Vom Thron des Salomon nach Kermanshah

Takht-e Soleyman - Kermanshah: 415 km

Blick auf Soleyman's Prison
Blick auf Soleyman's Prison

Michel macht am Morgen Kaffee. Wie man sich an kleinen Dingen doch freuen kann… Beim Packen kommen wir mit dem Campingplatzwärter Azud und seiner Mutter ins Gespräch. Beide sprechen Englisch; sie ist Grundschullehrerin in Orumiyeh und er arbeitet dort als Ingenieur bei einer Baufirma. Die Verwaltung des Campinggeländes gehört zu ihrem Holiday und ist zugleich die Möglichkeit, dem schwer behinderten Bruder ein wenig Abwechslung zu bieten. Wenn Azud abends mit seinem Pferd über das Gelände galoppiert, dann leuchten die Augen des Mannes und wir begreifen, dass diese Abwechslung wohl zugleich auch sein eigenes starkes Bedürfnis ist.

Auf das ärmliche Leben der Menschen in den Dörfern am Fuße des 3285m hohen Kuh-e Baradar-e Shah hin angesprochen, folgt eine verblüffend einfache Interpretation des Großstädters: Die Menschen hier oben seien ja mit dem Wenigen zufrieden: ein paar Schafe, Ziegen und Kühe, eine Hütte, ein kleines Motorrad, mit dem man durch die Gegend brausen kann. Die meisten wollten sich gar nicht verändern oder etwas Neues beginnen. Sie könnten ja schließlich fortgehen, in die Stadt zum Beispiel, wie er und seine Familie, um dort zu arbeiten. Schon oft haben diese Erfahrung gemacht: In armen Ländern mit harten sozialen Kontrasten blüht nicht gerade Empathie und das Gefühl sozialer Verantwortung. Das tägliche Leben lehrt: „Du musst dich durchbeißen, und wenn du nichts tust, bist du selber schuld!“

Takh-e Soleyman - Der Thron des Salomon
Takh-e Soleyman - Der Thron des Salomon

Leider steht die Sonne schon wieder viel zu hoch, als wir am Thron des Salomon ankommen. Die achämenidische Feuertempelanlage Takht-e Soleyman aus dem 5. Jhd. n. Chr. ist sowohl in ihrem Ausmaß als auch vom Zustand der Ausgrabung her ein beeindruckender Stoff für historisch Interessierte. Hinter einer geschlossenen Wehrmauer befinden sich die Grundmauern und Rudimente mehrerer Feuertempel und Wohnpaläste sowie ein von einer unterirdischen Quelle gespeister 65 Meter tiefer See. Die Anlage wurde als Kultstätte und später als Jagdresidenz mongolischer Herrscher genutzt und gehört als eine der Top-Sehenswürdigkeiten des Iran zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir versuchen, das Beste aus dem harten Vormittagslicht zu machen; man kann leider nicht bei jeder Sehenswürdigkeit auf das beste Fotolicht des Morgens oder Spätnachmittags warten…

Manuelle Navigation...
Manuelle Navigation...

Wir wollen „noch schnell“ bei der berühmten Karaftu-Höhle vorbeischauen. Es sind nur drei Zentimeter auf der 1,5 Mio.-Karte und einmal mehr verrechnen wir uns gewaltig; sengende Hitze auf dem Weg nach Takab, staubige Schotterstraßen hinüber nach Baba Ali, Kompassnavigation mit entsprechenden Irrtümern, weil wir wieder einmal die Straßenschilder in Farsi nicht lesen können. Mit der Behelfsskizze eines freundlichen Truckers (siehe Bild) finden wir schließlich zur Straße nach Karimabad und auf halbem Weg die imposante Felsenlandschaft von Karaftu. Ticketschalter und Parkplatzgelände sind leider verwaist. Der Zutritt zu einer mehrere hundert Meter in den Fels hineinführenden Höhlenwelt bleibt uns verwehrt und wir fahren ein wenig frustriert zurück auf die Hauptroute nach Divanderreh. Es kann nicht alles gelingen, und Allah wird schon gewusst haben, warum er uns ohne weiteren Zeitverlust auf den über 400 Kilometer weiten Weg nach Kermanshah schickt. In shallah – wir müssen noch lernen, mit der Weite dieses Landes richtig umzugehen.

Hinter der Wehrmauer waren Feuertempel und Paläste
Hinter der Wehrmauer waren Feuertempel und Paläste
Endlose Weiten
Endlose Weiten
Sassanidischer Quellsee im Inneren von Takht-e Sotleyman
Sassanidischer Quellsee im Inneren von Takht-e Sotleyman

Zwischen Divanderreh und Kermanshah ist Endurofahren angesagt. Abwechslungs- und kurvenreich schwingt die Landstraße über mehrere Bergpässe durch ein vornehmlich von Kurden besiedeltes Land. Weite, zumeist bereits abgeerntete Kornfelder, blanke, gelbbraune Busenberge, dazwischen Feuchtstellen in den Bergfalten mit grünen Pappeln und landwirtschaftlichen Oasen. Hinter dem nervigen Sarandaj verläuft die vielbefahrene Landstraße 21 in einer Modelllandschaft: ein breites Flusstal mit fruchtbaren, teils mittels Bewässerung bewirtschafteten Feldern und Obstplantagen öffnet seine Arme. Am Straßenrand stehen die provisorischen Hütten von Obsthändlern und in der Sonne leuchten Äpfel, Pfirsiche, Melonen und Tomaten. Ab Kamyaran wird es immer heißer. Das Bordthermometer zeigt über 40 Grad im Fahrtwind und wir trocknen zunehmend aus. In den Pausen schneuzen wir blutig ins Taschentuch und können gar nicht so viel trinken, wie wir unter den Jacken schwitzen und ausdünsten. Richtung Kermanshah macht die Straße mächtig Höhenmeter, und obwohl die Route fortan auf guten 1400 Metern verläuft, versinken die bis zu 3000 Meter hohen Berge im gelben Dunst der Nachmittagshitze.

Blick auf Takh-e Soleyman
Blick auf Takh-e Soleyman

Mit der Ankunft in der beinahe Millionenstadt Kermanshah lernen wir zum zweiten Mal auf dieser Reise, was „Rush hour“ auf iranisch bedeutet. Jede Wette, dass nach der ersten halben Staustunde kein einziges trockenes Kleidungsstück mehr auf unserer Haut „klebt“. Michaela hat als GPS-Wegepunkt das Hotel Jamshid eingespeist und ehrlich, ich bin froh, wenigstens diesen Leitfaden im megadichten „Stop `n‘ go“ zu haben. Schaffen wir das ohne Karambolage? Von rechts, von links – überall drücken sie rein, drängen dich zur Seite, besser gesagt, man ist viel zu gut erzogen, um bei diesem Kampf um jeden Meter Straße aktiv mitzumachen… Die Motoren kochen, das Gebläse der KTM kämpft gegen über 100 Grad Öltemperatur, die Sitzbank ist schweineheiß von der Ausstrahlung des hinteren Zylinders. Um Nachwuchs brauche ich mir jedenfalls keine Gedanken mehr zu machen… ;-)

Where are you from? - Kurdenmädchen in Hasanabad
Where are you from? - Kurdenmädchen in Hasanabad

Eineinhalb Stunden, dann stehen wir endlich vor dem „Jamshid“. Respekt, Michel – das ist ein Volltreffer. Ein Hotel wie in 1000 und eine Nacht. Wir buchen für zwei Nächte, versorgen das Gepäck, sichern die Bikes auf dem bewachten Hotelparkplatz. Duschen, regenerieren, endlich chillen. Allah – wir sind ganz schön fertig! Gleich um die Ecke gibt noch ein kleines Lokal und wir genießen einmal mehr Kebap. Noch beim Umfallen ins Bett müssen wir eingeschlafen sein…

Unter Männern...
Unter Männern...
Traumhafte Rundungen...
Traumhafte Rundungen...

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