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Tschechien auf Umwegen

Reisetagebuch Bernsteinstraße   07. August 2018 - Tag: 320 km - Gesamt: 2201 km - Eintrag: M&U 

Von Stramberk nach Nachod (Tschechien)

Mein lieber Herr Gesangsverein! Da sind die Bernsteinhändler aber bös ums Karree gelaufen… Der tschechische Bauch, den die römische Bernsteinroute seit heute morgen beschrieben hat, zieht sich über satte 320 Kilometer und ist zusammen mit dem Vortag der längste nationale Abschnitt der Route. Nun darf man den Kaufleuten nicht gleich eine Fünf im Fach Navigation & Orientierung verpassen, sondern muss die Bernsteinroute eher als einen sehr variablen, über Land generell unbefestigten Pfad verstehen, der über die Jahre immer wieder mal verlegt wurde und je nach landschaftlicher Barriere und wettermäßigen Gegebenheiten die eine oder andere Schleife zog. Vielleicht hatten die Bernsteinhändler unterwegs aber auch noch andere Geschäfte bzw. Geschäftsbeziehungen am Wegesrand, wer weiß. Für so eine hübsche, langbeinige Tschechin nahm man bestimmt auch zu Römerzeiten den ein oder anderen extra Tagesmarsch in Kauf…😉

 

Der Tag in Stramberk beginnt nach einer stickig-warmen Nacht im Dachgeschosszimmer des Hotels mit einem Frühstück in angenehmer Kühle auf der Terrasse. Wir haben beschlossen, die Großstadt Ostrava (Mährisch Ostrau) auszulassen, überqueren bei Studénka die Odra (Oder) und ziehen ab Bilovec durch ein schönes Flusstal mit kleinen Ortschaften und geduckt aneinander gereihten Häuschen, die von der Straße aus nur über einen kleinen Steg zu erreichen sind. Auf Opava (Troppau) zu macht die Route dann Höhenmeter und spuckt die Enduros auf eine weitläufige Hochebene mit spärlichem Bewuchs. Zwanzig, dreißig Kilometer später ein erneuter Szenenwechsel: Schwarzwaldimpressionen wie an der Hochstraße mit dichtem Nadelwald und kurvenreichem Geläuf. Die CRFs neigen sich unternehmungslustig von einer Seite auf die andere und selbst mit den bescheidenen PS-Stärken der 250er Motoren bringt die Sache unheimlich Spaß. Die super ashaltierte Rennstrecke würde sich glatt als Alternative zu Brünn anbieten — die ersten Lokalmatadoren sind jedenfalls schon fleißig am Üben.

 

Ab Sumperk verlassen wir die Landstraße 11 und klettern ein intimes Bergsträßchen über Hanusovice nach Králíky hinauf. Die 446 ist schon gut, aber die schmale 312 kurz darauf hat’s den CRFs besonders angetan, und da verzeihe ich gern die vielen langen Anstiege auf schnellen Landstraßen, an denen man mit den 25 PS-Motörchen oft klebt wie der Kaugummi unterm Schuh. Králíky (deutsch Grulich) ist bekannt in der Region und kann auf eine über 600-jährige Geschichte zurückblicken. Der hübsche Ort mit dem schönen, baumbeschatteten Rynek (Marktplatz) liegt geschützt in einer Senke zwischen dem Adler- und Glatzer Schneegebirge und wurde nach der Entdeckung von Erzlagerstätten, u.a. auch Silber, vornehmlich die Heimat von Bergleuten, was sich an den Hausornamenten der blechschindelgedeckten Häuser auch heute noch erkennen lässt. Hoch über dem Ort thront auf dem „Muttergottesberg“ (Hora Matky Boží) eine mächtige Klosteranlage mit Wallfahrtskirche und Pilgerheim nebenan, das dem leidensbereiten Wanderer  nach dem Aufstieg über einen herrlich baumbeschatteten Pfad die zwei wesentlichen Dinge im Leben eines Mannes offeriert: ein Bier und ein Bett. Bei Letzterem bitte keine ausschweifenden Fantasien — hier wird natürlich streng unter der Aufsicht von Gottesvertretern geruht.

 

Tourentechnisch leidet der Weg auf den folgenden Kilometern unter einem gewissen Spannungsabfall. Bis nach Zamberk gibt sich die 312er noch kurvenreich sportiv, dann ist sie als Landstraße Nr. 11 nur noch schnell geradeaus und für die „lütten Mopeds“ zu hektisch. In Rychnov nad Knez. verführt der Anblick eines Schlosses und der Stadtkirche zu erneutem Blinkersetzen, doch reicht’s dann doch nicht für den Seitenständer. Der schmucklose Rynek liegt wie ausgestorben und selbst die ansonsten in Tschechien bereits um die Mittagszeit aktiven Berufstrinker in den „Pivní bars“ liegen in der Nachmittagshitze noch daheim auf dem Sofa. In Solnice endlich Gelegenheit für eine Trinkpause. Das Bar-Mäusle versteht kein Englisch, aber deutet meine Zeichensprache und die Worte „Pivo“ und „Limo“ völlig richtig und bringt mir ein tschechisches Radler. Ich liebe solche Menschen!

 

Es ist inzwischen schon wieder halb fünf und Michaelas Miene changiert Richtung „besorgt“. Ihr Smartphone unterhält eine Standleitung zu booking.com, was uns auf dieser Reise schon so manchen Ärger erspart hat. In Nachod wird sie fündig und das Hotel U Beranka ist einen Schritt näher am Zielwort „ausgebucht“. Der Weg zur Kilmaanlage ist allerdings noch mit ein paar Hindernissen gespickt, da die tschechischen Straßenbauer sich die Landstraße 14 derart gründlich vorgenommen haben, dass wir weiträumig über Jaromêr nach Nachod umgeleitet werden. Etwas Sport tut uns nach 300 km natürlich gut, kein Thema. Aber vor allem genießen wir in Jaromêr die schwarze Kluft tausender Heavy Metal-Fans, die sich hier offensichtlich 3 Tage lang vorgenommen haben, dem verschlafenen Ort zu zeigen, wo musikalisch der Hammer hängt. Die Jungs & Mädels zelten in der Innenstadt sogar auf den Grünstreifen… Beinhart! - 

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