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Erste Bernsteinfunde in Gdansk

Reisetagebuch Bernsteinstraße   10. August 2018 - Tag: 184 km - Gesamt: 2914 km - Eintrag: M&U 

Von Chełmžá nach Gdansk/Danzig (Polen) 

In der Früh streichelt uns noch einmal kurz die Morgensonne und kitzelt beim Frühstück in der Nase. Die Bikes durften die Nacht im Innenhof des Hotels verbringen und die Einzylinder nehmen trotz der Himmelsfluten des Vorabends ohne Protest und Gestotter ihre Arbeit auf. Bemerkenswert gut gemacht, Honda! Wir haben uns vorgenommen, bereits am frühen Nachmittag an Danzigs Mottlau-Ufer anzulegen und einen hoffentlich sonnigen Blick auf das berühmte Krantor zu genießen. Doch es soll ganz anders kommen, denn wie immer gilt in allen Wetterfragen: Der Mensch denkt und Petrus lenkt. 

 

Zunächst einmal ist Kilometerschrubben angesagt! Bis nach Grudziądz (Graudenz) folgt die Route entlang der Landstraße 55 im Wesentlichen dem Lauf der Weichsel, die auch heute noch nachhaltig verschnupft und feucht aufgelegt ist. Grauer Himmel, darunter tiefschwarze Wolkengebilde mit wilder Sturmfrisur, unheilvoll auf Krawall gebürstet, ziehen von Bydgoszcz (Bromberg) her nahend den Strom hinauf Richtung Ostsee. Und obwohl wir den Gasgriff zwischen Kwiezyn (Marienwerder) und Malbork (Marienburg) geradezu auswringen, hat sich die Sonne bei der Ankunft an der Deutschordensburg am Ufer der Nogat nachhaltig verabschiedet. Mit letzter Kraft schaut sie noch beim Absetzen der Helme kurz zwischen zwei fetten Wolkenbänken hervor und schickt fahles Licht für die Kamera. Dann wird es dunkel und derart düster, dass man meint, gleich würde auf dem gegenüberliegenden Ufer die Zugbrücke direkt ins 14. Jahrhundert heruntergelassen, um die Hochmeister des Ordens zu empfangen. Jungenfantasien…

 

Wir waren schon ein paarmal in Danzig und so manche TOURENFAHRER-Geschichte spielt wenigstens teilweise in dieser geschichtsreichen deutsch-polnischen Stadt. Sei es bei der „Hanseatischen Spurenlese“ (TF, 09/1993), während einer „Weichselwanderung“ (TF, 11-2012) oder bei einer Hommage an Günter Grass („Grass wachsen lassen“ in TF, 01-2016) — stets war Danzig Schauplatz, Tatort und Leidensstätte dieser Geschichten gewesen. Ein Musterbeispiel und zugleich eine polnische Glanzleistung für einen historisch korrekten Wiederaufbau, nachdem die Stadt mit der Beschießung der Westerplatte durch den deutschen Panzerkreuzer Schleswig-Holstein im September 1939 die ersten Bomben des 2. Weltkriegs erleben musste und im Verlauf der sogenannten „Schlacht um Ostpreußen“ durch die Truppen der Roten Armee im März 1945 zu 80 Prozent zerstört worden war. 

(Fortsetzung weiter unten...)

 

Wir haben Quartier unweit der Grünen Brücke und des Grünen Tors direkt in der „Stare Miasto“, der Danziger Altstadt, gefunden und haben große Mühe, die Atmosphäre der Stadt und ihrer Geschichte aus vergangenen Besuchen wiederzubeleben. In diesen Tagen feiert der Dominikanermarkt seinen 758. Geburtstag und so gehört die gesamte Altstadt gut 1000 Händlern und ihren Ständen. Ein Ausnahmezustand - wenngleich ein sehr fröhlicher, lebensbejahend bunter, mit Menschenmassen in allen Gassen und einer Motlawa-Promenade im Trippelschritt. Über all dem dreht sich ein strahlend weiß beleuchtetes Riesenrad und setzt der Jahrmarktstimmung das i-Tüpfelchen auf. Jedes Jahr feiert Danzig ausgelassen diesen historischen Markt und wird damit für drei Wochen zur Hauptattraktion an der polnischen Ostseeküste. Mitten im Gewühle findet Michaela den Bernstein-Händler ihres Vertrauens und ich darf ein Versprechen aus venezianischen Tagen einlösen. Frauen vergessen so etwas bekanntlich nicht — und da die schönsten Bernsteinexponate als „Tränen der Götter“ sogar die Geliebten der ägyptischen Pharaonen berührten, freue ich mich schon jetzt auf das erste Abendkleid meiner Frau mit Bernsteinschmuck.

 

Einen haben wir in Danzig übrigens nicht getroffen, doch wir trösten uns mit dem Gedanken: Irgendwo in den Besuchermassen wird sicherlich auch Günter Grass’ Protagonist Oskar Matzerath unterwegs sein und seine Blechtrommel schlagen — nervig laut, um anschließend mit schriller Stimme einen spitzen,  glastötenden Schrei gegen den Zeitgeist des Vergessens und den Marschtritt des Kommerz auszustoßen, der in unserem Jahrhundert alles zu bestimmen scheint. Wunschdenken, liebes Oskarchen… -

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