Grenzerfahrungen

Biläsuvar (Grenze) – Sar-e Eyn (Iran): 200 km

Michaela kann nichts erschüttern. Sie stellt sich am Morgen eisenhart ein zweites Mal unter die Dusche in dem schimmeligen, nur durch ein Tuch abgetrennten "Nebenraum", während ich versuche, mit einer Toilette klarzukommen, bei der man sich schon vom bloßen Hingucken eine Infektion holt. Bei Lichte betrachtet ist alles noch sehr viel grenzwertiger als gestern Abend. Doch wir waren fix und fertig von der Fahrt und der Nerverei an der Grenze und wollten nur noch raus aus den Klamotten. Nebenan brannte in einer nicht minder abgerissenen Lokanta ein Holzkohlegrill, und da war die Entscheidung schnell gefällt: Lamm auf Spieß, Kichererbsen auf die Hand und vier Halbe handgezapftes "Pive" zum Wegschwemmen aller Bedenken und Zweifel. Im verstaubten Bett (ehrlich!) gab’s dann noch einen Schnaps aus der Bordküche und den Rest verteilten wir per Fensterweitwurf kurzerhand auf dem Schlafmohnfeld des Wirts (Genauso guckte er auch aus der Wäsche ...). Wer sich mit Alkohol bei der Einreise in den Iran schnappen lässt, muss den Pass gar nicht erst aus der Jacke holen ...

Eine Schote habe ich noch vergessen: So gegen 3 Uhr morgens steht der Typ plötzlich unterhosig mit einem Lüfter in der Hand in unserem "Zimmer". Michaela stand senkrecht im Bett und ich dachte an Polanskis "Dracula" in aserbaidschanischer Neufassung. Dabei hatte der arme Kerl wahrscheinlich nur die Holzspäne aus der Decke auf den Kopf bekommen, weil ich über ihm "Schlaflos in Biläsuvar" inszenierte. Allah, wenn ich das in meinem Klub erzähle ...

Genug gelacht. Punkt halb neun stehen wir ohne Frühstück am Schlagbaum. Eine halbe Stunde später kommt der "General", wie ich ihn aufgrund seiner goldenen Sterne getauft habe, lässt seine Wache antreten und gibt Instruktionen. Auch zu unserem "Fall" muss er etwas gesagt haben, denn die scharfen Jungs in ihren Tarnanzügen winken uns durch und wir tuckern durchs Niemandsland zu der eigentlichen Pass- und Zollabfertigung hinüber. Großes Staunen, denn was die Aserbaidschaner da hingeklotzt haben, ist im wahrsten Sinne des Wortes repräsentativ. Man ist über unser Anliegen offensichtlich bereits gut informiert, die Beamten sind überfreundlich, machen "Small talk" (in Englisch!) und lassen uns sogar auf den Computerbildschirm schauen, damit wir sehen, wie das böse Programm den 19. August als Ausreisetermin verweigert.

Aber man will alles regeln: "No problems!". Wir werden inzwischen zum Zoll geschoben und müssen die Fahrzeug- und Versicherungspapiere zeigen. (Ihr erinnert Euch: Die Bikes bekamen nur ein 3-Tage-Visum und sollten ohne uns ausreisen.) Und prompt geht der Ärger los. Michaela und ich brauchen jetzt unsere gesamten Erfahrungen aus dem Schultheater, spielen die Ahnungslosen, zeigen Demut und versichern mehrfach, dass wir gern bereit seien, eine Art "Penalty" zu bezahlen. Das ist das Stichwort: 20 Manat pro Person wirken wie ein Reaktionsbeschleuniger und nach einigem Papierkrieg mit zig Unterschriften sind wir nach eineinhalb Stunden endlich ausgereist.

Hundert Meter weiter wartet der Iran. Und da dort die islamischen Gesetze wohl etwas enger ausgelegt werden, übt Michaela schon mal für ihre neue Rolle und stülpt sich statt des Helms ein rotes Kopftuch über. Die aserbaidschanischen Grenzbeamten halten sich vor Lachen die Bäuche… Wie oft haben wir das schon erlebt: Man hört in den Nachrichten dies und das, meistens Negatives: entrechtete Frauen mit Schleier und Burka, islamische Fanatiker, zornige Reden iranischer Politiker, Bilder von aufgepeitschten Demonstranten, die Steine werfen und amerikanische Flaggen verbrennen, Atombomben überall (die später dann doch nicht gefunden werden ...) und zack – schon sitzen die Klischees und schon stimmt man mit ein in den Kanon der ewig Gestrigen. Häufiges Reisen wirkt gegen diesen fatalen Kreislauf oft wie ein Immunserum und ich bin jedesmal froh, wenn wir unterwegs eines Besseren belehrt werden. So höflich und zuvorkommend, so wohlwollend und korrekt wie von den iranischen Grenzbehörden sind wir selten in einem Land willkommen geheißen worden. Ein extra für uns abgestellter "Schleuser" erledigt alle Gänge, führt uns sicher durch das Labyrinth von Büros und Zuständigkeiten und als nach weiteren eineinhalb Stunden alle Stempel in den Pässen und auf dem Carnet de Passage sind, rollen wir mit den zwei besten Gefühlen, die man als Reisender überhaupt haben kann, in dieses fremde Land: Vertrauen und Vorfreude.

Wir kommen heute nicht mehr sehr weit. Über karge Bergkuppen und steppenartige Hochlandflächen, vorbei an einfachen Dörfern mit traditionellen Lehmhäusern gelangen wir in die lebhafte Stadt Germi, die wie eingeklemmt in einer Felsschlucht hängt. Zum erstenmal machen wir Bekanntschaft mit dem offensichtlich regellosen iranischen Stadtverkehr, mit Straßenzügen, in denen Hunderte kleiner Händler ihre Läden oder ihre Werkstätten haben, mit iranischen Menschen, die uns – kaum dass wir angehalten und den Seitenständer ausgeklappt haben – ein "Welcome" zurufen, die Bikes umringen und uns mit interessierten Fragen löchern. Als Fremde fallen wir sofort auf, sind sogleich Zielscheibe für eine immense Neugierde – und fühlen uns dennoch nie unwohl oder gar bedroht.

Bis Ardabil heißt es nochmals alle Kräfte mobilisieren. Es ist drückend heiß, die Straße führt durch bewuchsloses, endloses Brachland ohne Schatten, ohne Gelegenheit zu einer erholsamen Pause. Die letzte, schlaflose Nacht steckt uns noch in den Knochen und als nach drei, vier Stunden die Konzentration völlig aufgebraucht ist, machen wir im Schatten des erstbesten Bäumchens am Wegesrand ein Nickerchen. Das Wetter wird zunehmend schlechter, der Himmel zieht schließlich völlig zu, und als wir das pulsierende, hektische Ardabil umfahren und im Rückspiegel haben, sind wir froh, in dem Heilbad Sar-e Eyn (Phosphorsulfat-Quellen) am Fuße des 4811 m hohen Vulkans Kuh-e Sabalan ein kleines Hotel und endlich Ruhe zu finden.

Am Abend wollen wir nur "g’schwind" etwas essen, bummeln durch die hell erleuchtete Innenstadt und erleben "1000 und eine Nacht". Der Ramadan fällt in diesem Jahr auf den August, und die islamischen Gläubigen dürfen nach einem entbehrungsreichen Tag erst mit Einbruch der Dunkelheit wieder essen und trinken. Dann erwacht die Stadt zu neuem Leben, alle Menschen sind auf der Straße, man geht mit der ganzen Familie ins Restaurant, die Händler haben ihre Auslagen hergerichtet, und als Fremder treibt man durch eine Vielfalt an Farben und Gerüchen wie in einem Traum: Gewürze und Kräuter, Blüten- und Rosenblätter, getrocknete Kamille und Kräutertees, Rosmarin, Thymian, Oregano und Curry, Nüsse und Pistazien, getrocknete Aprikosen, Datteln und Feigen, Reis und Mehl, kostbarer Safran und Honigstände, Hülsen- und Zitrusfrüchte, Melonen und Granatäpfel, Weintrauben, Kirschen und Pfirsiche – ein wahrer Rausch der Sinne.

Alle Waren werden offen verkauft, nach Bedarf in Säcken und Tüten abgewogen und der Kunde darf kosten, so viel und so oft er will. Wir beobachten Bäcker bei der Herstellung von einem ungesäuerten, leicht gesalzenen Fladenbrot, dass in lange Streifen geschnitten und von einer Backpresse kurz angeröstet wird. Bei den Honighändlern stapeln sich die Wabenkästen aus den Bienenstöcken meterhoch und wir können verfolgen, wie der Honig ausgepresst und abgefüllt wird, müssen selbstverständlich mit kleinen Plastiklöffeln kosten, loben und das eine oder andere Glas für die Lieben daheim erstehen.

Neben dem vergleichsweise reichhaltigen Warenangebot überrascht uns am meisten die allgegenwärtige Freundlichkeit, mit der die Menschen auf uns zugehen, das offene Lachen und die Neugier verschleierter Frauen, wenn sie Michaelas blonde Haare unter dem Kopftuch entdecken und uns plötzlich mit ein paar Brocken Englisch ansprechen. Spätestens wenn sie hören, dass wir aus Deutschland kommen, erfahren wir eine weitere Woge der Sympathie, ja, fast Begeisterung. 😀🇮🇷

In dem vielbesuchten Restaurant "Adl" lassen wir unseren Basarbummel ausklingen und verdauen die unerwartet positiven Eindrücke. Welches Bild haben wir vom Iran? Wie besorgt sind alle Freunde und Bekannten daheim um unser Wohlergehen? Wie viele Vorbehalte werden täglich durch Politik und Medien produziert, die letztlich einem friedlichen Miteinander der Völker im Wege stehen?
Wie wenig wissen wir wirklich vom Leben der anderen? Wie viel könnten wir voneinder lernen? Als der Muezzin zum Nachtgebet ruft und ein Stromausfall die Stadt kurze Zeit später in völlige Dunkelheit taucht, gehen überall Taschenlampen an und wir tasten uns durch pechschwarze Gassen zurück ins Hotel. Es gibt Dinge, die man nie vergisst. Die 1000 und eine Nacht in Sar-e Eyn gehört sicherlich dazu.

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