Riding in Georgia

Batumi – Agara: 290 km

 

 

Nach zwei Tagen off-line haben wir in Kasbegi am Ende der Georgischen Heerstrasse wieder einen Internet-Anschluss zur Verfügung. Ich schreibe diese Zeilen auf einer russischen Tastatur mit den entsprechenden Schwierigkeiten… Aber wir haben für die letzten 2 Tage Texte auf unserem Netbook vorbereitet, die wir Euch heute mit ein paar schönen Bildern hochladen. Viel Freude damit!!

So also macht man das mit dem Sonnenuntergang. Einfach die Uhr eine Stunde weiter gedreht und schon wird es später dunkel. Zwei Stunden Zeitunterschied zu Deutschland. Wir haben ausgeschlafen, die beiden letzten Tage haben doch an unseren Nerven geze(h)rrt. Eine milde Morgensonne taucht den Strand von Batumi und die Bucht in weiche Pastellfarben. Nach dem deftigen Frühstück mit Spiegeleiern, Joghurt, Hüttenkäse, Tomaten und Gurken heißt es noch einmal organisieren und die Bikes packen. Sortieren, was bleibt im Pössl, was geht mit auf die Reise. Um halb zwölf drücken wir auf den Anlasser und die beiden Eintöpfe blubbern zufrieden vor sich hin.

Die ersten georgischen Kilometer. Wir brauchen sofort alle sieben Sinne: beinhart der Verkehr, Überholen scheint Pflicht, wer bremst, hat verloren, Schneiden und Abdrängen gehören zum guten Ton. So cool und angenehm gelassen es die Georgier im persönlichen Umgang miteinander und mit Fremden auch angehen lassen, so unerbittlich geht es zur Sache, wenn sie ein Lenkrad in der Hand haben.

Ein paarmal befürchte ich ernsthaft, wir werden abgeschossen oder – wie einst bei Ritterturnieren – einfach aus dem Sattel geworfen. Motorräder kommen im Straßenverkehr so gut wie gar nicht vor und werden dementsprechend wenig ernst genommen. Am heftigsten lassen es die omnipräsenten Dolmusch-Fahrer angehen, die in jedem Dorf und oft auch dazwischen Fahrgäste aufnehmen und je nach Bedarf wieder absetzen. Ihr Fahrstil ist dermaßen offensiv-grenzwertig, dass den Fahrgästen mit Ticket garantiert Spucktüten ausgegeben werden. Jesus (Georgien ist christlich!) – da waren Allahs tollkühne Straßenritter ja geradezu gnädig mit uns ...
Nur wenige Kilometer hinter dem Ortskern von Batumi steht ein Polizeiwagen quer auf der Fahrbahn und wir werden auf eine Nebenstrecke hinauf in die Berge gelenkt. Echtes Enduroland! Die Piste ist übles Flickwerk und weist derart mächtige Buckel und Wellen auf, dass die PS-starken Mercedes, Lexus und BMWs einiger neureicher Georgier doch merklich an ihre Fahrwerksgrenzen kommen. Egal! Gas geben, schleudern und die Kurve komplett auf der Gegenfahrbahn beenden. Herrgott, die Kerle kommen als Katzen zur Welt – jeder mit mindestens sieben Leben! Das Verrückte bei diesen ersten Erfahrungen: Alles sieht höchst kriminell aus, aber wir werden heute bis kurz vor Gori keinen einzigen Unfall sehen, von ein paar abgefallenen Stoßstangen einmal abgesehen.

Irgendwann haben wir uns an die neue Art zu reisen gewöhnt und widmen uns trotz der infrastrukturellen Herausforderungen zunehmend dem Wichtigsten – der Landschaft und den Menschen, mit denen wir bei zahllosen Stopps recht schnell in Berührung kommen. Noch am Morgen haben wir diskutiert, wie wir die drei Tage Zeitverlust in Georgien verarbeiten werden und haben uns entschlossen, die Reise durch das Land zu splitten. Teil 1 soll uns durch das "grüne Paradies" Georgiens führen, an der Küste entlang nach Kobuleti, dann durchs Landesinnere nach Ozurgeti und weiter hinauf auf die M1 nach Samtredia.

Im Anschluss wollen wir zielstrebig über Kutaisi, Khashurt, Gori zur Georgischen Heerstraße, deren Einstieg im Norden der Landeshauptstadt Tbilisi (Tiflis) liegt und die direkt hinauf in die faszinierende Bergwelt des Kauskasus führt. Für diesen Abschnitt haben wir gut drei Tage veranschlagt. Das reicht gerade aus, denn am 13. August müssen wir pünktlich an der Roten Brücke, dem Grenzübergang nach Aserbaidschan, eintreffen. Unser Transitvisum ist zeitlich exakt terminiert, so dass wir wenig Bewegungsspielraum haben.

Georgien Teil 2 können wir dann erst auf dem Rückweg unserer Tour in Angriff nehmen, wenn wir vom Iran und erneut von der Türkei her kommend ein zweites Mal bei Türkgözü nach Georgien einzureisen versuchen – nur mit den Bikes und ohne hinderliche Passeinträge… Zu diesem Teil der Reise wird dann u.a. auch eine Fahrt durch das Hochland des Kleinen Kaukasus und natürlich die große Tour zu den Wehrdörfern Mestia und Ushguli im Großen Kaukasus zählen. Es bleibt also auch auf der Rücktour noch superspannend ...

Bambushaine, Eukalyptusbäume, riesige Platanen, wilder Wein, meterhohe Farne und dazwischen gesprenkelt Maisfelder und Granatapfelbäume – die Luft ist heißfeucht und die Bergkuppen verstecken sich in dicken, grauschwarzen Wolken. Georgiens "subtropisches Paradies" könnte auch in Thailand liegen… Hier und dort rollen die Enduroreifen durch kleine Dörfer und Siedlungen mit kaputten Häusern, trostlosen Gehöften, verlassenen Fabriken und abgerissenen Hallen, deren glas- und rahmenlose Fenster wie tote Augen starren. Bittere Armut prägt das Land. Die Hinterlassenschaften des Kommunismus sind trostlos. Wenn Batumi noch vibrierte und mit einer nahezu chaotischen Bauwut überraschte, so schockierend ist nun die Starre und Agonie über Land. Wir kommen ein paarmal von unserer Route ab, denn nicht an allen Weggabelungen stehen Wegtafeln und in jedem Dorf zweigen zig kleinere Nebenstrecken ab.
Das gesamte Leben spielt sich an der Straße ab, an deren Verlauf sich alles zu orientieren scheint: kleine, bunte Verkaufsstände mit einem bescheidenen Angebot an alltäglichem Bedarf: Getränke, Pfirsiche, Tomaten, Melonen, Haushaltswaren, Motorenöl, Körbe, Hängematten aus Kunststoff, Honig und Marmeladen, Mais-Fladenbrot und Mehlsäcke. Die kleinen Stände und Miniläden stellen oft die einzige Verdienstmöglichkeit für Georgiens Landbevölkerung dar – bei 50 bis 60 Prozent Arbeitslosigkeit auf dem Land kein Wunder. Selbst die Kühe haben begriffen, dass auf Georgiens Weiden nichts los ist und bummeln allein oder in Gruppen die Straße entlang, um ab und zu mit unverhofften Energieanfällen unser Reaktionsvermögen zu testen. Nein, Langeweile ist heute nicht aufgekommen ...

Kurz vor Samtredia steigt das Land einen kurvenreichen Bergpass hinab zum Riomi-Strom. Breit und satt wälzt er durchs Land, und kaum hat die Straße den Brückenschlag hinter sich, pfeift uns ein heftig-böiger Seitenwind unter das Helmschild und gibt sich alle Mühe, die Bikes am Kurvenausgang von der Fahrbahn zu blasen. Der Straßenzustand auf der Hauptachse nach Tiflis ist durchaus zufriedenstellend, vielleicht sogar zu gut, denn jetzt wird es richtig kriminell, wenn die jäcken Georgier hauteng an uns vorbeiballern und wir mit den Alukoffern und Seitentaschen fast gegen die Fahrertür ditschen. Bitte etwas mehr Distanz, meine Herren!

Kutaisi nervt und wir eilen weiter nach Zestaponi. Erst auf der Rücktour werden wir hier nochmals vorbeikommen und die berühmte Klosteranlage von Gelati besuchen. Ein herrliches Flusstal nimmt uns auf und zeigt uns wie zum Trost ein weiteres Kleinod georgischer Kultur. Das verlassene Kloster von Ubisi liegt in malerischer Lage an der Flanke des Tales: altehrwürdige Grabplatten, wunderschöne Fresken vom Abendmahl und der Auferstehung, jeder Türsturz, jeder Mauerstein atmet Geschichte – und im Reiseführer kein Wort!

Für den kurzen Abstecher zum Kloster hat Michaela ihr Bike am Straßenrand abgestellt, und als wir zurückkehren, steht eine kleine Vollversammlung von Polizisten und Passanten drum herum und fuchtelt wild mit den Armen, als wir den Seitenständer ausklappen. Man hat sich Sorgen gemacht, wem das verlassene Motorrad wohl gehören mag, hat die Polizei gerufen und nun sind die Herren sehr erleichtert und zugleich völlig weg, dass eine "Madame" das Teil chauffiert. Wir drücken Hände und winken "Goodbye" – und wenn die Georgier noch so kriminell Auto fahren, sie sind einfach umwerfend nett!!

Der Pass von Rikotis Ughelt verlangt nochmals Disziplin bis auf 1000 m Höhe hinauf, dann streift das Land seine dichten Fichten- und Kiefernwälder ab und wird anatolisch karg. Bei Agara steht hart rechts an der Straße ein Hotelbunker aus russischen Tagen. Das "Abreshumis Gza" liegt an der "Silk Road", wie die Dachreklame verkündet. Wir sind fast die einzigen Gäste, die Zimmer hätten in Deutschland Zitronen statt Sterne, aber das Wasser ist warm, es gibt eine Duschtasse, die Bar hat Bier und schräg gegenüber hat der Pächter einer ehemaligen Tankstelle eine Lokanta eingerichtet, die uns mit herzhaftem georgischen Gemüse- und Fleischgerichten überrascht. Köfte und scharfe Bohnen mit Reis oder "Kuru Fasülye", wie es georgisch wohl heißt. Eines ist sicher: Wir werden in diesem Land nicht verhungern ...

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