Auf dem Weg zur Georgischen Heerstraße

Agana – Kazbegi (Georgische Heerstrasse / Grosser Kaukasus): 270 km

Bereits am frühen Morgen hat uns das Heulen des Windes geweckt. Die Seidenstraße gibt sich offensichtlich gern stürmisch – meteorologisch und infrastrukturell gleichermaßen. Wettermäßig betrachtet hat der böige Wind allerdings auch sein Gutes: Der Himmel ist wolkenlos geputzt und trägt ein verführerisches Blau. Das lässt es sich leicht verschmerzen, dass unser Frühstück lediglich aus einem halben Liter Mineralwasser besteht und wir völlig nüchtern auf die Bahn müssen. Das wäre ein guter Rat für die Georgier, die sich seit gestern in ihrem Verkehrsverhalten noch nicht gebessert haben… Als einer der Vögel Michaela in einer Baustelle schneidet und schier von der Fahrbahn drängt, ziehen wir bei Gori den Notgriff und verlassen die Rennbahn nach Tiflis.

Stalins Geburtsstadt hat sicherlich den ein oder anderen Reiz: die weithin sichtbare Felsenfestung Goris-Ziche, das monumentale Stalin-Museum und sein nicht weniger gewaltiges Denkmal auf dem ansonsten leer-langweiligen Hauptplatz. Wer’s mag. Dass die Bürger von Gori ihren Stadtsohn heute immer noch kritiklos verehren, spricht nicht gerade für ihre Lernbereitschaft (um das Wort Intelligenz zu vermeiden…). Wir sind jedenfalls genauso schnell wieder ‘raus aus der Stadt, wie wir in sie hineinflüchteten. Vorbei an trostlosen, abgerissenen bis verwahrlosten Wohnblöcken finden wir – immer der Nase und der Kura (georgisch Mtkwari) folgend – wie durch ein Wunder auf Anhieb den Weg hinaus nach Uplisziche. "Cave City" verspricht die Karte und Michaela weiß, dass dort georgisch Kappadokien wartet.

Wir werden nicht enttäuscht! Das Alter der Höhlenstadt Uplisziche wird auf 3000 Jahre geschätzt und damit zählt die Siedlung zu den ältesten Handelssiedlungen an der Seidenstraße. In ihrer mittelalterlichen Blüte sollen bis zu 20.000 Menschen Handel und Wandel mit den vorüberziehenden Karawanen betrieben haben. Nach dem Zerfall des byzantinischen Reiches und den damit wegbrechenden Handelsbeziehungen zu Westeuropa zerfiel Uplisziche dann allmählich. Die letzten Bewohner verließen die Höhlenstadt erst im 18. Jahrhundert.

Die Georgier wissen um die Bedeutung dieses Kulturschatzes und haben die verbliebenen Ruinen geschützt und erhalten, so dass man nach Entrichtung einer bescheidenen Eintrittsgebühr von 3 Lari (1,40 Euro) pro Person zu einem beeindruckenden Rundgang aufbrechen kann. Mit ein wenig Fantasie lässt sich die Stadt im Kopf rekonstruieren, denn viele der Wohnäume, Höhlenkirchen und der Palastbezirk in der Oberstadt sind noch erstaunlich gut erhalten. Nach dem Zutritt über einen Fliehgang (Poterne) mit Treppen im Inneren eines gewaltigen Felsblocks testen wir ausgiebig unsere Kondition in der steilen Anlage und klettern bis hinauf zu der kleinen Kapelle oberhalb der Höhlenstadt, wo der heilige Georg seinen Kampf mit dem Drachen kurz unterbricht, um uns anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Gute zwei Stunden später schwingen die Enduros wieder über die kleine Hängebrücke auf das jenseitige Ufer der Mtkwari. Danke, liebe Kura, wir sind dir sehr gern gefolgt ...

Die Nebenstrecke Richtung Tiflis führt über kleine, bescheidene Dörfer und ein weites Land, das die Wunden der Kriegs immer noch offen trägt. Am Ortsausgang von Kaspi steht an einem völlig zerfallenen Bahnhof ein ausrangierter Zug, einfach beiseite gestellt und vergessen. In den Wagons haben sich Menschen ein kleines Zuhause eingerichtet, die Ärmsten der Armen, Vagabunden und Arbeitslose in einer kaputten Zeit. Fast unerträglich dazu ist der Kontrast in Mtskbeta (Mzcheta) am Zusammenfluss der Mtkwari (Kura) und des Aragwi-Flusses. Früher war die Stadt eine der wichtigsten Handelsstädte an der Seidenstraße zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzern Meer und auch heute noch spürt man den einstigen Reichtum der Stadt. Gepflegte Alleen, Bürgerhäuser, Museen, schön angelegte Parks und Grünanlagen, eine kleine Fussgängerzone, die uns zur Sweti Zchoweli-Kathedrale führt, einem der wichtigsten Gotteshäuser und Wallfahrtsorte Georgiens. Wir geraten mitten in eine Hochzeits- und eine Tauffeier mit feiner Gesellschaft und gesangsstarken Priestern und genießen für eine halbe Stunde den Ausblick auf eine heile Welt.

Nur ein paar Kilometer weiter stößt unsere Route auf eine vierspurige Schnellstraße, die den dichten Verkehr aus Tiflis hinaus Richtung Batumi und Baku (Aserbaidschan) katapultiert. Mit dem Abzweig nach Zhinvali beginnt einer der spannendsten Streckenabschnitte dieser Reise: Wir fahren auf der Georgischen Heerstraße hinauf in die Bergwelt des Großen Kaukasus. Es ist vier Uhr nachmittags, das Sonnenlicht wird allmählich wieder weicher, die Landschaft fotografierbar und alles ist gut – bis auf das Knurren unserer Mägen, die heute Morgen lediglich eine Rolle trockene Kekse, einen Nescafé und einen halben Liter Wasser als Tankfüllung bekamen.

Oberhalb von Zhinvali liegt die Festungs- und Klosteranlage von Ananuri in atemberaubend schöner Lage an einem Stausee, umrahmt und eingebettet von bewaldeten Berghängen. Seitenständer ‘raus und Fotopause! Alle Gebäude und die zwei Kirchen der Anlage stammen aus dem 17. Jahrhundert, sind zumindest äußerlich gut erhalten und gelten als eines der imposantesten Bauwerke der Georgier. Ein Postkartenmotiv!

 

Über gut 40 Kilometer folgt die Heerstraße dem kleinen Aragwi-Flüsschen, bietet malerische Berg- und Talansichten mit sattgrünen Almen und den kargen Felskuppen des dahinter aufragenden Hochgebirges. Ab Mleta mutiert der Fahrweg zu einer spannenden Bergroute und schwingt sich über 18 Serpentinen hochalpin hinauf nach Gudauri. Dann scheint die Zivilisation zu Ende zu sein. Der Straßenbelag zerfällt hemmungslos, wird von teilweise sehr grobem Schotter abgelöst und als wir endlich die Passhöhe des Dzhvris-Ugheli (Kreuzpasses) erreichen, sind wir froh, die verkrampften Hände mal wieder vom Lenker lösen und etwas verschnaufen zu können. Michaela nimmt die Schläge und Aufsetzer ihrer Peggy erstaunlich gelassen und fährt die erste echte Schotterpassage ihres Motorradfahrerinnenlebens mutig und mit Bravour. Nach 23 Kilometern Staub und Dreck ist endlich Kobi erreicht und das restliche Stück bis hinauf in unseren Zielort Kazbegi (Stepantsminda) trägt uns wieder beruhigender Asphalt.

Der Lohn der Anstrengung: Oberhalb des Bergortes lugt der 5033 Meter hohe, schneebedeckte Kazbek (georgisch "Eisgipfel") hinter dem Taleinschnitt hervor und gleich daneben, auf der Kuppe eines kleineren, vorgelagerten Berges erhebt sich die Kuppelkirche von Zminda Sameba (Dreifaltigkeitskirche) – das "alte Kloster", wie Puschkin es einst geheißen haben soll. Mit dem letzten Büchsenlicht des Tages genießen wir dieses Panorama und den herrlichen Gedanken: Wir sind im Großen Kaukasus angekommen!

Unten im Dorf vermietet Shorena Sharmanashvili in ihrem "Hotel & Bar Restaurant" bescheidene Quartiere und ihr Koch kennt ein wirksames Mittel gegen das lautstarke Knurren unserer Mägen: Hühnchenspieße mit Nusssoße, Bratkartoffeln, Salat und georgisches Kazbek-Bier. Damit gibt es an diesem Tag nun wirklich nichts mehr auszusetzen ... 😊

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