaßen "intakte" Atmosphäre am neuzeitlich wiederaufgebauten "Fischdorf" direkt am Pregel, eine Art Einkaufs- und Businesszentrum, stilistisch ein wenig angelehnt an alte Hansestädte. Es scheint derselbe Stil zu sein, der inzwischen auch im polnischen Gdansk auf der Motlawa-Insel Anwendung findet. Schnell hochzuziehende Beton-Hinterhäuser mit neo-klassizistischen Fassaden, alles andere als eine echte Restaurierung, aber was will man erwarten, wenn die Initiative, überhaupt etwas vom alten, im Krieg und danach völlig zerstörten Stadtbild Königsbergs zu restaurieren weitestgehend privaten Investoren überlassen wird.

Es gibt inzwischen allerdings ehrgeizige Pläne um den in Königsberg geborenen Architekten Arthur Sarnitz, dem eine historisch getreue Wiedererbauung der Königsberger Altstadt inklusive des Kneiphofs rund um den Königsberger Dom vorschwebt. Das Projekt wurde bereits 2007 mit 3D-Technik vorgestellt, doch kommt es aufgrund der Abhängigkeit von primär privaten Investoren nur schleppend voran.

Unser erster Rundgang endet in einem dieser schrecklich anonymen Wohnghettos mit maroden Plattenbauten aus der Sowjetzeit und allein bei der Vorstellung, hier leben und arbeiten zu müssen, stellen sich einem die Nackenhaare.

In der mit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1992 entstandenen russischen Exklave Kaliningrad leben heute mehrheitlich Russen, die die Nähe Europas, besser der EU suchen und schätzen oder eben, wie es bei etlichen Russlanddeutschen der Fall war, die Stadt als vorübergehendes Domizil wählten, um später nach Deutschland auszuwandern.

 

Wirtschaftlich betrachtet hat Kaliningrad durchaus Potential: Die Stadt ist ein für die Russische Förderation bedeutendes Wirtschafts- und Industriezentrum mit chemischer und nahrungsmittelproduzierender Industrie, Maschinen- und Werftbau und natürlich dem einzigen eisfreien Hafen Russlands, was für den Export von Waren über die Ostsee von so unschätzbarem Wert war, dass Stalin nach dem Potsdamer Abkommen nach dem Kriegsende 1945 entschied, die Stadt und den nördlichen Teil des russisch besetzten Ostpreußens zu annektieren. Seit Juli 1946 heißt Königsberg nun also Kaliningrad, benannt nach dem kurz zuvor verstorbenen sowjetischen Präsidenten Michail Iwanowitsch Kalinin. Eine durchweg willkürliche Namensgebung, was die Diskussion in der Stadt um eine mögliche Rücktaufe in Königsberg immer wieder aufs Neue entfacht. Bisher wurden allerdings alle Bestrebungen aus primär ideologischen Gründen und dem Stolz der Ur-Kaliningrader auf ihre "Wiederaufbauleistung" abgelehnt. Beim letzten Gedanken wird der Besucher der Stadt allerdings sehr, sehr nachdenklich - und ehrlich, wir sind sehr froh darüber, dass Danzig von polnischen Architekten und Handwerkern restauriert wurde und nicht von sowjetischen Städteplanern...

 

Wir schaffen es an unserem Ruhetag nicht mehr den Besuch des Bernsteinmuseums im Dohna-Turm, sondern beschließen, stattdessen das Bernsteinmuseum im litauischen Palanga zu besuchen. Dafür treffen wir Lena und Klaus an den Überresten des von den Sowjets gesprengten Königsberger Schlosses und bestaunen den direkt gegenüber errichteten sozialistischen Gegenentwurf, das Haus der Sowjets (Rätehaus) - bis heute eine von statischen Problemen gebeutelte Bauruine der allerübelsten Art. Ein kleiner Hoffnungsschimmer auch hier: Es gibt Pläne seitens der Stadt, das Königsberger Schloss wie die Frauenkirche in Dresden originalgetreu wiederaufzubauen...

Die in Königsberg geborene Lena führt uns noch zur Kaliningrader Universität, wo sie selbst zur Lehrerin ausgebildet wurde und zu jenem Bunker, in dem der deutsche General Otto Lasch am 9. April 1945 die Kapitulationsurkunde unterschrieb und damit der durch die Nazis zur "Festung" erklärten und bereits in der Schlacht um Königsberg völlig Stadt viel ziviles Leid ersparte.

 

Der Abend endet am Platz des Sieges. In der Mitte des großzügig angelegten, durchaus atmosphärischen Platzes feiert eine Siegessäule die Niederlage der deutschen Verteidiger und die siegreiche Rote Armee. Ganz in der Nähe erhebt sich das bis dato höchste Gebäude der Stadt, die 2009 nach 13-jähriger Bauzeit fertiggestellte Christ-Erlöser-Kathedrale der russisch-orthodoxen Diozöse Kaliningrads. Monumental, mit goldglänzenden Zwiebeltürmen - ein Hingucker und würdiger Mittelpunkt des modernen Kaliningrads. Drum herum einige Verwaltungsgebäude und neu errichtete Kommerzbauten mit schicken Geschäften, Boutiquen und Einkaufszentren nach westlichem Vorbild. Es ist klar, wohin die Reise geht, wenn die freien Kräfte der Wirtschaft walten dürfen. Wer geschäftlich erfolgreich ist und wem es gut geht, der promeniert abends hier und diniert in einer Bar mit verglastem Vorbau und Blick auf das städtische Leben. Und sie sind chic, die jungen Kaliningraderinnen, so chic, dass ich mehrfach einen Fußtritt ernte, weil der Nacken sich zu verrenken droht... 😅

Am Platz des Sieges
Am Platz des Sieges
Modernes Kaliningrad
Modernes Kaliningrad

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Kommentare: 1
  • #1

    Achim Sieger (Dienstag, 14 August 2018 11:52)

    Beeindruckende Bilder, ihr zwei. Schöne Grüße aus dem Westerwald in den Osten!

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