Aller guten Dinge sind drei

Çildir Gölü – Kutaisi (Georgien): 380 km

Wäre Cézanne jemals am Çildir Gölü aufgewacht, so hätte er nicht ständig seinen Mont Saint Victoire malen müssen. Vielleicht hätte Frankreich sogar einen künstlerischen Totalverlust erlitten, weil der Gute nicht mehr nach Hause gefahren wäre. Gibt es einen schöneren Anblick am Morgen? Der See ruht aalglatt im noch fahlen Morgenlicht, dann tauchen ihn die ersten Sonnenstrahlen in ein blasses Goldgelb, und drüben am anderen Seeufer steigen allmählich die Wolkenbänke aus ihrem Seebett und umspielen sanft die Spitze des Kisir Dagi, der aus fast 3200 Metern Höhe über die Unberührtheit dieses kleinen Paradieses wacht. Wir haben noch nicht den Wasserkocher für den Morgenkaffee angeworfen, da tuckern bereits zwei Einheimische mit ihrem kleinen Boot zum Fischfang auf den See hinaus. "Güneydin" – guten Morgen, ein kurzes Winken und wir haben wieder unsere Ruhe.

Der See atmet gelassen, beruhigt die Seele, lässt sie baumeln, bringt uns runter zu uns selbst. Nach dem Packen gibt es noch ein zweites Frühstück für die Augen: Die Straße streift eine tiefe Schlucht, in der wir die noch junge Kura wiedersehen und noch einmal zu Seytans Kalesi (Teufelsburg) hinüberwinken können. Die Baumeister dieser Grenzfeste müssen lebensmüde gewesen sein, so steil und kompromisslos haben sie die Burg an den Abgrund geklebt. Bis zur Weggabelung bei Ölçek dürfen die Enduros das tun, wozu sie erfunden wurden: über hügeliges Hochland und gewellten Asphalt schwingen, im munteren Auf und Ab die langen Federwege fordern, mit forschem Gas gegen Bergkuppen anrennen und beim Abstieg frech aus dem Auspuff furzen. Hier bin ich Bike, hier darf ich’s sein ...

Türkgözü heißt unser Ziel, nach Georgien soll es gehen. Und da wir hier bereits einmal abgeblitzt sind, steigt die Nervosität auf den letzten Kilometern des spannenden Passanstiegs zum Ilgardagi Geçidi (2540m) hinauf. Sind unsere Dokumente jetzt endlich "tamam" (OK)? Auf der Passhöhe bekommt das Höhenschild einen TOURENFAHRER-Aufkleber, der von uns immer dann vergeben wird, wenn man eine Strecke dreimal bezwungen hat. Dann poltern die Einzylinder über die schlaglochreiche Bergstraße nach Posof hinab und keine halbe Stunde später drücken wir den Beamten am türkischen Grenzposten unsere Pässe in die Hand. Und tatsächlich – das Wunder geschieht! Ohne das Reizwort "Problem" stempeln die Jungs, dass es eine wahre Freude ist, und als auch beim Zoll der Herr Computer nichts zu meckern hat, da schaue ich mich kurz um und sehe gerade noch einen alten Herrn mit einem Augenzwinkern hinter dem Schlagbaum Richtung Türkei verschwinden. Allah sei Dank – ich habe gehofft, dass du auch weiterhin ein Auge auf uns hast, wenn wir wieder zu den Christen fahren ...

Zurück in Georgien

Mit dem Wetter stimmt irgend etwas nicht, seit wir wieder "drüben" sind. Die Georgier können es halt nicht so gut wie die Türken ... Kurz nach der Grenze trauen sich doch wahrlich ein paar Regentropfen auf die Crossbrille und verschlieren die Sicht. Dabei ist der Ausblick wunderschön, denn was sich unsere Kura da zwischen Akhaltsikhe und Khashuri als Flussbett zugelegt hat, gehört zu den feinsten Schluchten dieses schönen Landes. Nach wenigen Kilometern endet die Feuchtigkeitszufuhr von oben und die Sonne lugt wieder frech zwischen den Wolken hervor. Die Mtkvari (Kura) glitzert in der Tiefe, auf den fruchtbaren Feldern linker- und rechterhand des Flusslaufes gedeihen Mais, Gemüse, Obst und hier und dort auch ein wenig Wein. Die rotbraunen Felsen der Schlucht leuchten in warmen Farbtönen und wie ein Gewürz zum guten Essen, so verfeinert das dunkle Grün schlanker Pappeln und Erlen dieses harmonische Landschaftsbild. Wir genießen.
Einen Wermutstropfen gibt es bekanntlich bei allem Schönen. Immer dann, wenn die Enduros durch kleine Dörfer oder an versprengten Höfen vorbeirollen, trifft uns der Anblick kaputter, verwahrloster, sogar verfallener Wohnhäuser wie eine soziale Keule. Gardinen in Bauruinen, Löcher zwischen dem abgeblätterten Fensterrahmenholz und dem Mauerwerk, notdürftig mit Wellblech verkleidete feuchte Außenwände, völlig heruntergekommene Vorgärten, rostige Zäune und Eisentore. Bittere Armut am Wegesrand. Das Erbe von Kommunismus und Krieg ist bedrückend und lässt ahnen, welch langen Weg dieses Land noch vor sich hat, bis es seinen Bürgern wieder gut geht. 


In Khashuri mündet die Schluchtenwanderung entlang der Kura auf den "georgischen Autoput" zwischen Batumi und Tiflis. Der Rekord an diesem Spätnachmittag: Vier Fahrzeuge überholen einander zur gleichen Zeit. Mit Einbruch der Dunkelheit wird die Raserei zum russischen Roulette (Metapher stimmt auch inhaltlich!). Kommen einem drei blendende Autos entgegen, bleibt nur noch die Hoffnung, dass jede der zahlreichen Straßenkühe die Warnblinkanlage eingeschaltet hat ... 


 

Wir sind gottfroh, als wir in Kutaisi anlangen und mit Hilfe eines Taxifahrers das schöne Hotel Rcheuli in der Innenstadt finden. Unsere Mägen können sich im Restaurant Mirzvani direkt neben der weißen Riomi-Brücke beruhigen. Ein paar junge Georgier hatten wohl auch einen aufregenden Tag, beruhigen sich allerdings auf ganz andere Weise. Was die Kerle da innerhalb einer Stunde wegkippen, reicht mir locker als Monatsration. Von Georgiens offensichtlichem Alkoholproblem war ja bereits die Rede ...

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