Durch die Wüste(n)

Samaxi– Suraxani – Baku (200 km)

Nach Quba und Qusar in den Norden des Landes mit der Option auf einen weiteren Abstecher tief hinein in den Kaukasus oder nach Baku ans Kaspische Meer und zum Feuertempel im alten Suraxani? Wir müssen uns entscheiden, denn um beides intensiv zu machen, fehlt uns die Zeit. Unser Visum läuft in zwei Tagen ab und wir möchten nicht noch weiteren Ärger an der Grenze provozieren, da wir ja eh etwas zu spät kommen werden… Doch eine Aserbaidschan-Reise, ohne die Altstadt von Baku gesehen zu haben? Immerhin gehört sie zum Weltkulturerbe der UNESCO, und dann sind da noch die Ölfelder, die dem Land seinen Wohlstand bescheren, und der sagenhafte Feuertempel auf der Halbinsel Abseron, wo die Erde seit Jahrhunderten brennt. Michaela wirft noch in die Waagschale, dass sie sich sehr über ein sauberes Hotel mit einem Bett ohne Sprungfedern oder stinkige Sandsackmatratzen freuen würde. Und außerdem könnte man ja auch mal wieder kultiviert bummeln gehen ...


OK, Baku hat gewonnen. Nur wenige Kilometer hinter der gerade im Wiederaufbau befindlichen Stadtmauer von Samaxi lugt bei dem Dorf Sabir die grüne Kuppel einer Moschee aus den hellen Sandsteinhäusern hervor und wir beschließen, bei Allah vorbeizuschauen und ihn mit Hilfe einer kleinen Spende für den weiteren Verlauf unserer Reise gütig zu stimmen. Wir kommen gerade zur rechten Zeit, um den Gläubigen beim Gebet vor dem Heiligtum Pirsaat Pir beizuwohnen und einen Teil eines Opferrituals zu beobachten. Das kleine Gebetshaus mit dem überdimensionierten handgedengelten Blechdach ist an diesem Morgen rege besucht und die Menschen scheinen von weither anzureisen, um ihre kleinen und großen Opfergaben beizubringen. Eine Familie hat ein Opferlamm mit zusammengebundenen Vorderläufen dabei. Doch als der Familienvater das große Messer zückt, versagt unsere journalistische Neugier und wir widmen uns stattdessen einem kleinen Fotografie-Diskurs über Belichtungs- und Perspektivenfragen. Man muss wirklich nicht alles dokumentieren ...



Die folgenden zwei Stunden führen quer durch die Wüste. Vorbei an zahlreichen Schlachtereien zieht die Straße einen langen, verkarsteten Pass hinauf, der Wind wird zum Heißluftgebläse und treibt die Enduros in eine flimmernde, konturenlose Ebene. Endlose Weite, bewuchsloses Land, sandige Böen von der Seite, welche die Bikes zum Tanzen bringen. Die Aserbaidschaner haben offensichtlich ihren Spaß mit den seltsamen Fremden, fahren mit riesigen V8-Geländewagen eine Zeitlang parallel neben uns her und beäugen ausgiebig unseren Kampf mit dem Wind. Spätestens jetzt wird mir klar, warum sich Cayennes, Pajeros, Landcruisers und ML 450er mit Benzinmotoren immer noch verkaufen wie geschnitten Brot. In diesem Land ist ein solches Auto offensichtlich ein "Must have", und bei Benzinpreisen von umgerechnet 52 Cent für den Liter Super (Diesel: 30 Cent) dazu noch im Unterhalt erschwinglich.

Baku kennt keine Stadtgrenze. Wie ein Geschwür breitet sich die Großstadt aus, wächst mit völlig abgerissenen Arbeitersiedlungen, staubig-dreckigen Werkstätten und Mini-Markets sowie einem undurchdringlichen, chaotischen "Straßennetz" unaufhaltsam ins Umland und sorgt für Verkehrsverhältnisse, die bei Westeuropäern Nerven aus Stahl erfordern. Gut, dass niemand unseren Sprechfunkverkehr mitschneiden konnte…Die M1 spuckt uns irgendwo in einem Industrieviertel aus und wir kleben in einem völlig verwirrenden, planlosen Straßenwirrwarr wie ein Kaumgummi an der Schuhsohle. Nichts geht mehr, null Durchblick. Aserbaidschaner brauchen keine Verkehrsschilder, geschweige denn Richtshinweise. Bei knapp 9 Millionen Einwohnern (2006) kennt offensichtlich jeder jeden oder die Burschen am Steuer ihrer Ladas und LKWs aus russischen Tagen haben es im Urin, wo es langgeht. Wir versuchen es mit der groben Himmelsrichtung, fragen x-mal mit Hilfe der Straßenkarte nach, irren durch ein riesengroßes Erdölfördergebiet mit Pumpenanlagen aus dem vorletzten Jahrhundert, fahren an stinkenden Pfützen und Seen aus Petroleum und Erdöl vorbei, sehen, wie der feuchte Dunst über dieser Industriehölle allmählich die Sonne verdunkelt – und haben wirklich keinen Plan! James Dean und Elizabeth Taylor in "Giganten", nur mit dem kleinen Unterschied, dass Michaela und Udo diese gigantische Umweltsauerei möglichst bald im Rückspiegel haben wollen und dabei keine amourösen Gefühle entwickeln wollen.

Mit einem Mordsdusel gelangen wir zu einer vierspurigen Schnellstraße, welche die Karte noch gar nicht kennt. Und drei Abfahrten später stehen wir tatsächlich in Suraxani, finden einen netten Dolmusfahrer, der in die gleiche Richtung will und uns in das alte Suraxani geleitet, wo in einem alten Tempel die Erde Feuer spuckt. Legenden haben manchmal das Problem, dass sie zerbröseln, wenn sie auf die Wirklichkeit treffen. Und so ist es auch mit "Atesgah", dem Feuertempel auf der Halbinsel Abseron. Im Tempel züngeln immer dann die Flammen, wenn Touristen die Anlage betreten, denn schon seit vielen Jahren reicht der Öl- und Gasdruck unter dem Tempel nicht mehr aus, um ein ewiges Feuer zu entfachen. Also hat man eine Leitung gelegt und seit der Zeit, als die Russen Atesgah zu einer Touristenattraktion machten, haben die Aserbaidschaner auch gelernt, dass man mit einem vergleichsweise saftigen Eintritt (Fotografieren kostet extra!) von 8 Manat (7 Euro) durchaus Profit machen kann. Immerhin – in den Gebäudeteilen der Tempelanlage veranschaulichen lebensgroße Puppen im Madame Tussaud-Stil das Leben indischer Asketen, die den heutigen Tempel wohl erst im frühen 18. Jahrhundert bauten und für religiöse Rituale nutzten. Einigermaßen ernüchtert ziehen wir wieder ab ...


Eine Stunde später schlagen wir an der Stadtmauer von Bakus Altstadt an und begeben uns auf die Suche nach einer Unterkunft, was sich als gar nicht so einfach erweist. Die meisten Tore zur Altstadt sind durch Schranken mit Wachmännern gesichert und Unbefugten ohne Residenzausweis bzw. Hotelkarte wird die Zufahrt verweigert. Nun sind Motorräder bekanntermaßen schlank und mit etwas Glück finden wir neben dem Nobelhotel "Meridian" in der Asäf Zeynalli küç das Guesthouse "Azeri" mit akzeptablen Zimmerpreisen. Sorry Michel, aber für 70 Euro musst du in Baku immer noch auf einer Hängematte mit Sprungfedern schlafen. Zur Schadensbegrenzung gibt es im Restaurant "Old City" gleich um die Ecke traditionelle aserbaidschanische Gerichte und einen Koch mit Zunge. Um 23 Uhr sind alle zufrieden. ☺️

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