Kurz vorm Ziel

Hotel Pars International - Shiraz (Iran)

Hotel Pars International, Shiraz
Hotel Pars International, Shiraz

Salam, liebe Freunde und Besucher unserer Website!

Wir hatten ein paar Tage Sendepause – kein Internetzugang und offen gesagt auch keine Restpower, um nach einem sehr anstrengenden und vor allem ermüdenden Tourentag abends noch was Sinnvolles in die Tastatur zu hacken…

Der Tripmaster unserer Bikes zeigt für die letzten vier Fahrtage 1550 km an und wir haben mit der Zweimillionenstadt Shiraz sozusagen das Vorzimmer unseres Reiseziels erreicht: Persepolis ist nur noch ca. 80 km entfernt, und wenn wir morgen in der Nähe des Ausgrabungsgeländes nochmals Quartier nehmen, um an der Wiege der Perser die Sonne untergehen zu lassen, werden wir fast genau 6000 km von zu Hause entfernt sein. Es ist der weiteste Punkt unserer Tour und selbst Alexander der Große, der Persepolis 322 v. Chr. eroberte, wäre sicherlich beeindruckt gewesen…

Begegnung kurz vor Chelgard
Begegnung kurz vor Chelgard
Schnell mal "Hallo" sagen - Bisotun, Kermanshah
Schnell mal "Hallo" sagen - Bisotun, Kermanshah

Eine große Sorge unterwegs gilt stets der Technik. Halten die Bikes, kommen die Motoren dauerhaft mit dem niederoktanigen Benzin (85 Oktan) zurecht, spinnt eine Blackbox, welche die Benzineinspritzung regelt, halten die schlauchlosen Reifen/Felgen den Luftdruck, bleiben wir von Reifenpannen verschont, wird das Profil der HEIDENAU-Enduroreifen die über 12000 km Distanz verkraften??? Viele Fragen, viele Ängste – doch bisher toi, toi, toi – dreimal über die Schulter gespuckt – es ist alles OK und bis auf ein paar lautstarke "Furze" aus Michaelas Auspuff vornehmlich dann, wenn die Route wieder mal zwischen 1800 und 2400 Metern Höhe verläuft, hat sich nichts Besorgniserregendes getan. Solltet Ihr mitlesen, lieber Timo von KTM und lieber Roland von BMW, dann sei Euch nochmals gedankt für die gründliche technische Betreuung unserer Reiserösser. Und Jochen Schanz von TOURATECH sei verraten, dass der neue Träger große Klasse ist. Zum Motorschutz gibt es sicherlich noch etwas zu bereden, doch das machen wir nach der Tour wie besprochen…

Kontraste unterwegs nach Shiraz
Kontraste unterwegs nach Shiraz

Zum dritten Mal auf dieser Reise haben wir einen Ruhetag eingelegt. Zu groß sind die physischen, aber vor allem auch die psychischen Belastungen „on the road“. Selbst auf kleineren Straßen und sogenannten Nebenstrecken ist es selten ruhig und einsam. Bleiben wir irgendwo am Straßenrand stehen oder machen gar an einer der unzähligen Buden und Baracken am Wegesrand Halt, um in der Hitze Wasser oder Istak zu tanken, sind wir sofort von Neugierigen umringt, die mit ihren Fragen unsere volle Aufmerksamkeit fordern. Das ist superspannend, man ist hautnah dran an den Menschen, wir lachen viel, haben mit unserer Kommunikation per Körpersprache und English-Farsi-Brocken unheimlich viel Spaß und praktizieren damit garantiert eine wesentlich effektivere „Völkerverständigung“, als dies die Politik je zu leisten imstande ist.

Die Mittagshitze lässt alles im Dunst versinken
Die Mittagshitze lässt alles im Dunst versinken
Welcome, welcome...
Welcome, welcome...

Iraner sind in ihrem Kontaktbedürfnis ein wenig wie „kleine Kinder“ bei uns – und bitte missversteht diese Formulierung nicht als arrogant oder überheblich. Die Menschen haben ein unwahrscheinlich starkes Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, an einem Ereignis aktiv teilzuhaben. Autos halten, Menschen springen heraus, drücken dir die Hand, „Welcome to Iran“, Handy raus, ein paar Erinnerungsfotos mit den Touristen. Dann werden schnell Freunde aus der Umgebung angerufen und es dauert keine fünf Minuten und die kommen dann per Moped oder Kleinmotorrad angedonnert und der Kreislauf beginnt von vorn. Im dichtesten Verkehrsgewühl fahren die Autofahrer fast auf Berührung an die Motorräder heran, Fahrer, Frau und Kinder lachen und winken aus dem Wageninneren und die wichtigste Frage lautet stets: „Where from?“. Wenn wir dann mit „Germany“ oder „Almani“ antworten, ernten wir ein zufriedenes und zugleich respektvolles Lachen und die Daumen gehen nach oben. Deutschland – das ist für die meisten Iraner DAS Traumland, ein Vorbild ohnegleichen.

Camping in einer "Rest Area" an der Landstraße
Camping in einer "Rest Area" an der Landstraße

Dieses absolut positive Bild hat natürlich auch seine Schattenseite: Hitler spukt immer noch in den Köpfen vieler Iraner herum und wir werden von Englisch sprechenden Einheimischen oft gefragt, wie wir zu Hitler stehen. Wir geben uns die allergrößte Mühe, um diesen Menschen klarzumachen, dass die Hitlerzeit ein schwarzes Kapitel unserer Geschichte ist, wohl wissend, dass vor allem ungebildeten Iranern Hitlers „Umgang mit den Juden“ sehr wohl gefällt… Eine Gratwanderung, die immer dann gelingt, wenn man einsichtig machen kann, dass in jener Zeit die Welt in Brand gesetzt wurde und viele Nationen unter dem Terror Hitlers zu leiden hatten.

Gib alles, Baby!
Gib alles, Baby!
Iranische Menschen - ein breites Spektrum
Iranische Menschen - ein breites Spektrum

Vor allem bei Kontakten mit gebildeteren, Englisch sprechenden Iranern ist man blitzschnell bei der Politik, und wir sind mehrfach verblüfft, wie offen, aber auch selbstkritisch dem eigenen Staat gegenüber die intellektuelleren Iraner sich ausdrücken. Die Wahl Rohanis wird allgemein als Fortschritt gesehen, da man sich mehr Öffnung und Toleranz verspricht, mehr Freiheiten für den Einzelnen, mehr wirtschaftliche und touristische Kontakte zu einem Westen, der sich nicht völlig auf die Seite Amerikas stellt. Zu den USA heißt es oft ganz kurz und knapp“ „We don’t habe a problem with America, the Americans have a problem with Iran.“ Gar nicht so schlecht als Kurzanalyse, oder?! Richtig übel nimmt man den Amerikanern die Allianz mit einem recht aggressiven Israel und die Drohfingerhaltung, mit der die USA allen Nationen vorschreiben wollen, wie man zu leben hat. Zu der Einsetzungsfeier Rohanis waren übrigens politische Vertreter aus über 70 Ländern geladen, darunter auch Europäer und Amerikaner. Die EU folgte der Einladung, die Amerikaner natürlich nicht! Schlechte Voraussetzungen für einen Neubeginn, möchte man meinen…

Noch ein Weiteres haben die vielen Kilometer über Land gezeigt – und auch das hat mit einer eventuell eines Tages stattfindenden politisch-militärischen Konfrontation zu tun: Die sozialen Kontraste im Iran sind unbeschreiblich hart, ebenso hart wie das Licht um die Mittagszeit. Die Armut der Menschen in den Dörfern entlang unserer Route, in den Häusern, Hütten und Werkstätten, in den Zelten der Nomaden, auf den Feldern der Bauern und bei den Hirten der überall neben der Straße lagernden braun-schwarzen Schaf- und Ziegenherden ist so groß, dass es weh (!!) tut. Selbst in vergleichsweise „reichen Städten“ wie Kermanshah oder Shiraz gibt es für die meisten Menschen nur das Schwarze unter den Fingernägeln. Die Hoffnung, in den ständig wachsenden Großstädten Arbeit, Brot und Auskommen zu finden, erweist sich oft als trügerisch. Vorstädtische Verslumung, wohin man schaut, explosionsartig wachsende Städte. Teheran soll inzwischen über 12 Millionen Einwohner haben – und weit und breit keine echten wirtschaftlichen Perspektiven, obwohl das Land die größten Ölvorräte der Welt besitzt.

Zagros-Gebirge
Zagros-Gebirge

Dieses arme, freundliche und uns absolut wohlgesonnene Volk boykottieren wir, treiben es wirtschaftlich noch weiter in die Enge, jagen den Rial in eine Inflation wie einst bei uns in den zwanziger Jahren, isolieren es politisch und sozial, werfen es Israel womöglich zum militärischen Fraß vor oder den Amerikanern selbst, die seit etlichen Jahren ihre Feindbilder vornehmlich in der islamischen Welt suchen. Militärisch hat der Iran nichts, aber auch gar nichts zu bieten – außer einer typisch muslimischen Propaganda. Aber die Vorstellung, in diese Städte und auf diese Menschen zu bomben, hat etwas EKELHAFTES. Bravo allen Hardlinern im Pentagon und in Tel Aviv! Einen schwächeren Gegner hättet ihr euch nicht aussuchen können. Verständigung, wenn man sie wirklich wünscht, beginnt mit Kontakten, mit Gesprächen, mit Besuchen, mit Handel und Austausch. Und genau dazu fehlt es der politischen Führung jenseits des Atlantiks an Willen.

So, das musste jetzt mal raus. Aber wenn man das Leben hier sieht und mit dem sogenannten „Leiden“ und „Unzumutbarem“ in den Köpfen der Menschen daheim vergleicht, so schwillt einem täglich der Kamm…

 

Was wir auf dieser Reise aus persönlichen Begegnungen mit den iranischen Menschen mitnehmen, ist dagegen wohltuend und in herzlicher Weise menschlich. Frauen kommen auf Michaela zu, bieten etwas zu essen oder zu trinken an, wollen einfach reden oder wollen mit ihr zusammen fotografiert werden. Sie tragen Kopftücher, keine gesichtsverhüllenden Chadors, finden zwischen islamischen Bräuchen und der modernen Welt spielerisch eine modische Variation mit bunten Stoffen und modernem Accessoires wie Schminke, Sonnenbrillen und Modeschuck. Und selbst die noch ganz traditionell gekleideten Frauen haben unter ihrem Chador oder "Manteau" oft schon jenen Schritt zur Öffnung in die westliche Welt vollzogen, den die islamischen Mullahs zwar nicht gerne sehen, der sich aber auf der Straße und im wahren Leben langfristig nicht verhindern lässt. Unsere Eindrücke vom Iran-Besuch 2011 sind bereits überholt, und alles, was wir daheim in Deutschland über den streng islamischen Süden mit Sittenwächtern, Fotografierverbot, striktem Ramazan und einer Nicht-Zugänglichkeit von religiösen Stätten gehört und gelesen haben, wird von der Realität längst widerlegt. Nokia hat inzwischen fast jeden Iraner mit einem Handy ausgestattet. Die Jüngeren fragen uns ständig nach Facebook, obwohl diese Internetplattform staatlich geblockt wird (Es gibt "Freegate", verrät man uns unter vorgehaltener Hand.) und allein diese technische Aufrüstung löste beispielsweise beim Thema Fotografie eine wahre Revolution aus. Ebenso oft, wie wir Iraner fotografieren, werden wir zum Objekt vor der Linse von Mobiltelefonen. Wunderbare Möglichkeiten für Gespräche, Kulturaustausch, für Lachen und Freude! Wenn Politiker begreifen würden, dass man Veränderungen und Öffnung in islamischen Ländern nicht durch Blockaden erreicht, sondern durch ein miteinander Reden, Umgehen, durch Handel und Wandel - dann wäre alles Säbelrasseln auf dieser Welt überflüssig.


Es gibt übrigens ein paar Nationen, die haben das verstanden. China, Taiwan, Korea und Japan sind längst durch die Hintertür auf den iranischen Markt geschlüpft. Haben die Iraner noch bis vor ein paar Jahren deutsche Waren mühevoll und auf Umwegen importiert, so bedienen sie sich seit Beginn des Wirtschaftsboykotts, bei dem auch Deutschland mitmacht, gern bei asiatischen Anbietern. Der Anteil an Autos aus Korea und zunehmend auch China spricht eine deutliche Sprache. Hallo, Wirtschaftsnation Deutschland - wie dumm bist du eigentlich???

 

Bitte beachten:

Wir reichen zu den letzten Reisetagen (Blog 6.-10. August) heute und morgen Vormittag die Texte und Fotos noch nach. Also bitte einfach nach unten scrollen... Filmclips und viel, viel Live-Atmosphäre wird es im Winter in einer neuen Multivisionsshow mit dem Titel „PLAN PERSEPOLIS“ geben. Man sieht sich hoffentlich … ;-)

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