Blog "Plan Persepolis"

Di

27

Aug

2013

The long way home - Teil 6: Fähren kommen - und gehen

Nea Iraklitsa (Camping Paradiso) - Igoumenitsa (Camping Nautilos): 490 km

It's all over now, Baby Blue - Fähre "Hellenic Spirit"
It's all over now, Baby Blue - Fähre "Hellenic Spirit"
Palmenpark auf dem Camping "Paradiso" bei Nea Iraklitsa
Palmenpark auf dem Camping "Paradiso" bei Nea Iraklitsa

Die Rechnung ist aufgegangen; wir haben den Vormittag am Strand von Nea Iraklitsa verbummelt, sind erst gegen Mittag losgekommen und dennoch pünktlich mit der untergehenden Sonne in Igoumenitsa eingetroffen. Schön spannend nochmals der letzte Abschnitt der Griechenland-Querung: die Hektik auf der „Ring Road“ von Thessaloniki, die brütend heiße Langeweile auf dem Weg nach Grevena und als Highlight ganz am Schluss die Durchquerung der Katara-Berge, die selbst auf der glatten, mehrspurigen Autobahntrasse nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Es geht nur alles schneller, unheimlich schnell wie in einem Panorama-Zeitraffer auf dem bequemen Kinositz. Gewaltige Steigungen, endlose Tunnelfahrten, beeindruckende Bergkulissen, schwindelerregende Tiefblicke und kurz vor dem Ziel ein Sonnenuntergang, der bereits wieder neue Reisesehnsüchte weckt. Wir danken Dir, oh Zeus, wenigstens auf dem Olymp scheint die griechische Welt noch völlig intakt zu sein…

He's got the whole wide world - in his hand...
He's got the whole wide world - in his hand...

Michaela flüstert mir im Hafen von Igoumenitsa den verwegenen Gedanken in die knarzenden Kopfhörer, doch schon heute Abend am Anek-Superfast-Schalter unsere Voucher gegen echte Fährtickets einzulösen… doch diese Idee hatten offensichtlich noch ein paar andere Heimkehrer. No chance – zumal das Auslaufen der 8-Uhr-Fähre nach Ancona unmittelbar bevorsteht und doch wohl etliche Last-minute-Traveller einen Platz auf dem Schiff zu ergattern hoffen. Gereiztheiten können wir jetzt absolut nicht mehr brauchen, also Rückzug in die Bucht von Igoumenitsa, wo wir nur 10 Kilometer später den Campingplatz Nautilos entdecken und begeistert einchecken. Kaum Betrieb, eine herrliche Lage am Meer, ein super Restaurant, nette und sympathische Betreiber (Fotis, wir danken Dir für Deine Gastfreundschaft!) und ein „lecker Strändsche“ – das wär’s eigentlich mal für einen kurzen Abstecher an Ostern oder Pfingsten, wenn man dem beruflichen Hamsterkäfig für ein paar Tage entfliehen möchte… Die GPS-Daten können jedenfalls nicht schaden: N39 26.662‘ // E20 15.333‘

Quer durchs Katara-Gebirge
Quer durchs Katara-Gebirge
Danke, oh Zeus!
Danke, oh Zeus!

Unsere Fähre am 27. geht erst am Abend und so verbringen wir auf dem "Nautilos"einen letzten echten Ferientag am Meer. Und glaubt es oder nicht: Die alte Griechenlandliebe ist wieder erwacht – dieses gelassene Vor-sich-hin-Dösen mit diesem herrlichen Die-Sorgen-können-mich-mal-Gefühl. Wir haben es ganz kurz gespürt, wie ein Ausatmen mit Ouzo-Geschmack und ich bin sicher: Wir werden diesem Gefühl in nicht allzu ferner Zukunft wieder verfallen…

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So

25

Aug

2013

The long way home - Teil 5: Heim zu den Griechen

Karacabey – Dardanellen – Alexandroupoli – Nea Iraklitsa: 505 km

Güneydin, Karacabey!
Güneydin, Karacabey!

Unser letzter Türkei-Tag. Heim zu reisen bedeutet von nun an, jeden Tag von einem anderen Land auf unserer Reiseroute Abschied zu nehmen. Kurz hinter Bandirma berührt die D200 die Bucht des Marmara-Bauchnabels Erdek Körfezi und verwöhnt mit azzurroblauen Weitblicken. Immer noch genug Verkehr Richtung Dardanellen, aber der dicke Schleim des Istanbuler Einzugsbereichs liegt nun endlich hinter uns. Allah, wohin geht die Entwicklung in Deinem Reich? Wenn immer mehr Menschen in immer enger werdende Großstadträume ziehen, wenn Landflucht zur Überlebensfrage wird – wird dann nicht die Innenreibung in diesen urbanen Kesseln derartig groß werden, dass soziale Explosionen nur noch eine Frage der Zeit sind? Istanbul und Teheran leiden unter der gleichen Fehlentwicklung und erliegen tagsüber bereits stundenweise dem vollständigen Verkehrsinfarkt. Nirgendwo sind uns die Grenzen der Automobilisierung so deutlich vor Augen geführt worden wie in den Hauptstädten dieser beiden islamischen Länder.

Komm an Bord, Kleene!
Komm an Bord, Kleene!

In Lâpseki hat der Kapitän der kleinen Dardanellenfähre bereits die Trillerpfeife in der Hand, als wir noch schnell an Bord huschen und kurz hinter der Auffahrrampe den Seitenständer ausklappen können. Schlappe acht Euro pro Nase und Bike und das eingesparte Spritgeld über das weiter südlich gelegene Çanakkale kann in dem kleinen, schon wieder richtig malerischen Häfchen von Gelibolu direkt in ein zweites Kahvalte mit leckeren „sigara böregi“ umgemünzt werden. Wir treffen Bill und Elizabeth aus Australien, die mit einem „Where do you guys come from?“ neben unserem Tisch andocken und mal schnell ein paar Schnappschüsse von den „crazy Germans“ mit ihrem iPad schießen. Holiday feeling – und wir sind auf dem Nachhauseweg… 

Small income - Fischer in Lâpseki
Small income - Fischer in Lâpseki
Fähre Lâpseki - Gelibolu
Fähre Lâpseki - Gelibolu

Bis hinauf nach Keşan rumpelt es noch hier und dort im Fahrwerk, doch auch auf diesem Abschnitt hat die Türkei die Planierraupen bereits in Bewegung gesetzt. Eine Fahrbahnhälfte ist gesperrt und wird neu trassiert, auf der anderen rollt (besser „rast“) der Verkehr. Eine Stunde später drücken wir den erstaunlich höflichen und unkomplizierten Zöllnern in Ipsala unsere Reisepässe und Fahrzeugpapiere in die Hand, wiederholen dieses Prozedere an vier weiteren Checkpoints und rollen dann endlich über den Grenzfluss Meriç Nehri (griech. Evros). Die Soldaten auf der Brücke winken, bekommen noch ein herzliches „Allaha ´ismarladik“ zugerufen und „Kalimera“ – schon folgen die Enduros dem Lockruf der Fähre in Igoumenitsa. Kilometer machen, ist angesagt, möglichst noch ein wenig Zeit herausschinden in dem ohnehin engen Timing.

Dicke Pötte an den Dardanellen
Dicke Pötte an den Dardanellen
Fähre von Lâpseki nach Gelibolu
Fähre von Lâpseki nach Gelibolu
Fähren auf den Dardanellen
Fähren auf den Dardanellen

So schön, wie die neue Ost-West-Verbindung E90 quer durch Nordgriechenland auch ist, wenn man Zeit sparen möchte, so todsicher schließt sie einem nach spätestens 100 Kilometern auch die Augen. Tankstellen und Rastmöglichkeiten befinden sich fast ausschließlich abseits der Autobahn und so dümpeln wir im Einzylindertempo gegen den Wind und einen ermüdenden Hitzeschild. Kurz vor Kavala kommt endlich wieder Abwechslung mit neuem Futter für die Augen. Die Route berührt das Thrakische Meer, gestattet Ausblicke auf die Insel Thassos und turnt einige hundert Meter oberhalb des Meeres an der Flanke des Seegebirges entlang. Genug für heute! Wir haben unweit von Nea Peramos einen Campingplatz am Meer geplottet und finden mit dem Camping Paradiso (N40 52.200 // E24 18.846) neben dem Ferienort Nea Iraklitsa ein wahres Paradies. Zwar ist der Campingplatz fest in der Hand von griechischen und bulgarischen Familien, so fest, dass für Transitcamper wie uns nur noch ein, zwei Notplätze bleiben, aber das Drumherum ist geradezu ideal: Restaurant, Strandbar, Liegestühle am Strand, sauberes Wasser und ein sehr gepflegtes Parkgelände mit Palmen und Blumen – hallo, was will man mehr? Viel zu schade für nur eine Nacht…

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Sa

24

Aug

2013

The long way home - Teil 4 - Von den Bergen zum Marmarameer

Osmancik / Motel Atahala - Karacabey: 660 km

Für den kleinen Hunger am Morgen: Frühstücksbüfett im Motel Atahalan bei Osmancik
Für den kleinen Hunger am Morgen: Frühstücksbüfett im Motel Atahalan bei Osmancik
Komm zum "Kahvalte"...
Komm zum "Kahvalte"...

Die Nacht hätte erholsam sein können, gäbe es da nicht diesen emsigen Kompressor hinter dem Haus direkt unter unserem Hotelzimmerfenster. Die Erfinder von Oropax bekommen auf dieser Reise gleich mehrere Nobelpreise verliehen... OK, dafür entschädigt das opulente Frühstücksbüfett im Motel Atahalan reichlich für das brummselige Nachtkonzert und wir quetschen erst gegen halb zehn einen gut gefüllten Hängebauch hinter die Tankrucksäcke.

„The long way home“ gestaltet sich auch in den Morgenstunden noch anhaltend feucht. Das Schwarze Meer drückt klimatisch mit Saunabädern über die Höhen der Küre Dağları und dekoriert dunkelgrüne Büsche und Bäume an die Berghänge. Über Ilgaz und Kurşunlu powert die vierspurige Landstraße in 12-1300m Höhe zielstrebig nach Gerede, verknotet sich anschließend mit der von Ankara nach Istanbul pfeilenden E89 und turnt zu guter Letzt über den quicklebendigen, von unzähligen Kahvalte- und Köfte-Lokantas, Buden und Verkaufsständen flankierten Fakılar Geçidi-Pass (1050m) hinab in die Ebenen des Düzce Ovasi-Tales. Anatolien atmet aus, legt Obst- und Gemüsefelder an, wird zum kultivierten Nutzland und ist im gleichen Atemzug übervölkert. Bereits der zwischen D100 und E80 eingeklemmte Sapanca Gölü im Südwesten der Großstadt Adapazari hat jede Unschuld einer Seenlandschaft verloren und verfolgt angewidert die LKW-Rallye hinüber nach Izmit und Derince, wo der Weg direkt an einem Blinddarm des Marmarameeres entlang in die 20-Millionen-Metropole Istanbul führt.

Hey, nicht schwächeln, weiter geht's...
Hey, nicht schwächeln, weiter geht's...
Blick vom Fakılar Geçidi-Pass (1050m) hinab ins Düzce Ovasi
Blick vom Fakılar Geçidi-Pass (1050m) hinab ins Düzce Ovasi

Nein danke, diesmal ersparen wir uns den Großstadtdschungel, umrunden den Izmit Körfezi südküstig, winken den Fähren von Topçular und Yalova auf ihrem Weg nach Eski Hisar und Istanbul und versaufen kurz darauf in dem dichten Verkehrsgedrängel Richtung Bursa. Ein ungemütlicher Nachmittag und ich bereue es bald, nicht doch nach Mudanya direkt ans Meer abgebogen zu sein, um eben dort nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. Stattdessen lassen wir uns von den Hotel-POIs des Garmin weit hinaus über den Ulubat Gölü nach Karacabey ziehen und landen prompt in der besten Bruchbude der Stadt.

Wahrscheinlich haben schon viele Navi-User diese leidvolle Erfahrung gemacht: Man folgt nicht mehr primär dem eigenen „Riecher“, sondern verfällt der vermeintlichen Sicherheit von POI-Listen - besonders bei hereinbrechender Dunkelheit oder gar nachts, wenn es „pressiert“, weil man wider besseren Wissens das Tagestiming überzogen hat. Egal, die Motorräder dürfen auf dem Trottoir direkt vor der Rezeption des „Toru Hotel“ nächtigen, und wir finden am späten Abend in der sympathisch aufgeweckten Innenstadt Karacabeys noch eine von jungen Türken geführte Lokanta, die unsere knurrenden Mägen mit scharf gewürzten Lamm-Mett-Taschen versorgen. Alles bestens also – unterm Strich…

Pause bei Düzce
Pause bei Düzce
Dicht besiedelt: Marmarameer bei Gebze
Dicht besiedelt: Marmarameer bei Gebze
Blinddarm des Marmarameeres: Izmit Körfezi
Blinddarm des Marmarameeres: Izmit Körfezi
Fähren von Topçular und Yalova nach Istanbul
Fähren von Topçular und Yalova nach Istanbul

Fähren nach Istanbul
Fähren nach Istanbul
Nachtaktives Karacabey
Nachtaktives Karacabey
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Fr

23

Aug

2013

The long way home - Teil 3 - Crossing Turkey

Tercan - Osmancik / Motel Atahalan: 610 km

Tercan: Frühstück unter Männern
Tercan: Frühstück unter Männern

Michaela dürfte seit langem die erste Frau im Tercan Café gewesen sein - doch der Männergesellschaft, die sich am frühen Morgen dort zum ersten Cay mit Zigarette einfindet, scheint es zu gefallen. Eine Stunde später sind die Enduros gesattelt und wir genießen das noch milde 9-Uhr-Licht auf den Bergflanken der Esence Daglari wenige Kilomter vor Erzincan. Steil geht es hinauf, vom Flusstal des Karasu in 1400m bis auf die Gipfel des Karakaya Dagi (3115m) und des Esence Tepesi (3549m) - gewaltig und imposant in einem Atemzug. Gleichsam ein letztes Aufbäumen der landschaftlichen Schön- und Besonderheiten Ostanatoliens, denn ab Erzincan glättet sich das Land, legt Bügelfalten an und gestattet ein länger anhaltendes Gasgeben.

Den Cay bitte mit Zitrone...
Den Cay bitte mit Zitrone...

Die D100 / E80 macht Meter und kennt fast kein Atemholen. In den letzten drei jahren haben die türkischen Straßenbauer gewaltig zugeschlagen und den Osten fast vollständig an das zumeist mehrspurige Überlandstraßennetz der Türkei angeschlossen. Wer also im Zeitraffertempo von West nach Ost will, nehme diese Route und er ist in drei, vier Tagesritten am Fuße des Ararat. Unvorstellbar die Zustände von vor über 20 Jahren, als meine erste Ténéré mich in den Osten des Landes trug und die Stollenreifen noch kräftig zu tun bekamen...

 

Susheri, die beflaggte Burg der Festungsstadt Resadiye, das schöne Erbaa-Tal und die schroffe, enge Felsenlandschaft rund um Amasya - dann knickt die Route kurz hinter Suluova in das staubige Tal Merzifons ab und es wird wieder drückend heiß.

35, 36 Grad im Fahrtwind meldet der Bordcomputer und wir ölen im Flusstal des Karaköy Cayi selbst bei Marschtempo 100 und bei weit geöffneten Reißverschlusslüftern .

 

Samovar - wir lieben Dich!
Samovar - wir lieben Dich!

 

 

Hinter Osmancik will die Straße wieder hinauf in die Bergwelt der Ilgaz Daglari - doch langsam, da hinten am Horizonz braut sich tiefschwarz etwas zusammen. Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da prasselt es bereits auf den Windschutz der KTM und der Blick durch die Crossbrille verschliert. War da nicht eben ein Motel am Wegesrand? Der nächste U-Turn gehört uns, und kaum haben wir das nötige Gepäck aus den Alukisten der Motorrädern gezerrt, da blasen die Osmanen zum Sturm und auf der Terrasse des Motel Atahala (N 40° 58.274' // E 034° 41.947') fliegen den Jungs an den Verkaufsständen die Pistazien, Nüsse, Baklava und Lokum-Leckereien um die Ohren. Schneller war nie ein Abgang und wir sind allahfroh, vom Motelzimmer aus die weiteren Gefühlsausbrüche der Natur beobachten zu können...

Auf dem Weg nach Erzincan
Auf dem Weg nach Erzincan
Ein Stück heiles Anatolien: das  Erzincan Ovasi
Ein Stück heiles Anatolien: das Erzincan Ovasi
Faszinierende Gebirgsimpressionen vor Resadiye
Faszinierende Gebirgsimpressionen vor Resadiye
Verträumtes Dahingleiten im Erzincan Ovasi
Verträumtes Dahingleiten im Erzincan Ovasi
Buntes Farbenspiel an den Bergflanken im Erbaa-Tal
Buntes Farbenspiel an den Bergflanken im Erbaa-Tal

Unvergleichliches Ostanatolien
Unvergleichliches Ostanatolien
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Do

22

Aug

2013

The long way home - Teil 2: Hos Geldiniz in Türkye

Bazargan (Iran) - Tercan (Türkei): 410 km

Komm, mein Alter, zeig noch einmal dein weißes Haupt!
Komm, mein Alter, zeig noch einmal dein weißes Haupt!
Na, geht doch!!!
Na, geht doch!!!

Bazargan. Grenzübertritt Iran - Türkei. Ich hab' die Schlepper dermaßen "dicke", dass ich mir vorgenommen habe, dieses Mal wirklich alles selbst zu machen, ohne irgendeiner Pappnase unsere Pässe oder Carnets de Passage in die Hand drücken zu müssen. Und es klappt! Peinlicherweise (Oder sollten wir nicht besser stolz darauf sein?) spielt das Wort "Almani" dabei eine entscheidende Rolle. Nach nur (!) einer Stunde haben wir alle Stempel beisammen und vor allem jene ominösen weißen Zettel mit den Unterschriften einiger wichtiger Zollgrößen, ohne die man Rohanis Reich nicht verlassen darf. Drüben auf der anderen Seite warten die türkischen "Kolläggen" und mit denen haben wir ja vor zwei Jahren so unsere ganz persönlichen Erfahrungen gemacht...

 

Und prompt: Das Tor ist zu! Wie lange? Weiß man nicht... Im Orient weiß man so was nie genau. Wir winken mit unseren deutschen Pässen, die türkischen "Kolläggen" winken zurück: "No problem!" Na, immerhin noch besser als dieses nervige "Problem motorbike" von damals. Nach einer Stunde Wartezeit fährt das Tor endlich quietschend zur Seite und eine weitere Stunde später haben wir die gestaffelt kontrollierende und minutenlang in den PC stierende Grenzgendarmerie passiert und die Einspritzanlage unserer Motoren bekommt wieder etwas zu tun. Selbst dem am Morgen noch unverhüllt residierenden Ararat ist es in der Zwischenzeit langweilig geworden. Er hat sich einen dicken Wolkenmantel angelegt, verhüllt hartnäckig sein wunderschön weißes Haupt und will nicht weiter gestört werden. "Hey, mein Alter, jetzt haben wir Dich drei Jahre lang besucht und Du hast uns stets mit Deinem weißen Kleid beehrt. Komm, mach hinne!" Und das Wunder geschieht: Für zehn Minuten reißt die Wolkendecke auf und der Gipfelschnee leuchtet in der Sonne. Ein erhabener Anblick und fast hätten wir vergessen, auf den Auslöser der Kamera zu drücken. Danke für diesen schönen Abschied, Ahre! Wann werden wir Dich wiedersehen? Vielleicht einmal im Frühjahr, wenn in Ostanatolien alles blüht, die Berge noch Schnee tragen und - wenn wir nicht mehr arbeiten müssen - in 1000 Wintern oder mehr...

 

Rauher Charme Ostanatoliens vor Dogubayazit
Rauher Charme Ostanatoliens vor Dogubayazit

Wir haben uns vorgenommen, an diesem Tag noch weit nach Ostanatolien hinein vorzustoßen. Türkeiquerung in maximal vier Schritten, so steht es im Lastenhaft – und es wäre traumhaft, wenn dabei noch ein Extra-Ruhetag an dem schönen Küstenabschnitt südlich von Igoumenitsa herausspringen würde.

Zwischen der Stadt Ahre und dem eher unauffälligen Ort Horasan meint es Anatolien besonders gut mit dem Reisenden. Die Canyons und Schluchten zu Füßen des Aras Güneyi Dağları – Gebirges gestatten keine Sekunde Langeweile und bieten landschaftlichen Hochgenuss mit immer neuen reizvollen Perspektiven. Erhaben thront über diesem Augenschmaus der Köse Dagi und schaut aus 3432m Höhe milde und verständnisvoll auf zwei Endurofahrer herab, die alle paar Kilometer stehenbleiben und übers Fotografieren beinahe das Fahren vergessen.

Kurz vor der Wintersporthochburg Erzurum fasziniert uns einmal mehr die Schönheit des Erzurum Ovasi – Tales mit den flankierenden Bergen der Kargapazari Dağları. Die milden Strahlen der Spätnach-mittagssonne verklären romantisch die Szenerie und lassen uns träumen und schweben zugleich. Nur gut, dass sich das Verkehrsaufkommen in diesem Reiseabschnitt in überschaubaren Grenzen hält…

 

Am frühen Abend laufen wir in Terçan ein und nehmen – wie schon auf der Hinreise – Quartier in dem kleinen Otel gleich neben der Tankstelle (GPS: N 39° 46.563‘ // E 040° 23.003‘). Man erkennt uns wieder und ein breites Lächeln sendet ein Hoş Geldiniz. In der einigen „Geschäftsstraße“ des Ortes gibt es gleich mehrere Lokantas, und so geben wir uns ganz dem Geschmack von Köfte und Tavuk-Döner (Huhn) hin, was in der Türkei niemals ein Fehler sein kann. Morgen heißt es wieder fit sein, auch wenn die Tourenkilometer auf der inzwischen gut ausgebauten D100 Richtung Westen vergleichsweise leicht fallen sollten…

Einfach schön - die Route bis Erzurum
Einfach schön - die Route bis Erzurum
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Mi

21

Aug

2013

Und am Ende steht wieder der Ararat...

Miyaneh - Bazargan: 440 km

Bewacht die Grenze Iran-Türkei: der Ararat
Bewacht die Grenze Iran-Türkei: der Ararat

Den iranischen Frühstückspreis wird das Hotel Solmaz in diesem Jahr sicherlich nicht mehr gewinnen - aber immerhin gibt es ein Stückle Butter, ein Stückle Schafskäse (Ja, mir Schwobe zählet da genau mit...), ein Schälchen Marmelade und Bügelbrettbrot - wie Michaela das ausgewalzte, ungesalzene iranische Fladenbrot getauft hat. Der Cay kommt aus englischen Teebeuteln... Aber hallo, Mister, nebenan habt ihr die Türkei und täglich gehen bei Bazargan an die 5000 LKW über die Grenze - und da soll nicht ein Plätzchen für echten Schwarzmeerküsten-Cay frei sein?

 

Der Rest ist erfreulich: Allah hat die Mopeds gut bewacht und die üblicherweise auf der Route nach Tabriz genussvoll vor sich hindieselnden LKW halten sich heute bis auf die Höhe von Bostanabad angenehm zurück. Wir haben daher den Blick frei auf die beeindruckende Kulisse der Kuh-e Bozqush- Berge im Osten der Route, genießen deren Anblick im milden Morgenlicht, bevor uns das dichte Verkehrsgewühl rund um die Millionenstadt Tabriz gefangen nimmt und volle Konzentration verlangt. Eine gute Stunde später pausieren wir in Sufiyan bei einem kleinen Straßenkiosk und können ruhigen Gewissens für uns in Anspruch nehmen, die schnellsten Bekanntschaften des Orients geschlossen zu haben. Bei 100 Sachen dockten soeben die Jungs in ihren Peugeots und Hyundais (Schreibt man das so? Mein Koreanisch ist bescheiden...) neben uns an und brüllten die üblichen Kontaktphrasen aus dem Seitenfenster. Grinsen, Daumen hoch und unter wildem Gehupe weiterfahren. Oder vorneweg, hinterher und das Handy dreht noch ein Filmchen von den Exoten, die mit zwei Motorrädern durch den Iran reisen - wo man doch jetzt endlich Autos hat... Ganz lieb haben, aber manchmal ein bisschen eng! ;-)

Na? Biste wach?
Na? Biste wach?
Sag nicht Esel zu mir...
Sag nicht Esel zu mir...

Der Streckenabschnitt Marand bis Margan am Flusslauf des Zarman Cay entlang gehört wohl mit zum Besten, was einem der Norden des Iran bescheren kann: Busenberge in allen Variationen und Brauntönen, abgeschmeckt mit dem saftigen Grün eines fruchtbaren Flusstals, dazwischen getupft vereinzelt Dörfer und Gehöfte mit sierrabraunen Lehmhäusern, intakter und landwirtschaftlich erfolgreicher als die oftmals desolaten Siedlungen im Süden des Landes. Wenn Landschaft den Begriff der Harmonie für sich in Anspruch nehmen kann, dann hier im Norden Azarbayjans, wie die Region auf Persisch heißt. Wir belassen es heute zumeist bei einem Augenschmaus und machen deutlich weniger Fotopausen, denn die rund 450 km Landstraße bis zur Grenze wollen abgeritten werden, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Coming home..
Coming home..
Bauernhof im Zarman Chay-Flusstal
Bauernhof im Zarman Chay-Flusstal

In Maku gibt es das Hotel "Tourist Inn", schön versteckt in einem Hinterhof gelegen, so dass wir ohne den "Lift" eines freundlichen Einheimischen in jedem Fall am Eingangstor vorbeigebraten wären. Doch oh höre und staune: "We are full!" Allah, was haben wir falsch gemacht? Also weiter bis direkt an die Grenze nach Bazargan - und genau das hatten wir eigentlich verhindern wollen, birgt doch jeder Grenzort in dieser Region diesen Galgen- vogelcharme mit Devisenhändlern, windigen Typen und rotzfrechen Jugendlichen, die mit ihren Mopeds überall sind und alles sehen, was sie nichts angeht. "Hello Mister!", tönt es prompt vom Ortseingang bis zur Stadtmitte mehrstimmig fahrtbegleitend und auch im Dritten noch locker mithaltend. Dabei sitzen die Kameraden teilweise zu dritt auf diesen Dingern und brettern ungefedert durch Schlaglöcher, da würde unsereins seine Ei... verlieren. Nein, das ist nicht ordinär, sondern Teil der Nahkampfausbildung, die man als Motorradfahrer auf iranischen Straßen genießt...

 

Pause in Sufiyan
Pause in Sufiyan

Ende gut, "Hotel Shahrya" sogar sehr gut (GPS: N 39°23.676' // E044°23.301'). Zwar senkt die Küche den iranischen Notendurchschnitt und Teekochen klappt selbst hier in direkter Grenznachbarschaft nur auf Beutelbasis, aber ansonsten haben die jungen Hoteleigner eine Nase fürs Geschäftliche bewiesen, denn der Laden scheint recht gut zu laufen. Dusche, Klo und Wasserhähne funktionieren und das Zimmer hat sogar eine Klimaanlage, und nur die (das wollte ich vorher als Öko-Vertreter ja nie wahrhaben...) garantiert in einem tagsüber mächtig aufgeheizten Hotelzimmer eine einigermaßen erholsame Nacht. Der letzte Blick am letzten Iran-Reisetag gilt dem Tripmaster: Über 9000 Reisekilometer stehen auf der Uhr - 5500 davon im Iran. Und auf der Heimreise warten nochmals knapp über 3000 Kilometer auf die Enduros. Den Preis dafür zahlen zwar unsere Hintern, die fortan "Old Leatherhand" gerufen werden wollen, doch

bedanken sich herzlich die Augen für knapp fünf Wochen Bilderflut ohne TV. Richtig "live" und mit Haut und Haaren dabei.

Vielleicht ist das die einzige Methode, die verhindern kann, dass wir Tage später im türkischen Osmancik in einer Cay-Kneipe TV-Bilder von fäusteschwingenden Glatzen ertragen müssen, die wütend gegen eine Überhand nehmende Islamisierung Deutschlands protestieren. Aber das Geistige kam in der rechten Szene ja immer schon entschieden zu kurz... Der Bericht des türkischen Fernsehens ging übrigens über gute fünf Minuten. So schafft man erfolgreich ein negatives Deutschlandbild, meine Herren Stiefeltreter, da können wir Reisejournalisten uns die Finger wundschreiben...

Direkt am Ararat: Grenzübergang Bazargan
Direkt am Ararat: Grenzübergang Bazargan
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Di

20

Aug

2013

Wolkig, neblig, heiter: Durch die Berge von Khalkhal

Masuleh - Miyaneh: 480 km

Vom Schaf zum Kebap...
Vom Schaf zum Kebap...

Wir wachen um 6 Uhr auf, weil vor dem offenen Fenster jemand trommelt. Also ehrlich, das ist mir jetzt doch etwas zu aufdringlich… „Udooo, es schüttet!!!“ Michaelas Wetterbericht macht mich schlagartig wach. Regen? Im Iran? – So langsam setzt die Erinnerung ein: Elborz-Gebirge, Nähe Kaspisches Meer, feuchte Schwüle, Hotel Masuleh… Den Rest erklärt der kleine Badesee auf meiner Pritsche. Allah, haben wir geschwitzt!

Nebel und Regen in den Bergen von Masooleh
Nebel und Regen in den Bergen von Masooleh
Hautnah dran sein in Fuman
Hautnah dran sein in Fuman

Frühstück? Fehlanzeige! Das halbe Hotel pennt in der „Lounge“ auf Sesseln und Sofas. Wenigstens `n Cay? Der erste Typ, den ich wachrüttel, hat wahrscheinlich Mordgedanken, aber auf jeden Fall null Bock, in der Küche den Wasserkessel aufs Feuer zu stellen. Wir packen, tragen das Gepäck an die noch trockene Startrampe vorm Hotel; bis ich das Regenzeug (…im IRAN!!!) aus den Alukoffern gekramt habe, bin ich pudelnass. Und nun die Regenanzüge über die noch feuchten Enduroklamotten ziehen… Es gibt Dinge beim Motorradfahren, die muss man nicht haben, und jeder vernünftige Europäer würde jetzt „Hey, Taxi!“ rufen, aber… Kein Aber, Schluss jetzt! Um acht Uhr melden sich die Enduros zu Wort und zwei hungrige Mägen rollen durch einen gnädigen Schnürlesregen zurück nach Fuman.

Alles Banane in Fuman
Alles Banane in Fuman
Markt in Fuman
Markt in Fuman
Iranischer Campingplatz bei Masuleh
Iranischer Campingplatz bei Masuleh
Marktgeschehen in Fuman
Marktgeschehen in Fuman
Feinstes Tuch in Fuman
Feinstes Tuch in Fuman

 

Dreißig Kilometer später darf der Trockengang gewählt werden. Beim erstbesten Straßen“café“ gehen wir rechts ran. Wir lieben diese improvisierten Buden, wo es Tee, Fisch, Döner , Khavalte (Frühstück), Käse, Huhn am Spieß oder irgendeinen improvisierten Snack gibt. Mini-Existenzen mit Atmosphäre, selten sauber oder perfekt, dafür original bis originell, einfachst, aber herzlich bemüht. Das passt zum Motorradreisen, da bist du ganz nah dran, auf Tuchfühlung mit den Menschen dieses Landes. Ein paar Männer frühstücken deftig, wir dürfen uns dazu setzen, der Wirt wieselt, bringt unaufgefordert Cay im Doppelpack – ein Menschenkenner und Minenleser. Uns geht’s wieder mal gut!

Echte Besenbinder...
Echte Besenbinder...

Umzingelt von Alt und Jung
Umzingelt von Alt und Jung

Eine Stunde später kracht’s. Also nee, nicht schon wieder. Irgendeine Schlafmütze ist mir von hinten in die Kati gerutscht. Ich mag so was nicht! Hab‘ ich beim ersten Mal schon dem Typ in Shiraz gesagt, als er im Stau versuchte, auf diese Tour mit mir anzubändeln… Allah sei Dank, ist auch diesmal nicht viel passiert. Der Touratech-Spritzlappen hat als Stoßlippe fungiert und den direkten Kontakt mit dem Rücklicht verhindert. Werd‘ ich der Firma berichten; das können die glatt als Verkaufsargument nutzen ;-) Apropos Stau – wir brauchen aus Fuman `raus fast eine Stunde – und dort wohnen nur 40.000 Leute…

Zwiebeln im Familienpack
Zwiebeln im Familienpack

Von Sowma’eh Sara bis nach Rezvan Shar an der „Küsten“straße entlang dem Kaspischen Meer fliegen wir mit Mücken um die Wette. Dann erlöst uns bei Asalem eine Abzweigung nach Khalkhal von den Subtropen und ein beinharter Bergpass erinnert aufs Angenehmste daran, dass man die Enduros, die wir dabei haben, auch im Iran artgerecht nutzen kann. Schlaglöcher, geflickte Fahrbahndecke, Frostaufbrüche, tiefe Rinnen quer über die Straße, ab und zu aufgeschwemmte Erdflecken vom letzten Regenguss. Die Kati rezitiert aus Goethes Faust „Hier bin ich Tier, hier darf ich’s sein!“ und ist mal wieder stolz darauf, ein „R“ in ihrem Namen zu führen…

Familienpack mit Kebap
Familienpack mit Kebap

Die Route führt ohne lange zu fackeln in eine archaische Gebirgsregion. An den Bergflanken kleben die ärmsten Dörfer, die wir je gesehen haben. Am Straßenrand hier und dort Hütten und improvisierte Buden mit allem, was die Region so bietet. Der Höhepunkt des Bergmarktes sind Schlachter, die unter den faszinierten Blicken von Kunden und Kindern ihre Lämmer häuten, zerlegen und in verkaufbare Portionen eintüten. Das wäre doch was für unsere Kiddies, die zum Großteil glauben, dass Schweinefleisch bereits als Schnitzel zur Welt kommt… Auf ca. 1900 Metern Höhe ziehen schließlich dichte Nebelschwaden über die Fahrbahn und die Passhöhe in 2350m ertapsen wir mehr, als dass wir sie erfahren. Die Temperaturen sind inzwischen gewaltig in den Keller gerauscht, von Mitte 30 auf absolut coole 12 Grad, so dass wir in den Endurojacken gewaltig schlottern. Nach über zwei Wochen Hitzebombardement sind Stoff und Reißverschlüsse völlig verstaubt und ausgetrocknet, so dass sich die Reißer kaum mehr schließen lassen. Eine echte Herausforderung für Louis, Polo, Gericke und Co., fall sich die verantwortlichen Damen und Herren dort überhaupt mal selbst mit einem ihrer Produkte auf ein Motorrad setzen. (Man hat nicht immer den Eindruck…)

Einsame Bergdörfer
Einsame Bergdörfer

Einer in astreinem Farsi geschrieben Ausschilderung verdanken wir noch eine Verlängerung des heutigen fahrerischen Hypes. Ich fahre „professionell“ nach Kompass und wir landen ein „wenig“ abseits unserer Route in Kivi, eingezwängt in eine spannende Schluchtenlandschaft, und gesegnet mit den altvertrauten 35 bis 40 Grad im Fahrtwind. Tja, mein lieber Kreislauf, da musst du wohl durch… Auf der Weiterfahrt über Aq Kand hinunter nach Sarcham im Flusstal des Zarigan Rud (immer noch über 1000m)!! zeigen uns Iraner, was sie straßenbautechnisch zu leisten imstande sind, wenn die finanziellen Mittel bereitstehen. In breitesten Schwüngen geht es auf Musterasphalt bergauf und bergab, panoramabegleitet von karamell- und sierrabraunfarbenen Bergrücken und imposanten Schluchten. Gewaltig!

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Mo

19

Aug

2013

Auf den Dächern von Masooleh (Masuleh)

Qazvin - Masuleh: 245 km

Viele iranische Städte gedenken mit Tafeln an den Ausfallstraßen ihrer Gefallenen aus dem iran.-irak. Krieg
Viele iranische Städte gedenken mit Tafeln an den Ausfallstraßen ihrer Gefallenen aus dem iran.-irak. Krieg

Wir kommen zeitig los, wollen unbedingt noch nach Masuleh. Wer weiß, wann wir wieder mal in der Gegend sind. Spannender Passaufstieg zwischen Baba, Kuhin Aqa und Ab Torsh. Immer wieder hauen uns die gewaltigen landschaftlichen Dimensionen fast aus dem Sattel. Hinab geht es in weiten Schwüngen durch Canyonland, dann reißen die Berge auf und die Straße mündet in ein fruchtbares Schwemmland. Tief geht der Blick hinab auf ein nahezu ausgetrocknetes Flussbett. Feuchte, schwül-warme Luft kriecht unter die Endurojacken, macht diese zur Sauna. Wir haben Springbrunnen auf der Haut…

Kilometer später haben wir von über 2000 Höhenmetern den größten Teil abgegeben. Das Sefid Rud-Reservoir (Stausee) liegt mal gerade noch auf 300 Metern. Ein unheimlich starker Seitenwind beutelt die Motorräder, heftigste Böen werfen uns hin und her, verlangen volle Konzentration. Es sind Fallwinde vom Gebirge her, denn auf der anderen Seite der Berge liegt das Kaspische Meer mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Ein Dorado für Windkrafträder - und tatsächlich sehen wir die ersten Exemplare dieser Art im Iran auf den Bergen um Manjil. In dem Ort ist iranisches Militär stationiert, Posten kontrollieren den Verkehr und ziehen vereinzelt Fahrzeuge heraus. Wir starten den Versuch einer Rast am See - vergeblich. Bei diesem Wind und einem nicht abreißen wollenden Verkehrsstrom kann keine Erholung eintreten. Auch die meisten iranischen Familien, die zum Picknick an den Stausee gekommen sind, geben frustriert auf und retten sich in die wenigen Pavillons am Seeufer. Uns bläst der Föhn auf die Straße zurück...

Rast in Manjil am Stausee Safid Rud
Rast in Manjil am Stausee Safid Rud
Fruchtbares Flusstal des Safid Rud
Fruchtbares Flusstal des Safid Rud
Manjil - ob die bei dem Wind noch fliegen?
Manjil - ob die bei dem Wind noch fliegen?
Die feuchte Luft vom Kaspischen Meer bringt Leben
Die feuchte Luft vom Kaspischen Meer bringt Leben

Erneuter Anstieg ins Gebirge; eine breite Bergtrasse mit donnernden LKW und dicken Qualmwolken. Umweltgedanken im Iran? Glatte Fehlanzeige. Was wir auf dieser Reise an Ruß schlucken, reicht für den Rest des Lebens. Rudbar ist erreicht; eine lebendiger Ort mit Markt und Hunderten von Händlern am Straßenrand. Schließlich Rast in Rostamabad: Ein Händler winkt uns auf die andere Straßenseite, bietet Oliven mit Paste, gelierte Früchte, leckeren Cay. Er hat einen pittoresken Laden, lädt uns ein, Fotos zu machen. Der Mann mag Deutschland, begreifen wir, ist stolz darauf, auch (?) ein Arier zu sein… Bei manchen Lobeshymnen iranischer Menschen auf unser Heimatland muss man schlucken, und wir haben immer wieder große Mühe, unseren Gesprächspartnern zu erklären, dass es Abschnitte in unserer deutschen Geschichte gibt, auf die wir alles andere als stolz sind.

Gewaltige Dimensionen in den Bergschluchten der Elburz-Ausläufer
Gewaltige Dimensionen in den Bergschluchten der Elburz-Ausläufer

Wir steigen hinab in das breite, sehr fruchtbare Flusstal des Safid Rud. Die Berge treten zurück und der Fluss verzweigt sich mit Nebenläufen, bildet eine Art Delta. Obst- und Gemüseanbau, bewirtschaftete Felder, Tomaten, Gurken, Zucchini, Melonen. Unendlich viele Straßenhändler laden ein, winken, wir rollen weiter. Es wird verstärkt feucht-warm und unser Kreislauf hat zu kämpfen.

Lebhafter Marktflecken Fuman
Lebhafter Marktflecken Fuman
Angekommen in Fuman
Angekommen in Fuman

Abzweig nach Shaft und Fuman. Fuman wirkt attraktiv mit pittoreskem Ortsbild. Der Wochenmarkt wird gerade vorbereitet: Hunderte von Ständen, blockierte Straßen. Irre was los! Wir finden schließlich den Weg hinaus nach Masuleh. Die holprige Landstraße fordert Fahrwerk und Stoßdämpfer. Der Himmel geht völlig zu und Regenwolken ziehen auf. Es beginnt zu nieseln, dann setzt stärkerer Regen ein. Unterwegs kleine verlotterte Gehöfte, teilweise Camping in Teegestühlen mit Plastikvorhängen. Wenig einladend das Ganze. Die Häuser am Straßenrand sind in einem miserablen Bauzustand, Fenster und Türen hängen in den Angeln, Müll türmt sich vor der Haustür, auf dem Hof, am Straßenrand. Hier wohnt die bittere Armut.

Bei Ankunft in Masuleh fängt es an zu gießen. Am Ortseingang eine Toll-Sperre; man lässt uns so passieren, will keine Maut.

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So

18

Aug

2013

The long way home – Teil 1: Von den Moscheen nach Masuleh

Esfahan - Qazvin: 480 km

Hallo, wir haben ein paar Tage nichts von uns hören lassen, denn es gab keinen Internetzugang unterwegs. Ab Esfahan hat die Heimreise begonnen – auf Umwegen versteht sich, denn es gilt, noch ein paar orientalische Edelsteine am Wegesrand aufzusammeln.

 

Ein großer Schluck aus der Kilometerpulle ist fällig. Wir haben uns in den Kopf gesetzt, doch noch bis fast ans Kaspische Meer vorzustoßen, um das bekannte, ja, im Iran fast wie ein Wallfahrtsort beliebte Dörfchen Masuleh (Masooley) in den feuchten Bergen des Kuhha-ye Tales kennenzulernen. Also vierspuriges Ballern über Murcheh Khort, Meymeh, Delijan, Salafehegan bis in die quirlige Großstadt Saveh. Die Route bleibt konstant in 1400-1600 Metern Höhe, in weiter Ferne flankieren die Berge des Kuhha-ye Qohrud, nicht ernsthaft spannend, sondern eher highwaymäßig distanziert. Im den Sommermonaten ein ausgebranntes Land, das die tiefstehende Sonne der Spätnachmittags- und Abendstunden braucht, um Dramatik und Farbtiefe aufzubauen.

 

Wir haben inzwischen längst kein Sitzfleisch mehr, drücken das Ar…weh tapfer zur Seite, fassen alle 100 Kilometer einen Liter Wasser oder die Bierbrause Istak, ärgern uns über den immer dichter werdenden LKW-Verkehr Richtung Teheran, sehen waghalsige, völlig „blinde“ Überholmanöver von vollgepfropften Familienkutschen, die nur um Haaresbreite nicht als Frontalaufprall enden. Fielmann – hier hättest du noch ein Betätigungsfeld… Und übrigens: Wer meint, das Transportaufkommen in Deutschland auf der A6 oder A8 sei inzwischen unerträglich, der komme mal mit zu den Lebensadern der 12 Mio.-Stadt Teheran. Da ist inzwischen jedes zweite Fahrzeug ein LKW – und was für Kaliber. Die ausgelutschten Motoren blasen dermaßen heftige Rußwolken raus, dass am Abend kein Tankwart und kein Hotelier mehr glaubt, dass Michaela in Wirklichkeit eine „Madame“ ist. Schwärzere Schnurrbärte tragen selbst Iraner nicht…

 

In Qazvin ist Endstation im Marmar-Hotel. Wir sind platt und heilfroh, ein sauberes Quartier zu bekommen. Die leicht gelangweilte Dame des Hauses möchte für Zimmer, Abendessen und Frühstück um die 1.800.000 Rial oder 180.000 Tuman, wie wir inzwischen gelernt haben. Das sind ca. 40 Euro und damit guter Durchschnitt bei iranischen Mittelklassehotels. Ab und zu ist zwar jemand dabei, der meint, er müsse das Geschäft des Monats mit den „Touristen“ machen, aber das sind erfreulich seltene Ausnahmen. Wir haben mit der Gewalttour jedenfalls unser Ziel erreicht. Morgen geht es über die nordwestlichen Ausläufer des Elburz-Gebirges (Kuhha-ye Alborz) nach Masuleh, wo man den Leuten gehörig aufs Dach steigen kann. Hoda afez – bis zum nächsten Internet-Hotel. Insh' Allah...

 

Wir reichen noch Bilder nach; die Internetverbindungen sind derzeit "dead slow". Sorry!

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Sa

17

Aug

2013

Esfahan - Ankunft im Florenz des Iran

Ein Ruhetag in Esfahan

Imam-Moschee in Isfahan
Imam-Moschee in Isfahan

Salam, liebe Freunde und Mitreisende!

 

Wir sind seit zwei Tagen im Florenz des Iran - in der wunderschönen Stadt Esfahan (auch "Isfahan"). Für heute nur ein paar Eindrücke. Ein ausführlicherer Text mit weiteren Fotos folgt.

Wir sind ab Mittag schon wieder "on the road" gen Norden. Die Heimreise hat sozusagen begonnen...

 

Liebe Grüße aus Isfahan von

 

Michaela & Udo

Heute schreibt die Michaela; Udo ist platt… J

Natürlich muss man in Esfahan ganz viel besichtigen. Wir beschränken uns auf die wesentlichen Sehenswürdigkeiten und starten mit der Fußgängerbrücke Sio- seh Pol, die direkt gegenüber unserem Hotel den wasserlosen Fluss überspannt. Es ist lustig anzuschauen, wie die Menschen durch das trockene Flussbett spazieren oder die unterste Arkade der Brücke benutzen.

Die zweite Station, die wir zu Fuß erreichen können, ist das berühmte Hotel Abbasi, welches früher eine Karawanserei war und sehr schön renoviert wurde. Da wir dort nicht nächtigen konnten, begnügen wir uns mit Fotos. Von dort aus buchen wir einen Taxifahrer, der uns bei der Moscheenrunde als erstes zur Freitagsmoschee (Jame-Moschee) bringen soll. Dieser hat wirklich keinen Plan, fährt durch kleinste Gassen und entlässt uns mitten im Bazargedrängel mit dem Hinweis, dass wir einen halben Kilometer weiter hinten rechts die Moschee finden würden. Diese ist sehr schlicht gehalten, auf der großen Kuppel tummeln sich die Tauben und im Inneren ist die Stuckarbeit am „Mehrab“ (Gebetsstuhl) des Öldjeitü besonders sehenswert. Die Freitagsmoschee gilt als eines der ersten Beispiele für den Bautyp einer iranischen Hofmoschee. Uns zieht es im Anschluss natürlich zum großen Platz, der unter dem Namen „Meydan“ weltberühmt ist. Ein Taxifahrer mit Lesebrille (zum Wegwerfen…) bringt uns dorthin, und auch er nutzt ausführlich die engen Gassen des Bazarviertels – hier will uns anscheinend jeder demonstrieren, wie gut er seine Heimatstadt kennt. J

 

Am „Meydan“ kommen wir aus dem Staunen tatsächlich nicht mehr heraus. Linkerhand die Lotfollah-Moschee, rechterhand der Chehel-Sotun Palast, dessen Terrasse gerade renoviert wird und am Kopfende residiert die „Große Moschee“ (Masdjed-e Imam). Wir beginnen mit der Lotfollah-Moschee, die als Privatmoschee eines schiitischen Herrschers speziell für seine Familie erbaut wurde und deshalb keine Minarette und keinen Gebetshof (Iwan) aufweist. Faszinierend die Innenkuppel mit diesem ganz besonderen Streiflicht.

Am Eingang der Imam-Moschee treffen wir eine Stunde später auf Mohamed, der uns ein Angebot macht, welches wir uns im Traum nicht ausgedacht hätten. Er kenne da jemanden, der wisse… Und wenn wir ein paar Rial springen ließen, dann könnten wir… Simsalabim – und wir stehen nach abenteuerlichem Aufstieg im völligen Dunkel des Turms auf einem der beiden Minarette der Imam-Moschee und bestaunen den Meydan und das bunte Treiben zu unseren Füßen. Die Öffnungen der hölzernen Balustrade lassen sogar ein paar Schnappschüsse zu, ganz heimlich, versteht sich, denn wehe, wehe, wenn jemand hinaufschaut und Michaelas knallrote Tunika entdeckt. Genießt die Bilder, liebe Freunde und Besucher unserer Website. Der Rest muss ein orientalisches Geheimnis bleiben. Aber wenn Ihr mal in den Iran reist, könntet Ihr uns ja… Und vielleicht werden wir dann…

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Fr

16

Aug

2013

Alle Wege im Iran führen nach Esfahan

Yazd - Esfahan: 360 km

Die Zeit war viel zu kurz im 1000-und-zwei-Nächte-Hotel "Laleh". Hier könnte man locker eine Woche verbringen. Doch nach Hause sind es noch ein paar Tausender und allmählich verengt sich unser Zeitkorridor. Wir sollten also am Ball bleiben und Tage nicht verbummeln. Das Interessanteste in Yazd haben wir gesehen – also auf nach Esfahan. Bis nach Ardakan begleiten uns noch die Ausläufer der Kuh-e Hamaireh- und der Kuh-e Ghosseh Khovran-Berge und wir sehen gebannt, wie sie in der zunehmenden Hitze des Tages allmählich ihre Farbe verlieren und im Dunst versinken. Dann wird es eintönig und öd. Zumeist vierspurig fräst die Schnellstraße durch eine trockene Steppenlandschaft mit verdorrtem Gras und kilometerweit nichts. Die Dörfer und Siedlungen am Rand der Straße wirken ausgestorben und haben bereits das Verfallsdatum überschritten. In Aqda drehen wir mal wieder eine Runde durch die „Innenstadt“ und sind erschrocken: Jedes zweite Lehmhaus bricht auseinander, steht wie ein Häufchen Elend mit eingestürzten Mauern oder zusammengefallenem Dach. Die wenigen bewohnten Häuser neuerer Prägung sind lieblos hingeknallte Ziegelsteinhäuser mit Blechdächern und toten Fenstern. Eine Kulisse für Endzeitfilme…

Nach 150 Kilometern ist Na’in erreicht, eine lebendige Wüstenstadt mit einer schönen Moschee und einem Museum für Völkerkunde. Kultur auf halbem Wege. Dann pfeilt die Schnellstraße 62 stur geradeaus nach Esfahan, durchschneidet ein über 3000 Meter aufragendes Gebirge und will nur noch ankommen. Bei einer Fotopause bollert es plötzlich bassig neben mir und eine der unzähligen Honda CB 125-Nachbauten (allein mit diesen Dingern muss Honda sich eine goldene Nase verdient haben…) kommt quietschend zum Stehen. Der Fahrer grüßt mit einem fröhlichen „Salam“, wühlt in seiner Tasche und reicht mir einen Beutel frische Mandeln herüber. „From my garden“ – und weg ist er. Hallo, kann man sich so etwas in unserem Kulturländle vorstellen?

 

Esfahan ist ganz anders. Gepflegte Parkanlagen, grüne, mit schönen Blumen bepflanze Mittelstreifen auf den 6 bis 8-spurigen Boulevards. Überall „lagern“ Menschen auf grünen Inseln im Verkehr, picknicken auf einer Decke, dösen, schlafen ganz nach Belieben sogar auf den Gehsteigen am Ufer des im August völlig ausgetrockneten Zayamdeh Rud oder an einer der schönen Fußgängerbrücken über das Trockenbett. Eine ausgesprochen schöne, gepflegte Stadt. Und selbst der übliche Verkehrsterror in den Abend- und Morgenstunden läuft hier eine Spur zivilisierter ab, zwar 10 bis 12-spurig, aber mit weitaus weniger Körperkontakt. Wir hatten am Morgen versucht, von Yazd aus ein Zimmer im berühmten „Abbasi“-Hotel zu buchen, doch vergeblich. Das Nobelhaus ist ausgebucht und auch zahlreiche andere Hotels meldeten „Belegt“. Im Hotel Kowsar (GPS: N 32°38.482' // E051°39.916') konnten wir schließlich einloggen. Laut Reiseführer ein gesichtsloses, atmosphäreloses Hotelhochhaus. Tatsächlich erinnert die Empfangshalle eher an das Terminal eines Provinzflughafens, doch vom Rest sind wir angenehm überrascht. Ein professionell geführtes Haus mit sauberen Zimmern, gutem Service, nettem Personal, Hotelcafé UND einem sehr schönen Park mit Teehaus und Restaurant am Swimmingpool. Reiseführerautoren leiden offensichtlich auf einem höheren Niveau… ;-)

Wir verbringen den Abend natürlich im Teehaus – trinken kannenweise Cay und kosten eine persische Nudelsuppe mit Minzsoße und Yoghurt. Vom Feinsten!

Wüstenimpressionen...
Wüstenimpressionen...
Fußgängerbrücke über den ausgetrockneten Zayamdeh
Fußgängerbrücke über den ausgetrockneten Zayamdeh
Immer voll drauf...
Immer voll drauf...
Hotel Kowsar - mit Pool und Park
Hotel Kowsar - mit Pool und Park

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Do

15

Aug

2013

Yazd – die 1000 und zweite Nacht

Ein Ruhetag in der Stadt der Windtürme

Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee
Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee
Innenhof des Laleh-Hotels
Innenhof des Laleh-Hotels

„Wenn Du eine Frau suchst, die Dich gut bekocht, nimm eine aus Tabriz. Suchst Du eine, die Dich verzaubern soll, nimm eine aus Shiraz. Suchst Du eine, die treu ist, so heirate eine Frau aus Yazd.“ (iranisches Sprichwort)

Als Mann bleiben mir solche Weisheiten natürlich im Gedächtnis haften. Sie erklären auf einfache Weise, warum ich mir in Shiraz mehr als einmal den Hals verrenkt habe und warum uns die Menschen in Yazd vom ersten Augenblick an so sympathisch sind. Ein überraschend cooles Verkehrsgebaren, Taxifahrer, die einen bereitwillig durch die Altstadt lotsen und dafür jeden Rial ablehnen, ein mehr als warmherziger Empfang in dem Traumhotel „Laleh“ inmitten der Lehmhäusergassen des alten Yazd (GPS: N 31°53.221 // E054°22.274). Und die Menschen haben einen ausgeprägten Sinn für Humor, was uns im Übrigen bei Iranern immer wieder angenehm auffällt: Scherzen, Lachen und gemeinsam Spaß haben steht im gesellschaftlichen Umgang mit Iranern ganz vorne an, und wer als „Tourist“ auf diesem Klavier spielen kann, der hat gewonnen. Das „Laleh“ zählt zu den traditionellen Gasthäusern im Iran, wurde innerhalb der Mauern des früheren Wohnhauses der reichen Familie Golshan sorgfältig restauriert, wobei man sich alle Mühe gab, den historischen Charakter des Hauses zu bewahren.

Windtürme kühlen einen Wasserspeicher
Windtürme kühlen einen Wasserspeicher

So befinden sich die mit alten Holztüren verschlossenen klimatisierten Zimmer auf zwei Stockwerken innerhalb eines weitläufigen Ganglabyrinths, flankiert von mehreren großen Innenhöfen mit Emporen, Teemöbeln, grünen Pflanzbeeten und plätschernden Pools. Gegen Abend zu wird das ansprechende Ensemble romantisch illuminiert, übergroße Windmaschinen fächeln kühle Luft in die Höfe und auf einem Buffettisch kann man sich mit Tee und einer traditionellen Suppe bedienen. Die Karte des hoteleigenen Restaurants ist klein, aber fein und so ist alles gerichtet, um nach harten Fahrtagen aufzutanken und sich wieder einmal so richtig verwöhnen zu lassen. Einzig die Liebhaber eines guten Glases Wein oder eines kühlen Biers werden etwas vermissen, wenn sie nicht – wie in unserem Fall – längst zu überzeugten Istak-Liebhabern konvertiert sind…

Altstadtgassen in Yazd
Altstadtgassen in Yazd

Ausschlafen ohne Oropax – und prompt ist es nach zehn, bis wir vom Frühstück zurück sind. Fotografisch betrachtet ein „No go“, also verlegen wir die Stadterkundung auf den frühen Nachmittag. Die Wüstengroßstadt Yazd (immerhin 700.000 Einwohner) ist wesentlich ruhiger und beschaulicher als andere iranische Großstädte. Wir bummeln durch endlose Altstadtgassen mit dunkelbraunen Lehmhäusern, viele davon halb zerstört oder mit armdicken Mauerrissen gefährdet. Hier und dort erkennt man das Bemühen um Restauration bzw. kompletten Wiederaufbau, doch insgesamt scheinen die Einwohner von Yazd aus der traditionellen Altstadt eher zu flüchten. Ganz markant und typisch für Yazd sind die zahlreichen Windtürme, die oft um einen kuppelförmigen Wasserspeicher oder um größere Wohnhäuser herum stehen, um Wasservorräte zu kühlen oder als eine Art „Air-Conditioning“ zu fungieren.

Das "Naql" für Trauerprozessionen
Das "Naql" für Trauerprozessionen

Beeindruckend sind die Moscheen von Yazd. So wird die Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee von einer breiten Portalfassade dominiert und piekst zwei unverschämt spitze, über 50 Meter hohe Minarette in den blassblauen Nachmittagshimmel. Auf dem Vorplatz steht ein Holunikum, dessen Funktion sich erst nach dem dritten Hinschauen erschließen lässt. Das sogenannte „Naql“ wird bei der Trauerprozession am 10. Muharram mit schwarzen Tüchern, Bannern und mit dem Portrait des Imam Hossein geschmückt und dann von gut gebauten (!) Trägern durch die Stadt getragen. Dass die Armen sich beim Tragen ständig ablösen müssen, weil sie ansonsten die Bandscheiben ruinieren, ist Teil des Konzepts, denn es gilt, das Martyrium Hossein „nachzuempfinden“, besser wohl „nachzuleiden“…

Brunnen vor der Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee
Brunnen vor der Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee
Minarette der Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee
Minarette der Meydan-e Mir Chaqmaq – Moschee

Richtig atmosphärisch wird es beim Betreten des Gebet-Iwans der Jame-Moschee, einer Freitagsmoschee, wie das Wort „Jame“ bereits sagt. Schon das reichlich mit Fliesen und Mosaiken verzierte Eingangsportal lässt den Kopf für lange Minuten in den Nacken fallen und als mich die Männer auf den Gebetsteppichen noch in den Innenraum des achteckigen, halboffenen und reichlich dekorierten Kuppelsaals winken, bin ich hin und weg. Michaela muss derweil draußen warten, hat sich aber vorgenommen, die Privilegien der Männer in der islamischen Gesellschaft bei Stadterkundungen nicht mehr zu thematisieren… ;-)

Kuppelsaal der Jame-Moschee
Kuppelsaal der Jame-Moschee
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Mi

14

Aug

2013

Am Rand der Wüste Kavir

Shiraz - Pasargadae - Yazd: 473km

Wüste(n)spiele...
Wüste(n)spiele...
Königsgräber von Xerxes und Darius
Königsgräber von Xerxes und Darius

Im Hotel „Pars“ haben wir Benjamin, seinen iranischen Schwager Daniel, seine iranische Schwiegermutter und seinen Sohn Nuhr kennengelernt. Schon seltsam, wenn man beim Frühstück plötzlich am Nebentisch deutsche Laute hört. Die sympathische Familie ist in Mashad zu Hause, lebt aber schon seit 20 Jahren in Deutschland und durfte lange Zeit nicht in den Iran einreisen, weil Daniel sonst den iranischen Militärdienst hätte absolvieren müssen. Die vier sind mit dem Flugzeug von Mashad nach Shiraz geflogen, sind es doch gute 1200 Kilometer bis zur afghanischen Grenze – und das ist selbst für Iraner nicht mehr eben um die Ecke. Wir frühstücken gemeinsam, reden über die Menschen im Iran, die deutsch-iranischen Beziehungen, über Politik und das Leben auf der Straße. Als wir abreisen, steht die ganze Familie zum Abschied Spalier und winkt uns in den Morgenstau auf dem Karim Khan Zand-Boulevard.

Laura und Andrea sollen noch erwähnt werden. Die beiden Norditaliener sind mit einer 12er GS unterwegs und machen am Tag so zwischen 400 und 500 Kilometer. Lauras Energie und Temperament korrespondiert in wunderbarer Weise mit einer italienischen Cappuccino-Maschine und wenn sie Andrea so richtig Dampf macht, kann ich mir vorstellen, wie viel Spaß die beiden unterwegs haben. Wir tauschen Hotelerfahrungen und GPS-Wegepunkte aus und beschließen, uns irgendwann einmal in Norditalien oder bei uns daheim in Süddeutschland zu treffen. Ja, immer wieder sind es diese schönen Begegnungen „on the road“, die uns auf Motorradreisen gefallen. Unterwegs findet man es noch, das verbindende Bikergefühl, dieses Froh-darüber-sein, irgendwo am Straßenrand plötzlich Gleichgesinnten zu begegnen.

Ankunft bei den Königsgräbern von Rostam
Ankunft bei den Königsgräbern von Rostam

Nach Yazd soll es heute gehen, an den Rand der iranischen Wüste, der Kavir. Mehr Wüstenerfahrungen sind auf dieser Reise nicht drin, zu eng ist unser Zeitbudget. Hätten wir sechs Wochen zur Verfügung, sähe dies anders aus. Wer also ganz in den Osten bis an die Grenzen von Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan reisen möchte, sollte mindestens diesen Zeitraum zur Verfügung haben, sonst wird die Reise zur Rallye und man rauscht überall nur durch…

Königsgräber von Rostam
Königsgräber von Rostam
Grab des Xerxes
Grab des Xerxes

Die heutige Tour enthält folgerichtig wieder ein wenig Kul-„Tour“. Unweit von Persepolis liegen bei Rostam gleich neben der Landstraße die reliefgeschmückten Königsgräber von Xerxes und Darius, jener Herren also, deren Baukünste wir zwei Tage zuvor in Persepolis so bewundert haben. Keine Stunde später stehen wir bei Pasargadae vor dem Grabhaus von Kyros dem Großen und damit hautnah an der Wiege der Perser, wird doch der mächtige Kyros als Vater der Perser bezeichnet. 550 v. Chr. besiegten die Perser die Meder bei Pasargadae, woraufhin Kyros (auch Kyrus) auf siegreichem Terrain eine Residenzstadt errichten ließ, in der er selbst seine letzte Ruhestätte fand.

Auch ansonsten ist König Kyros eine bemerkenswerte geschichtliche Figur: Nachdem Jerusalem 586 v. Chr. nach der zweiten Belagerung durch Nebukadnezar zusammengebrochen war, ließ dieser sämtliche Tempel der Stadt plündern und verschleppte das Gold und die Überlebenden Jerusalems ins Zweistromland nach Mesopotanien (heute Irak). Keine 50 Jahre später stand Kyros' Heer vor Babylon. Der Perserkönig - und das lasse man sich auf der Zunge zergehen - befreite das hebräische Volk aus der Gefangenschaft, ließ - welch Großmut - sämtliches Gold zusammentragen, das Nebukadnezar geraubt hatte, und schickte die Überlebenden nach Jerusalem zurück mit dem Befehl, dort den Tempel Salomons wiederaufzubauen. Damit hat ausgerechnet das iranische Volk die älteste antike Verbindung zum jüdischen Volk. Vielleicht sollten die Mullahs und die Zionisten unserer Tage darüber mal ernsthaft nachdenken...

Von der Residenzstadt Kyros' sind nur noch wenige Mauerreste übrig geblieben, doch für das Grabhaus lohnt es sich durchaus, den Killschalter zu betätigen. Auf dem archäologischen Ausgrabungsgelände lernen wir die charmante Fatima kennen. Sie spricht nur ein paar Brocken Englisch und versucht doch, uns etwas von dem nahe zu bringen, was diesen Ort auszeichnet. Gleich am Eingang an der Ticketbude steckt man uns ein paar frische Gurken zu und aus dem Nichts heraus stehen plötzlich zwei durchaus formell wirkende Herren neben uns, die uns zwei Münzschachteln mit alten Rialmünzen schenken – einfach so. Unterwegs halten Menschen neben den Bikes, reichen uns Äpfel, Pfirsiche, frisch geerntete Mandeln oder eine Flasche Wasser. Was sind das für wunderbare Menschen? Uns geht es mehr als gut in diesem gastfreundlichen Land…

Ein Hauch von Wüste...
Ein Hauch von Wüste...
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Di

13

Aug

2013

"Plan Persepolis" - geschafft!

Shiraz - Persepolis und retour: 120 km

Der erste Teil unserer Reise zur Wiege der Perser ist geschafft. König Darius der Große (515 v. Chr.) hat uns willkommen geheißen. Und Allah spendierte uns in seiner unendlichen Güte einen Sonnenuntergang in den Ruinen von Takht-e Jamshid, wie die Iraner Persepolis nennen.

Für heute nur ein paar Fotos zum Anmachen. Text und weitere Aufnahmen zur Shiraz und Persepolis folgen. Hier in Shiraz ist es schon kurz vor Mitternacht. Und morgen soll es weitergehen nach Yazd. Durch die Wüste - und da braucht man bekanntlich Kraft, viel Kraft... Hoda afez - auf Wiedersehen!

Persepolis (Takht-e Jamshid)  -- Treppen zum Apadana-Palast
Persepolis (Takht-e Jamshid) -- Treppen zum Apadana-Palast
Das Tor aller Länder
Das Tor aller Länder
Schon damals brannte die Sonne erbarmungslos...
Schon damals brannte die Sonne erbarmungslos...

In Persepolis die Sonne untergehen lassen...
In Persepolis die Sonne untergehen lassen...
... manchmal werden Träume wahr.
... manchmal werden Träume wahr.

Persepolis (die Iraner sagen "Takht-e Jamshid") war eine Palastanlage der archämenidischen Herrscher. Darius der Große legte 515 v.Cr. den Grundstein für Persepolis, um die Macht und die Größe seines Reiches anschaulich zu demonstrieren. Das Palastareal umfasste 300 mal 400 Meter und wurde im Laufe von 60 Jahren von verschiedenen Herrschern ausgebaut und mit jeweils neuen Palastgebäuden ergänzt. Genutzt wurde Persepolis vornehmlich für große Siegesfeiern nach gewonnenen Schlachten und für Staatsempfänge anlässlich des iranischen Neujahrsfestes.

 

330 v. Chr. besetzte Alexander der Große Persepolis und im Zuge der Siegesfeier seiner Truppen ging die Stadt in Flammen auf. Geschah dies aus Leichtsinn und im Überschwang des Siegesrausches oder war es die Rache Alexanders für die Zerstörung der Athener Akropolis durch die Truppen des Xerxes? Die Historiker können sich diesbezüglich auf keine eindeutige Aussage festlegen und so wird Persepolis immer wieder Stoff für Mythen geben...

 

Xerxes auf seinem Thron, getragen von medischen Gardisten
Xerxes auf seinem Thron, getragen von medischen Gardisten

Das wieder ausgegrabene Persepolis unserer Tage (führende deutsche Archäologen waren für die Ausgrabungen verantwortlich) beeindruckt durch eine Anschaulichkeit und Überschaubarkeit seiner Anlage, mit vielen noch erhaltenen Details und einigen Palastabschnitten, die für jeden Historienfilm eine respektable Kulisse liefern würden. Dazu gehören das "Tor der Länder" mit seinen riesigen steinernen Stierfiguren, die "Halle der 100 Säulen", der Apadana-Palast, der Privatpalast des Darius und der Palast des Xerxes. Ausgesprochen beeindruckend sind auch die noch gut erhaltenen Felsreliefs oberhalb der Palastanlage, welche über den Grabkammern von Artaxerxes II. und III. prangen.

 

 

Wir tauchen tief ein in die Welt der Antike, so tief, dass der Abend uns fast überrascht. Ein wunderschöner Sonnenuntergang in den Ruinen von Persepolis ist der reiche Lohn für die vielen Schweißaubrüche und die Schwielen am Allerwertesten, die sich auf gut 6000 Kilometern gebildet haben...


Löwe schlägt Stier - Symbol für den Wechsel der Jahreszeiten
Löwe schlägt Stier - Symbol für den Wechsel der Jahreszeiten
Xerxes im Kampf mit einem riesigen Löwen
Xerxes im Kampf mit einem riesigen Löwen

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Di

13

Aug

2013

Drei Tage in Shiraz

Welcome, welcome, liebe Mitreisende!

 

So, wir haben die Lücken geschlossen. Die Reisetage 6.-10. August findet Ihr nun ebenfalls im Blog. Und Ihr seht an der heutigen Überschrift: Wir haben es uns gut gehen lassen. Aus zwei Nächten in Shiraz wurden derer vier. Zeit genug, um in Ruhe (sofern dieses Wort für diese Stadt zutreffen mag...) die wunderschöne Stadt der "Rosen und Nachtigallen, der Blumen und der Parks, der Moscheen und Märkte" anzuschauen. Man kann nicht nur immer essen, es gilt auch mal zu verdauen...

 

Und wir waren natürlich am eigentlichen Ziel unserer Reise: P E R S E P O L I S. Und zugegeben, wir sind noch völlig benommen und auf Wolken von dem gestrigen Ausflug in die Antike. Doch der Reihe nach...

 

 

Grab- und Gedenkstätte des Poeten Hafez (Hafis)

 

Grabmal des Dichters und Nationalhelden Hafez (auch: Hafis)
Grabmal des Dichters und Nationalhelden Hafez (auch: Hafis)
Grabstein des Poeten Hafez
Grabstein des Poeten Hafez

 

 

Unsere erste Station ist das Grab des berühmten Dichters Hafez (deutsch zumeist Hafis) am Ende des Bolvar-e Emam Khomeini, der zusammen mit dem Poeten Sa'di im gesamten Land und auch über die Grenzen des Iran hinaus bekannt ist. Hafis hieß mit richtigem Namen Muhammad Shamsuddin, wurde 1320 geboren und starb 1389 in Shiraz. Seinen Gedichtband "Diwan" kennt jeder Iraner und oft werden seine Seiten willkürlich geöffnet, um dann aus dem zufälligen getroffenen Vers die Zukunft zu deuten. Diesem Brauch folgen auch Versdeuter am Eingangstor zur Grabstätte und in den Gassen der Bazare, die den Passanten bunte Verszettel zustecken oder sie - wie wir auf dem Nomadenbazar selbst sahen - von einem Singvögelchen aus einem dicken Stapel "ziehen" lassen. Wenn man für diesen Dienst bezahlt, so hat der Versdeuter sicherlich nichts dagegen...

Die Gedichte des "Diwan" handeln von Anbetung und Liebe, klagen alle Kleingeister und Sektierer an. Dagegen preisen sie die Tiefe der menschlichen Seele und fordern die Menschen dazu auf, das Leben mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu empfinden. Erst dann könne man den wahren, tiefen Sinn des Daseins erfahren. Aus unserem Hafis-Bändchen mit Liebesgedichten haben wir für Euch weiter unten ein Verslein herausgegriffen, mit den besten Wünschen für Eure Zukunft sozusagen...

 

Hafis' Grab befindet sich in einem luftigen Pavillon und in einem äußerst gepflegten Park. Im Zentrum der Kuppel liegt leicht erhöht ein mächtiger Marmorstein, auf dem Verse des Dichters eingraviert sind. Die Iraner verweilen dort voller Ehrfurcht, berühren seinen Grabstein und rezitieren dabei Verse des Poeten. Hafis beeinflusste übrigens auch Wolfgang von Goethe, nachdem dieser sich intensiv mit dem Werk des großen Persers auseinandergesetzt hatte.

Wenn aus dem Becher des Ostens

der Sonnenschein sich ergießt,

entsprießen tausend Tulpen

dem Garten deines Gesichtes.

Wenn der Duft deiner Locken

sich in der Au entfaltet,

eilt der Wind herbei,

das Hyazinthensiegel zu brechen!

So ist die Kunde der Nacht, die

den Liebenden trennt von der Geliebten,

dass hundert Bücher nicht reichen,

ein Teilchen davon zu schildern!

 

Hafis

 


Mausoleum "Ali ebne hamze"

 

Mausoleum "Ali ebne hamze"
Mausoleum "Ali ebne hamze"

Die zweite Station führt uns zu einem Mausoleum eines Heiligen. Es ist die Grabstätte „Ali ebne hamze“, die im Innern mit Abertausenden von kleinen Spiegeln. Die Menschen kommen hierher, um zu beten und am Schrein des Heiligen Ali niederzuknieen. Männer und Frauen haben natürlich getrennte Eingänge und ich bekomme einen Chador umgehängt, bevor ich die heilige Stätte betreten darf. Im Innern kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus… Alle Gebetsräume, der Saal mit dem Schrein von Ali ebnem Hamse und das Innere der Kuppel sind mit tausenden von Spiegelchen ausgekleidet. Seht selbst!

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So

11

Aug

2013

Kurz vorm Ziel

Hotel Pars International - Shiraz (Iran)

Hotel Pars International, Shiraz
Hotel Pars International, Shiraz

Salam, liebe Freunde und Besucher unserer Website!

Wir hatten ein paar Tage Sendepause – kein Internetzugang und offen gesagt auch keine Restpower, um nach einem sehr anstrengenden und vor allem ermüdenden Tourentag abends noch was Sinnvolles in die Tastatur zu hacken…

Der Tripmaster unserer Bikes zeigt für die letzten vier Fahrtage 1550 km an und wir haben mit der Zweimillionenstadt Shiraz sozusagen das Vorzimmer unseres Reiseziels erreicht: Persepolis ist nur noch ca. 80 km entfernt, und wenn wir morgen in der Nähe des Ausgrabungsgeländes nochmals Quartier nehmen, um an der Wiege der Perser die Sonne untergehen zu lassen, werden wir fast genau 6000 km von zu Hause entfernt sein. Es ist der weiteste Punkt unserer Tour und selbst Alexander der Große, der Persepolis 322 v. Chr. eroberte, wäre sicherlich beeindruckt gewesen…

Begegnung kurz vor Chelgard
Begegnung kurz vor Chelgard
Schnell mal "Hallo" sagen - Bisotun, Kermanshah
Schnell mal "Hallo" sagen - Bisotun, Kermanshah

Eine große Sorge unterwegs gilt stets der Technik. Halten die Bikes, kommen die Motoren dauerhaft mit dem niederoktanigen Benzin (85 Oktan) zurecht, spinnt eine Blackbox, welche die Benzineinspritzung regelt, halten die schlauchlosen Reifen/Felgen den Luftdruck, bleiben wir von Reifenpannen verschont, wird das Profil der HEIDENAU-Enduroreifen die über 12000 km Distanz verkraften??? Viele Fragen, viele Ängste – doch bisher toi, toi, toi – dreimal über die Schulter gespuckt – es ist alles OK und bis auf ein paar lautstarke "Furze" aus Michaelas Auspuff vornehmlich dann, wenn die Route wieder mal zwischen 1800 und 2400 Metern Höhe verläuft, hat sich nichts Besorgniserregendes getan. Solltet Ihr mitlesen, lieber Timo von KTM und lieber Roland von BMW, dann sei Euch nochmals gedankt für die gründliche technische Betreuung unserer Reiserösser. Und Jochen Schanz von TOURATECH sei verraten, dass der neue Träger große Klasse ist. Zum Motorschutz gibt es sicherlich noch etwas zu bereden, doch das machen wir nach der Tour wie besprochen…

Kontraste unterwegs nach Shiraz
Kontraste unterwegs nach Shiraz

Zum dritten Mal auf dieser Reise haben wir einen Ruhetag eingelegt. Zu groß sind die physischen, aber vor allem auch die psychischen Belastungen „on the road“. Selbst auf kleineren Straßen und sogenannten Nebenstrecken ist es selten ruhig und einsam. Bleiben wir irgendwo am Straßenrand stehen oder machen gar an einer der unzähligen Buden und Baracken am Wegesrand Halt, um in der Hitze Wasser oder Istak zu tanken, sind wir sofort von Neugierigen umringt, die mit ihren Fragen unsere volle Aufmerksamkeit fordern. Das ist superspannend, man ist hautnah dran an den Menschen, wir lachen viel, haben mit unserer Kommunikation per Körpersprache und English-Farsi-Brocken unheimlich viel Spaß und praktizieren damit garantiert eine wesentlich effektivere „Völkerverständigung“, als dies die Politik je zu leisten imstande ist.

Die Mittagshitze lässt alles im Dunst versinken
Die Mittagshitze lässt alles im Dunst versinken
Welcome, welcome...
Welcome, welcome...

Iraner sind in ihrem Kontaktbedürfnis ein wenig wie „kleine Kinder“ bei uns – und bitte missversteht diese Formulierung nicht als arrogant oder überheblich. Die Menschen haben ein unwahrscheinlich starkes Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, an einem Ereignis aktiv teilzuhaben. Autos halten, Menschen springen heraus, drücken dir die Hand, „Welcome to Iran“, Handy raus, ein paar Erinnerungsfotos mit den Touristen. Dann werden schnell Freunde aus der Umgebung angerufen und es dauert keine fünf Minuten und die kommen dann per Moped oder Kleinmotorrad angedonnert und der Kreislauf beginnt von vorn. Im dichtesten Verkehrsgewühl fahren die Autofahrer fast auf Berührung an die Motorräder heran, Fahrer, Frau und Kinder lachen und winken aus dem Wageninneren und die wichtigste Frage lautet stets: „Where from?“. Wenn wir dann mit „Germany“ oder „Almani“ antworten, ernten wir ein zufriedenes und zugleich respektvolles Lachen und die Daumen gehen nach oben. Deutschland – das ist für die meisten Iraner DAS Traumland, ein Vorbild ohnegleichen.

Camping in einer "Rest Area" an der Landstraße
Camping in einer "Rest Area" an der Landstraße

Dieses absolut positive Bild hat natürlich auch seine Schattenseite: Hitler spukt immer noch in den Köpfen vieler Iraner herum und wir werden von Englisch sprechenden Einheimischen oft gefragt, wie wir zu Hitler stehen. Wir geben uns die allergrößte Mühe, um diesen Menschen klarzumachen, dass die Hitlerzeit ein schwarzes Kapitel unserer Geschichte ist, wohl wissend, dass vor allem ungebildeten Iranern Hitlers „Umgang mit den Juden“ sehr wohl gefällt… Eine Gratwanderung, die immer dann gelingt, wenn man einsichtig machen kann, dass in jener Zeit die Welt in Brand gesetzt wurde und viele Nationen unter dem Terror Hitlers zu leiden hatten.

Gib alles, Baby!
Gib alles, Baby!
Iranische Menschen - ein breites Spektrum
Iranische Menschen - ein breites Spektrum

Vor allem bei Kontakten mit gebildeteren, Englisch sprechenden Iranern ist man blitzschnell bei der Politik, und wir sind mehrfach verblüfft, wie offen, aber auch selbstkritisch dem eigenen Staat gegenüber die intellektuelleren Iraner sich ausdrücken. Die Wahl Rohanis wird allgemein als Fortschritt gesehen, da man sich mehr Öffnung und Toleranz verspricht, mehr Freiheiten für den Einzelnen, mehr wirtschaftliche und touristische Kontakte zu einem Westen, der sich nicht völlig auf die Seite Amerikas stellt. Zu den USA heißt es oft ganz kurz und knapp“ „We don’t habe a problem with America, the Americans have a problem with Iran.“ Gar nicht so schlecht als Kurzanalyse, oder?! Richtig übel nimmt man den Amerikanern die Allianz mit einem recht aggressiven Israel und die Drohfingerhaltung, mit der die USA allen Nationen vorschreiben wollen, wie man zu leben hat. Zu der Einsetzungsfeier Rohanis waren übrigens politische Vertreter aus über 70 Ländern geladen, darunter auch Europäer und Amerikaner. Die EU folgte der Einladung, die Amerikaner natürlich nicht! Schlechte Voraussetzungen für einen Neubeginn, möchte man meinen…

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Sa

10

Aug

2013

Über die Berge in die Stadt der Rosen und Nachtigallen

Borujen - Shiraz: 380 km

Auf dem Weg nach Yasuj
Auf dem Weg nach Yasuj

Borujens Höhenlage von 2200m beschert uns eine ruhige, schweißarme Nacht. Frühstück gibt’s auf dem Zimmer, und wir sind einmal mehr froh, die Basis-Campingausrüstung dabei zu haben – also auch einen guten Kaffeekocher. Eine Stunde später liegt der Gardan Halwai Pass vor den Vorderrädern, der erste von drei Hochgebirgspässen auf dem Weg nach Yasuj. Die Karte verspricht 2750m; übrig bleiben laut Höhenmesser des Garmin noch 2400, aber auch das ist beeindruckend genug. Vierspurig breit stürmt das Asphaltband mit nur wenigen Schwüngen auf die Passhöhe und man hat nicht jenen Berggipfel-erklimmen-Eindruck, den man aus heimischen Alpenregionen kennt. Es ist eher so, als würde man ein weiteres Plateau einer unendlich weiten Hochlandfläche erklimmen, denn kaum haben wir in Gandoman den Abzweig nach Yusuj im Rückspiegel, rennt die fortan auf zwei Fahrspuren reduzierte Straße erneut gegen den Berg an und verlangt von den Federelementen plötzlich Nehmerqualitäten.

Viehnomaden auf dem Weg nach Yasuj
Viehnomaden auf dem Weg nach Yasuj
Zwei Bekleidungsstile...
Zwei Bekleidungsstile...

Zwei Arten begegnen sich
Zwei Arten begegnen sich
Zwei Welten begegnen sich
Zwei Welten begegnen sich

Ein bucklig-holperiger Belag, tiefe Wellen mit Trampolineffekt, ein schmieriger, verdieselter Belag und tiefschwarz qualmende LKW, die wie überdimensionale Schnecken hoch beladen an der Steigung kleben. Die gelbe Landstraße 55 nach Yasuj entpuppt sich als Hauptverkehrsweg in den Süden des Landes und so schwimmen wir in einem nicht enden wollenden Verkehrsstrom durch eine ansonsten traumhaft schöne Hochgebirgslandschaft. Nach einem weiteren, wesentlich besser ausgebauten Passanstieg sind wir auf dem Dach des Zagros-Gebirges und gleiten an einem seiner höchsten Häupter vorüber: 4400m hinauf geht der Blick zu den schroffen Zacken des Kuh-e Dihar, und wenn man es nicht besser wüsste, so könnte man die Schuttflächen an seinen Flanken doch glattweg als Schneefelder deuten…

 

200 Kilometer und wir haben Yasuj erreicht; die Stadt pulsiert heftig um die Mittagszeit. Wie so oft können die Augen gar nicht alles aufnehmen, was sich am Straßenrand tut. In fast jedem Haus gibt es ein Geschäft, einen Laden, einen Kiosk, einen Snack, eine Autowerkstatt, einen Reifenhändler oder die allgegenwärtigen Auslagen und Stände von Obstverkäufern und Gemüsehändlern. Gegen ein Uhr ruft der Muezzin lautsprecherverstärkt zum Mittagsgebet. Atmosphärisches, vielfältiges, pures Leben in iranischen Städten. Wir geraten schließlich auf eine Art Umgehungsstraße und finden ganz ohne Fragen den Weg hinaus auf die Landstraße nach Shiraz.


Mächtige Felswände türmen sich auf
Mächtige Felswände türmen sich auf

Auf den folgenden 160 Kilometern ändert sich das Landschaftsbild gründlich und wir gennießen eine völlig neue Stimmung. In irgendeinem Buch haben wir gelesen, dass die Landschaft um Shiraz auch gern als „iranische Toskana“ bezeichnet wird – und es ist etwas dran an dieser gewagten Formulierung. Das Licht hat sich geändert, der fahle, oft trübe Dunst auf den heißen Streckenabschnitten ist einem angenehm blauen Himmel gewichen. Die Flanken der Berge tragen wieder grüne Büsche und niedrigstämmige Bäume, in den Tälern dehnen sich Obst- und Gemüsefelder und wir entdecken die berühmten Shiraz-Weintrauben auf den Holzkarren der Straßenverkäufer. Zu Zeiten des Shahs – also vor der Kulturrevolution Khomeinis – wurden diese Trauben noch zu Wein gekeltert. Doch seit 1979 gibt es den Shiraz als Wein nur noch im Ausland und die Früchte der heimischen Rebstöcke werden in seiner Heimat ausschließlich zu Traubensaft verarbeitet. Wer also in Deutschland den vollmundigen Shiraz-Wein genießen möchte, muss mit Importen aus Frankreich, Australien und Südafrika vorlieb nehmen.

Wir kommen mal wieder rechtzeitig zum Abendstau. Shiraz kocht, nein, brodelt! Was wollen die alle auf der Straße? Der Verkehrsstrom in iranischen Großstädten wird zwischen acht und zehn Uhr abends dermaßen dickflüssig, dass auf den mehrspurigen Stadtstraßen gar nichts mehr geht und Verkehrspolizisten eingreifen müssen. Dann wird eine Fahrtrichtung kurzerhand für 20 Minuten gesperrt, anschließend die nächste, usw. Steht man an einem der großen Kreisverkehre, in die der Verkehr aus mehreren Richtungen einmündet, kann man schon mal eine Weile warten. Die Kati und die Bayerin finden das ausgesprochen öde und protestieren vernehmlich mit sirrenden Lüftern. Doch woher soll bei über 40 Grad Kühlung kommen? Also Motor aus und sich in orientalischer Geduld üben… Dabei gilt das 1600m hoch gelegene Shiraz noch als ausgesprochen kühl. Wie wird es da wohl erst in der Wüstenstadt Yazd zugehen??? Klatschnass erreichen wir nach zwei Stunden Stau das Hotel Pars International. Ein Fünfsterne-Palast, der eigentlich gar nicht so recht zu uns und unserem Reisestil passt. Aber wir sind inzwischen dankbar, alle paar Tage eine Auszeit nehmen und auftanken zu können. Duschen, Wäsche waschen, klimatisierte Zimmer zum Erholen, gut schlafen, sich per Taxi in der Stadt bewegen und dabei leichte Kleidung tragen. Zudem stehen die Motorräder sicher in einer Tiefgarage und man muss die Reise nicht mit einer frisierten 125er fortsetzen, weil unten vor dem Hotel heimlich getauscht wurde.

Selbstverständlich hat das „Pars“ auch Internet. Und so habt Ihr, liebe Leser, auch etwas von unserem kleinen dekadenten Luxus… ;-)

Hier werden Fische verkauft
Hier werden Fische verkauft
Nomadenzelte direkt am Fluss Rud-e Faliyan
Nomadenzelte direkt am Fluss Rud-e Faliyan

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Fr

09

Aug

2013

Durch das Paradies des Zagros-Gebirges

Von Daran nach Borujen: 320 km

Nette Gesprächspartner aus dem Dorf Bu'in
Nette Gesprächspartner aus dem Dorf Bu'in
Alte Rial - als iranisches Geld noch etwas wert war...
Alte Rial - als iranisches Geld noch etwas wert war...

Könnt Ihr Euch das vorstellen? Um sieben (!) Uhr klopft jemand an unser Zeltgestänge und eine fröhliche Stimme ruft: „Hello. This is your friend from yesterday evening. I want to talk to you!“. Tatsächlich hatte ich einem der Zaungäste am Abend vorher versprochen, am nächsten Tag mit ihm zu reden – über Allah und die Welt sozusagen. Meine Antwort aus dem Zeltinneren erspare ich Euch; immerhin resultiert sie in der Vermutung unseres iranischen Besuchers: „I see, you are angry! Goodbye!“

Zwei Stunden später ist er wieder da – gemeinsam mit ein paar Freunden. Und – was soll ich sagen. Es sind die nettesten Menschen, die man sich vorstellen kann. Fremde kommen hier nur selten vorbei und die jungen Iraner sind ganz wild darauf, „echte“ Menschen aus Europa kennenzulernen und über unser Leben ausfragen zu können. Der junge Mann heißt Ali Zali , studiert „Mechanical engineering“, will eines Tages in einem europäischen Land arbeiten und hat erfreulich liberale und kritische Ansichten, was das Spannungsverhältnis von Islam und Gesellschaft anbelangt. Sein Freund ist beim Militär, wird derzeit an einer F14 Tomcat als Pilot ausgebildet (Tja, so etwas verkauften die USA an den Iran noch vor (!) der Kulturrevolution Khomeinis…) und würde am liebsten in Amerika fliegen lernen. Es dauert nicht lange, dann wird Michaela von zwei weiteren „modernen“ Iranern unter Beschlag genommen. Beides sind Ingenieure, haben als fanatische Biker bereits große Teile des Iran erradelt und träumen davon, eines Tages ein Auslandsvisum zu bekommen (teuer und langwierig für Iraner), um Europa kennenzulernen. Da scheint eine ganze Generation junger Iraner auf eine staatliche Öffnung zu warten. Welch eine Chance für eine moderate europäische Orientpolitik…

On the road again...
On the road again...
Völkerverständigung pur...
Völkerverständigung pur...
Touren auf fast 2000m Höhe...
Touren auf fast 2000m Höhe...

Ausgesprochen herzlich verläuft unser Abschied und Ali lässt es sich nicht nehmen, sich als Führer für Esfahan anzudienen. Wir sollen ihn anrufen, wenn wir aus der Wüstenstadt Yazd zurück sind. Wir könnten uns dann in Esfahan verabreden.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt, denn wir machen wenig Kilometer, weil uns ein wahres Paradies gefangen hält. Das Bergland von Shahr-e Kord im Westen Esfahans entpuppt sich als bisheriger landschaftlicher Höhepunkt unserer Tour. Flankiert von einem über 4000m hohen Gebirge, dessen höchster Gipfel Kuh-e Karbosh sein Haupt auf stolzen 4294m Höhe reckt, führt die Straße nach Chelgerd am Zayandeh Rud-Reservoir vorbei durch ein fruchtbares Flusstal mit spannenden Berg- und Felsflanken. Wir bleiben oft stehen, fotografieren, drehen kleine Videoclips, bummeln durchs Hochgebirge hinüber nach Farsan und beschließen am frühen Nachmittag kurzerhand, das Tagesziel Yasuj in 200 Kilometer Entfernung sausen zu lassen und im nahen Borujen ein Hotel zu suchen.

Quer durch das wunderschöne Zagros-Gebirge
Quer durch das wunderschöne Zagros-Gebirge

Eine gute Entscheidung, denn auf der Bergtour nach Yasuj wäre es Nacht geworden und nachts im Iran zu fahren, ist wenig vergnüglich. Das „H“ in unserer Karte stimmt. Borujen hat tatsächlich ein Hotel, eines mit null Sternen sozusagen. Vor den Toren der Stadt frage ich kurzerhand einen „Staupartner“, ob er uns hinführen kann und der junge Mann kurvt bereitwillig einmal rund um seine Heimatstadt. Ah ja, das ist also ein Hotel! Kein Hinweisschild in unserer Schrift, kein Symbol für eine Unterkunft, nichts! Alleine hätten wir die Herberge niemals gefunden. Dreißig Dollar will der Hotelwirt und eine iranische Pizza („hot“) gibt’s gleich gegenüber.

Völlig egal, dass man die Kopfkissenbezüge hier nur bei jedem dritten Gast wechselt… ;-)

Fruchtbares Flusstal im Zagros-Gebirge
Fruchtbares Flusstal im Zagros-Gebirge
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Do

08

Aug

2013

Vom "Berg der Götter" nach Daran

Kermanshah (Bisotun) - Bu'in (Daran): 440 km

Nach einer erholsamen Nacht geht es früh aus den Federn, um der größten Hitze zu entfliehen. Unsere Bikes rollen nur wenige Kilometer nach Bisotun, um dort dem „Berg der Götter“ einen Besuch abzustatten. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt, denn noch hält sich die Hitze ein wenig zurück.

In eine gut hundert Meter hohe Felswand wurden drei riesige Reliefflächen gehauen, um wichtige Stationen des König Darius (522-486 v. Chr) darzustellen. Das kleinere dieser Reliefs zeigt eine Huldigungsszene für den Herrscher Mithridates II., eine weitere, fast 200 Meter breite Fläche ist unvollendet und das am höchsten gelegene Darius-Relief hat man - wohl schon lange Zeit -eingerüstet, um Reparaturen durchzuführen. Große Enttäuschung: Das gesamte Relief ist durch das Gerüst verdeckt und nichts (!) ist zu erblicken. Glaubt man dem Reiseführer, so wurde dort der Machtantritt des Darius in den Fels gehauen und in altpersischer Keilschrift wird seine Geschichte erzählt. Wirklich schade, das war ein Metzgersgang… Gegenüber der Felswand findet man noch einen Quellteich und eine relativ gut erhaltene Karawanserei, die jedoch ebenfalls nicht geöffnet ist. Wir schwitzen uns zurück zu den Bikes, wo sich inzwischen eine kleine Menschenmenge versammelt hat, die uns zum Tee einladen, fotografieren oder einfach nur herzlich verabschieden will. Inzwischen schlägt die Hitze gnadenlos zu und wir sind froh, auf den Anlasser drücken und die Bikes in den noch leicht kühlenden Fahrtwind lenken zu können. Ziel soll heute Daran sein. Es gilt also, runde 400km weiter südlich ins Zagros-Gebirge vorzustoßen.

Auf unserer Landkarte ist die Route nach Khorramabad gelb eingezeichnet, müsste also eine Nebenstrecke sein. Der Zustand des Asphalts bestätigt unsere Vermutung, doch was sich verkehrsmäßig auf dem relativ breiten Asphaltband abspielt, passt eher zu einer Hauptschlagader. Ein nicht enden wollender Strom von LKW und Gemüse-Pickups quält sich den 2000m hohen Pass zu den Höhen des Zagros-Gebirges empor und lässt uns ausgiebig Diesel atmen. Das Taschentuch am Abend wird wieder schwarzgrau sein… Einmal oben angekommen, verläuft die Route in 1800 bis 2000 Metern Höhe und bietet panoramahafte Ausblicke auf den 3638m hohen Kuh-e Garri und seine kleineren Brüder. Das Bordthermometer der KTM bescheinigt dem Fahrtwind lockere 41 Grad und bei der Ankunft in Khorramabad kocht der Asphalt. Besonderen Spaß machen in so einer Situation die verkehrsberuhigenden Asphaltrampen quer über die Straße, die einen jedes Mal hochkatapultieren oder dermaßen heftig runterbremsen, dass das ABS zu stottern beginnt. Immerhin finden wir den besten Bäcker Khorramabads, litern mal wieder Istak und gehen im Anschluss mit frischen Kräften den gut ausgebauten Chariveli Shah-Pass an, der im Direktangriff die Passhöhe in 2200m erstürmt. Die Höhe bringt Abkühlung, und bei angenehmen 32 Grad gleiten wir auf einer Hochfläche nach Aligudarz.

Es ist schon spät am Nachmittag, als uns bei Chaman Soltan eine Polizeisperre stoppt und die Pässe verlangt. Immer wieder mit Genuss zu beobachten, wie die Augen der Gesetzeshüter zu kullern beginnen, wenn Michaela den Helm abnimmt und es ihnen allmählich dämmert, dass der kleine Mann eine Madame ist. Plötzlich hält ein alter Peugeot neben uns und es tönt fröhlich „Grüß Gott!“ aus dem Wagen. Sandra und Ingo haben unsere Kennzeichen auf der Gegenfahrbahn entdeckt und sind umgekehrt, um Hallo zu sagen. Die zwei kommen aus Indien und Pakistan zurück und sind nach einer viereinhalbmonatigen Reise nun auf dem Rückweg in die Heimat Schwäbisch Gmünd. Ja, plötzlich ist es da, so ein kleines bisschen Heimweh, vor allem nach Menschen, die deine Sprache sprechen… In Daran seien alle Hotels ausgebucht, verraten uns die beiden, und so ziehen wir ein paar Kilometer später bei hereinbrechender Dunkelheit die Reißleine. Neben der Landstraße taucht in der Nähe des Dorfes Bu’in eine „Rest Area“ auf, mit einem gepflegten Rasenstück, auf dem man sicherlich ein Zelt aufstellen darf. Wir versorgen uns an einer Tankstelle noch mit frischem Wasser und stecken kurz darauf die Zeltstangen zusammen. R u h e! Muss ich weitererzählen? Beim Abladen der Bikes „helfen“ 5 Menschen, den Zeltaufbau beobachten zehn und unsere provisorischen Kochkünste finden an die zwanzig Bewunderer. Die ganze Nacht über röhren die LKW. Doch keine Bange, wir bekommen letztlich doch noch unseren Schlaf - Oropax sei Dank!!

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Mi

07

Aug

2013

Ein Ruhetag in Kermanshah

Aktuelle Manteau-Mode in Kermanshah
Aktuelle Manteau-Mode in Kermanshah

Wir genießen die Ruhe in dem schönen Hotel Jamshid. Vor allem wollen wir waschen, den Blog pflegen und natürlich die im Reiseführer angepriesenen Felsreliefs Taq-e-Bostans besuchen. Glücklicherweise liegt unser Hotel direkt nebenan und wir können die Ausgrabung fußläufig erreichen. Die Felsgrotten mit den in Stein gehauenen Reliefs stammen aus sassanidischer Zeit und zeigen die Investitur der damals herrschenden Könige sowie Szenen einer Königsjagd. Die gesamte Anlage ist durchaus beeindruckend, so auch der Eintrittspreis für iranische Verhältnisse. Vier Euro pro Nase sind für Durchschnitts-Iraner fast unerschwinglich, wenn man bedenkt, dass man dafür ein komplettes Abendessen bekommt.

Nachts ist jeder unterwegs
Nachts ist jeder unterwegs

Gegen Abend mieten wir eines der obligatorischen gelben Taxis und nennen dem Fahrer das Zauberwort „Bazar“. Dieser liegt 9km Luftlinie von unserem Hotel im Stadtzentrum entfernt. Luftlinie wohlgemerkt! Weiß der Himmel, was der Fahrer verstanden hat oder vielleicht haben will (?). Auf jeden Fall fahren wir am Haupteingang des Bazars vorbei, umkreisen fast das gesamte Stadtzentrum und landen schließlich in einem dicken Stau. Unsere nervösen Fragen nach einem Stopp überhört der Fahrer geflissentlich und erst als wir massiv intervenieren, geht er rechts ran und entlässt uns aus seinem Gefährt. Der Preis: 100.000 Rial (ca. 2 Euro) für eine Dreiviertelstunde Taxifahrt. Wer will sich da ernsthaft beschweren…

Hello, my friend!
Hello, my friend!
Auf dem Bazar von Kermanshah
Auf dem Bazar von Kermanshah

Der Fußweg zurück zum Bazar wird zu einem Fest für die Sinne und wir kommen ein weiteres Mal nicht aus dem Staunen heraus. Unsere Entdeckungstour durch den gedeckten, gassenreichen Markt zeigt die gesamte Vielfalt der orientalischen Handels- und Geschäftswelt: Haushalts- und Lederwaren, Stoffe und Tuche, Kleidung, Schmuck und Sonnenbrillen, Parfüm und Seifen, sämtliche Artikel des täglichen Bedarfs, Obst und Gemüse, Gewürze und Kräuter. Und zum Schluss bewundern wir noch die hübsch dekorierten Schafsköpfe in der Metzgersstraße. Mit einem farbigen Karussell im Kopf beschließen wir diesen Abend im Hotelrestaurant und entspannen dort auf einem der landestypischen Diwane, die man auch in Wasserpfeifenrestaurants findet. Morgen warten wieder über 400 harte Landstraßenkilometer auf uns. Bis Persepolis ist es noch weit und die Schwielen am Hintern werden wohl noch größer werden…

Nüsse und Pistazien
Nüsse und Pistazien
Pudergezuckerte Feigen
Pudergezuckerte Feigen

Salam und gute Nacht, Freunde, und danke fürs Mitreisen. Einen besonderen Dank an Thomas Spahr, Stefan, Manfred und Hossein für Eure netten Kommentar zum Blog und an Uwe (?), der uns auch schon auf anderen Reisen begleitete und sicherlich wieder mit dabei ist. Es ist schön zu wissen, dass unsere Arbeit Freude bereitet und Euch gefällt. Klickt wieder rein auf www.starapower.de/aktuelles. In‘ shallah…

Schade, dass nichts mehr in die Aluboxen passt...
Schade, dass nichts mehr in die Aluboxen passt...
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Di

06

Aug

2013

Vom Thron des Salomon nach Kermanshah

Takht-e Soleyman - Kermanshah: 415 km

Blick auf Soleyman's Prison
Blick auf Soleyman's Prison

Michel macht am Morgen Kaffee. Wie man sich an kleinen Dingen doch freuen kann… Beim Packen kommen wir mit dem Campingplatzwärter Azud und seiner Mutter ins Gespräch. Beide sprechen Englisch; sie ist Grundschullehrerin in Orumiyeh und er arbeitet dort als Ingenieur bei einer Baufirma. Die Verwaltung des Campinggeländes gehört zu ihrem Holiday und ist zugleich die Möglichkeit, dem schwer behinderten Bruder ein wenig Abwechslung zu bieten. Wenn Azud abends mit seinem Pferd über das Gelände galoppiert, dann leuchten die Augen des Mannes und wir begreifen, dass diese Abwechslung wohl zugleich auch sein eigenes starkes Bedürfnis ist.

Auf das ärmliche Leben der Menschen in den Dörfern am Fuße des 3285m hohen Kuh-e Baradar-e Shah hin angesprochen, folgt eine verblüffend einfache Interpretation des Großstädters: Die Menschen hier oben seien ja mit dem Wenigen zufrieden: ein paar Schafe, Ziegen und Kühe, eine Hütte, ein kleines Motorrad, mit dem man durch die Gegend brausen kann. Die meisten wollten sich gar nicht verändern oder etwas Neues beginnen. Sie könnten ja schließlich fortgehen, in die Stadt zum Beispiel, wie er und seine Familie, um dort zu arbeiten. Schon oft haben diese Erfahrung gemacht: In armen Ländern mit harten sozialen Kontrasten blüht nicht gerade Empathie und das Gefühl sozialer Verantwortung. Das tägliche Leben lehrt: „Du musst dich durchbeißen, und wenn du nichts tust, bist du selber schuld!“

Takh-e Soleyman - Der Thron des Salomon
Takh-e Soleyman - Der Thron des Salomon

Leider steht die Sonne schon wieder viel zu hoch, als wir am Thron des Salomon ankommen. Die achämenidische Feuertempelanlage Takht-e Soleyman aus dem 5. Jhd. n. Chr. ist sowohl in ihrem Ausmaß als auch vom Zustand der Ausgrabung her ein beeindruckender Stoff für historisch Interessierte. Hinter einer geschlossenen Wehrmauer befinden sich die Grundmauern und Rudimente mehrerer Feuertempel und Wohnpaläste sowie ein von einer unterirdischen Quelle gespeister 65 Meter tiefer See. Die Anlage wurde als Kultstätte und später als Jagdresidenz mongolischer Herrscher genutzt und gehört als eine der Top-Sehenswürdigkeiten des Iran zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir versuchen, das Beste aus dem harten Vormittagslicht zu machen; man kann leider nicht bei jeder Sehenswürdigkeit auf das beste Fotolicht des Morgens oder Spätnachmittags warten…

Manuelle Navigation...
Manuelle Navigation...

Wir wollen „noch schnell“ bei der berühmten Karaftu-Höhle vorbeischauen. Es sind nur drei Zentimeter auf der 1,5 Mio.-Karte und einmal mehr verrechnen wir uns gewaltig; sengende Hitze auf dem Weg nach Takab, staubige Schotterstraßen hinüber nach Baba Ali, Kompassnavigation mit entsprechenden Irrtümern, weil wir wieder einmal die Straßenschilder in Farsi nicht lesen können. Mit der Behelfsskizze eines freundlichen Truckers (siehe Bild) finden wir schließlich zur Straße nach Karimabad und auf halbem Weg die imposante Felsenlandschaft von Karaftu. Ticketschalter und Parkplatzgelände sind leider verwaist. Der Zutritt zu einer mehrere hundert Meter in den Fels hineinführenden Höhlenwelt bleibt uns verwehrt und wir fahren ein wenig frustriert zurück auf die Hauptroute nach Divanderreh. Es kann nicht alles gelingen, und Allah wird schon gewusst haben, warum er uns ohne weiteren Zeitverlust auf den über 400 Kilometer weiten Weg nach Kermanshah schickt. In shallah – wir müssen noch lernen, mit der Weite dieses Landes richtig umzugehen.

Hinter der Wehrmauer waren Feuertempel und Paläste
Hinter der Wehrmauer waren Feuertempel und Paläste
Endlose Weiten
Endlose Weiten
Sassanidischer Quellsee im Inneren von Takht-e Sotleyman
Sassanidischer Quellsee im Inneren von Takht-e Sotleyman

Zwischen Divanderreh und Kermanshah ist Endurofahren angesagt. Abwechslungs- und kurvenreich schwingt die Landstraße über mehrere Bergpässe durch ein vornehmlich von Kurden besiedeltes Land. Weite, zumeist bereits abgeerntete Kornfelder, blanke, gelbbraune Busenberge, dazwischen Feuchtstellen in den Bergfalten mit grünen Pappeln und landwirtschaftlichen Oasen. Hinter dem nervigen Sarandaj verläuft die vielbefahrene Landstraße 21 in einer Modelllandschaft: ein breites Flusstal mit fruchtbaren, teils mittels Bewässerung bewirtschafteten Feldern und Obstplantagen öffnet seine Arme. Am Straßenrand stehen die provisorischen Hütten von Obsthändlern und in der Sonne leuchten Äpfel, Pfirsiche, Melonen und Tomaten. Ab Kamyaran wird es immer heißer. Das Bordthermometer zeigt über 40 Grad im Fahrtwind und wir trocknen zunehmend aus. In den Pausen schneuzen wir blutig ins Taschentuch und können gar nicht so viel trinken, wie wir unter den Jacken schwitzen und ausdünsten. Richtung Kermanshah macht die Straße mächtig Höhenmeter, und obwohl die Route fortan auf guten 1400 Metern verläuft, versinken die bis zu 3000 Meter hohen Berge im gelben Dunst der Nachmittagshitze.

Blick auf Takh-e Soleyman
Blick auf Takh-e Soleyman

Mit der Ankunft in der beinahe Millionenstadt Kermanshah lernen wir zum zweiten Mal auf dieser Reise, was „Rush hour“ auf iranisch bedeutet. Jede Wette, dass nach der ersten halben Staustunde kein einziges trockenes Kleidungsstück mehr auf unserer Haut „klebt“. Michaela hat als GPS-Wegepunkt das Hotel Jamshid eingespeist und ehrlich, ich bin froh, wenigstens diesen Leitfaden im megadichten „Stop `n‘ go“ zu haben. Schaffen wir das ohne Karambolage? Von rechts, von links – überall drücken sie rein, drängen dich zur Seite, besser gesagt, man ist viel zu gut erzogen, um bei diesem Kampf um jeden Meter Straße aktiv mitzumachen… Die Motoren kochen, das Gebläse der KTM kämpft gegen über 100 Grad Öltemperatur, die Sitzbank ist schweineheiß von der Ausstrahlung des hinteren Zylinders. Um Nachwuchs brauche ich mir jedenfalls keine Gedanken mehr zu machen… ;-)

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Mo

05

Aug

2013

Auf zum Thron des Salomon

Orumiyeh-Takht-e-Soleyman: 325 km

Abschied von Hosseins Familie
Abschied von Hosseins Familie

Endlich rollen die beiden Bikes, befreit vom Verkehrsgewühl, in Richtung Süden. Linkerhand freier Blick auf den Orumiyeh-See, bei dem jedoch von Wasser weit und breit keine Spur mehr ist. Hatten wir noch vor zwei Jahren geglaubt, dass sich die Verlandung weitgehend auf die Uferzonen des Sees beschränkt, so wird auf der Fahrt entlang des Westufers deutlich, dass dieser "See" eine endlose, in der Sonne flimmernde Salzwiese ist. Erneut machen wir Bekanntschaft mit dem iranischen Verständnis von Reisen auf ausgebauten Schnellstraßen. Hinein ins Auto, wenigstens vier Personen mitnehmen, der obligatorische Schal der Frauen wird als Sonnenschutz in die Seitenfensterscheiben eingeklemmt und dann aber kräftig aufs Gaspedal gedrückt. Nachgeben? Gibt´s nicht. Bremsen auch nicht. Und Licht in der Dunkelheit schon gar nicht. Lustigerweise werden wir stets angeblinkt, weil wir selbstverständlich in der Dämmerung mit Licht fahren. Wie kann man aber auch! So donnern die LKW an uns vorbei, während wir mit unserer Reisegeschwindigkeit zwischen 80 und 90 km/h die gigantische Berglandschaft in uns aufsaugen. Sand-, ocker- und braunrote Busen, Hunderte von Metern hoch, abgerundete Hügel und fruchtbare Flusstäler. Dazwischen schneist die Straße nach Mahabad. Allzusehr ins Träumen kommen sollte man dabei allerdings nicht. Nähert man sich einer Stadt, haben die Stadtplaner federbeintötende Bauelemente in Form von Speed-Ramps eingebaut, die den Verkehr jedes Mal verknoten und zum Stillstand bringen. Richtungsschilder? Fehlanzeige! Und so fragt sich Udo als Scout erfolgreich durch jede größere Stadt.

Gut bewacht...
Gut bewacht...

Takht-e-Suleyman heißt das Tagesziel. Wir halten uns östlich Richtung Miyandobad, um endlich auf einer Straße zweiter Ordnung ein wenig Ruhe zu finden. Die Hitze ist gnadenlos und wir sind mehrfach derart nassgeschwitzt, dass wir in den Pausen das Shirt wechseln. Nur der Fahrtwind gibt ein wenig Erleichterung. Unsere Pausen sind erholsam, zugleich anstrengend, aber vor allem interessant und haben folgenden Abauf: Die Bikes lümmeln auf dem Seitenständer vor einem Laden mit Getränken, die wir wegen des Ramazan (auch "Ramadan") nur "indoor" zu uns nehmen dürfen. Sogleich springen mindestens drei iranische Männer aus ihren Autos und rufen per Handy zehn weitere herbei. Dazu gesellen sich vier Mopedfahrer und diverse Trucker, und am Ende sind wir von 30 aufgeregt gestikulierenden, dunkelhaarigen und -häutigen Männern mit Glutaugen umgeben, die uns auf Farsi befragen. Natürlich dürfen die obligatorischen Bilder mit der Handykamera von uns und vor allem von den Motorrädern nicht fehlen. Oft bekommen wir noch eine Flasche Wasser mit auf den Weg und werden herzlich verabschiedet.

Unter Persern...
Unter Persern...

Die Route nach Hasanabad klettert auf gute 2000 Höhenmeter hinauf und tangiert bettelarme Bergdörfer. Die meisten Lehmhäuser sind zerfallen, halb eingestürzt oder haben zumindest grobe Risse. Staubige Dorfstraßen mit metertiefen Löchern und ausgewaschenen Rinnen sind Verkehrswege für Bauernjungen mit ihren Kühen, Hirten mit Schafherden, Traktoren und Heuwagen. Die Luft flimmert in der Hitze so stark, dass die 3000 Meter hohen Berge am Horizont ihre Farbe verlieren und nur noch schemenhaft erahnbar sind. Als die Sonne endlich ihr Haupt hinter dem Grenzgebirge zum Irak versenkt, erreichen wir mit dem letzten Licht des Tages unser Ziel. Das Tal von Takht-e-Soleyman, der "Thron des Salomon", liegt auf einer Trennlinie zwischen zwei Gebirgszügen mit erheblicher vulkanischer Aktivität, wovon eine Reihe unterirdischer warmer Quellen zeugt. Den Beweis dafür liefert eine iranische Campinganlage unweit eines Bergkegels mit dem Namen "Gefängnis des Salomon", denn dort haben wir die Ehre, in einem kleinen Thermalbecken unsere müden Muskeln durchzuwärmen. Der Campingplatzwärter hält in einer Hütte sogar noch ein unmöbliertes Zimmer für uns bereit, und in der Küche der Familie kommt unser Gaskocher zu Ehren. Eine angenehm kühle Nacht sorgt für die nötige Erholung. -

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So

04

Aug

2013

Iranische Gastfreundschaft

Ein Ruhetag in Orumiyeh

Familie Sheykhlou in Urmia
Familie Sheykhlou in Urmia

Wir wollen von Hossein erzählen, von dem 22jährigen jungen Iraner, den Michaela in Facebook aufgestöbert hat, weil er dort sein "Biker Guesthouse" anpreist und alle seine Gäste in einer Art Fototagebuch veröffentlicht. Hosseins Familie bewohnt im Zentrum der Salzseestadt Urmia ein kleines Haus in einer Altstadtgasse, besser gesagt eine Haushälfte mit zwei Zimmern. Im größeren ist noch eine Küchenzeile integriert und in einer Art Schuppen im Hof lagern ein paar Vorräte, Werkzeuge, Möbelstücke und Ersatzkleidung - eben alles, was nicht mehr ins Haus passt. Im kleineren Zimmer wohnt Hossein mit seinem kleinen Bruder Araz; geschlafen wird ansonsten im Wohnzimmer auf dem Sofa und auf dem Teppich. Empfängt Hossein seine internationalen Bikergäste, so räumt er das kleine Zimmer und die ganze Familie schläft nebenan - die Tochter Narges in der Küchenzeile...

Man braucht eine Weile, um zu begreifen, wie das so läuft und warum das "Guesthouse" für die gesamte Familie so wichtig ist. Mehr Einkunftsquellen gibt es nicht... Die einzigen wirklichen Wertgegenstände im Haus sind der Fernseher der Familie, der für Mutter Hajar wie ein Fenster in die Welt ist, das Notebook und die Kamera Hosseins sowie ein alter Saipa (iranische Automarke) und Hosseins 220er Duke, mit der er seine Gäste zuweilen als Tourguide bis tief in den Iran hinein begleitet.

Die Gastfreundschaft der Familie Sheykhlou ist überwätigend und beschämend zugleich. Mein Gott, wie gehen wir in unserem reichen Land oft mit Fremden um? Warmherzig und vorbehaltlos, vertrauensvoll und unkompliziert, tolerant und allem Fremden gegenüber neugierig und offen - es braucht nur einen Tag, und wir haben diese lieben Menschen tief in unser Herz geschlossen.

Gemeinsam besuchen wir den Bazar Orumiyehs, kaufen für Tochter Narges und Mutter Hajar als kleines "Merci" ein schönes Kopftuch, gehen gemeinsam essen und verbringen einen milden Abend im Park Orumiyehs auf einer Picknickdecke. Für den quicklebendigen Wildfang Araz ist es das Größte, mal hinten auf der KTM eine Runde zu drehen und abends mit mir Fußball zu spielen. Narges und Hajar haben Michaela ins Herz geschlossen und Vater Abbas freut sich über alle Maßen, dass er abends mit den Bikern ausgehen darf...

Als wir Abschied nehmen, kullern bei Narges die Tränen und die ganz Familie lässt es sich nicht nehmen, uns bis an die Ausfallstraße nach Mahabad hinaus zu begleiten. Natürlich versprechen wir, wiederzukommen - vielleicht auf der Rückfahrt oder eben in einem anderen Jahr. Und wir werden "Hosseins Guesthouse" in den einschlägigen Medien und im Internet publizieren, denn einen besseren Einstieg in eine Reise in den Iran kann sich kein Tourenfahrer wünschen...

 

 

Hossein's Biker Guesthouse

Hossein Sheykhlou

Urmia

Madani 1 Street

Alley 8 Number 175

IRAN

Phone: 0098-9143 47 46 53

GPS: N37°33.590' // E045°04.496'

"Hossein's Biker Guesthouse"
"Hossein's Biker Guesthouse"

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Sa

03

Aug

2013

Grenzwertige Geschichten

Doğubayazıt – Orumiyeh (Iran): 360 km

Palast Ishak Pasha Sarayi
Palast Ishak Pasha Sarayi

Grenzstation Gürbulak/Bazargan. Wir kommen gegen 11 Uhr am Schlagbaum an, vorbei an zwei-, dreihundert wartenden Trucks, die vielleicht noch in diesem Leben abgefertigt werden. Unglaublich, was man den Truckern in der Hitze zumutet. Die Türken lassen uns ohne lange Diskussionen passieren und nach den Erfahrungen von vor zwei Jahren, als man uns über fünf Stunden auf die Einreisestempel warten ließ, genießen wir dieses Erlebnis. Allaha ismaladik – auf Wiedersehen in 14 Tagen…

 

Die iranische Grenzgeschichte beginnt eigentlich ganz gut: Eine zuvorkommende, sehr höfliche und dazu noch bildhübsche (Pardon, Michel!) Kommissarin regelt die Einreiseformalitäten, während einer jener berüchtigten Helfer sich um die Stempel in unseren Reisepässen kümmert. Dafür will er unverschämte 50 Euro, wir protestieren, machen einen auf sauer bis zornig und schließlich einigen wir uns auf 20 Euro „tip“. Ein seltsamer Filz, denn die „Helper“ werden an der Grenzstation akzeptiert, ja, man empfiehlt uns sogar noch einen der Herren für einen Geldwechsel. Auf privater Basis, versteht sich, denn der offizielle Kurs der Banken ist um vieles schlechter und beim privaten Tausch ist dann sogar noch eine fette Provision für die Helfer drin. Wir wollten besonders pfiffig sein und haben uns für den Iran kurz vor der Fahrt eine Tauschtabelle ausgedruckt, die wir nun dem Geldtauscher unter die Nase halten – als Warnung sozusagen. Er tauscht bereitwillig zu dem von uns vorgeschlagenen Kurs, zieht seine 10% Provision ab, und wir sind zufrieden, einmal nicht über den Tisch gezogen worden zu sein. Erst am nächsten Tag erfahren wir, dass der iranische Rial gegenüber dem Euro nochmals um 20 Prozent gefallen ist – in nur einer Woche! Kein Wunder grinst der Geldtauscher nach dem Deal so zufrieden…

Noch 32 Kilometer bis zum Iran...
Noch 32 Kilometer bis zum Iran...

Richtig ärgerlich wird’s in der zweiten Baracke beim Zoll. Unsere Carnets de Passage bekommen zwar anstandslos die nötigen Stempel für die Bike-Einfuhr, doch dann geht’s um die Haftpflichtversicherung für die Motorräder. Direkt neben dem letzten Schlagbaum steht das Gebäude der „Iran Insurance“ und man weiß schon beim Hineingehen, dass man gleich beschissen wird. Die Frage ist nur noch, in welcher Höhe. Die Kommunikation mit dem Versicherungsmann klappt erneut nur mit einem „Helper“ und was die beiden Knaben da verkuddeln, mündet in satten 130 Euro für zwei Motorräder. Für ein Jahr, versteht sich, weil wir ja schließlich im Iran Wurzeln schlagen wollen. Aber was willste machen? Du ölst auf deinem Stuhl vor dich hin, willst endlich raus aus dieser Sch…grenzstation, und wenn es draußen knallt und man kann gegenüber der Polizei keine iranische Versicherungskarte vorweisen, dann lochen sie einen erstmal ein und man darf den gesamten Schaden „cash“ bezahlen. OK, ich unterschreibe und schlucke den Ärger herunter. In Orumiyeh sagt mir Hossein, in dessen Guesthouse wir übernachten, dass man für Bikes ca. 20 – 25 Euro Versicherungssumme bezahlen muss. Er fährt für seine Gäste teilweise extra an die Grenzstation Esendere, um die Verhandlungen zu führen… Egal! Wir denken zum Ausgleich an die bodentiefen Benzinpreise in unserem Reiseland, denn nach spätestens 2-3 Tankfüllungen haben wir den Verlust wieder drin.

 

Benzin kostet für Touristen 7000 Rial pro Liter; das sind 16 Cent. Hallo, Herr Ramsauer, mal genau herhören!!! Iraner zahlen übrigens nur 4000 Rial; allerdings gilt dieser Preis für maximal 60 Liter im Monat. Wäre doch auch mal eine gute Idee, Herr Ramsauer – so’n kleiner Heimvorteil! Sonst seid ihr Bayern doch immer so patriotisch drauf…

 

 

Nach zweieinhalb Stunden gehört uns wieder die Landstraße. In Maku füllen wir erst einmal unseren inneren Tank auf. Ade Efes, willkommen Istak! Ein erfrischendes Malzgetränk, das es im ganzen Iran in diversen Geschmackrichtungen gibt. „Lemon“ und „Peach“ sind unsere Favoriten und natürlich dürfen wir nur im Laden trinken. Schließlich ist Ramazan und wer will da schon blöd auffallen..? Als wir weiterfahren wollen, ist Michels Endurobrille weg. Was ist das denn? Bisher konnte man im Iran den Zündschlüssel steckenlassen. Werden hier denn keine Hände mehr … okay, das ist geschmacklos! Bis nach Margan kommt jedenfalls nichts mehr aus den Helmlautspechern; nur gut, dass wir alles Wichtige doppelt und dreifach dabei haben…

Welcome in Iran...
Welcome in Iran...
Nach Teheran sind es 800km...
Nach Teheran sind es 800km...

Die Fahrt über Qara Ziya‘ Eddin und Ev Oughli nach Khoy ist eine wunderschöne Einstimmung auf den Iran. Die Ausläufer des Grenzgebirges zur Türkei setzen dem fruchtbaren Flusstal des Zamur Chay einen würdigen Hintergrund und schaffen im weicher werdenden Licht der Nachmittagssonne einen goldbraunen Rahmen, der einen fast beseelt dahingleiten lässt. Bis nach Salmas haben wir noch Tageslicht, dann heißt es, die restlichen 100 Kilometer bis Orumiyeh (Urmia) in der schlagartig vom Himmel fallenden Dunkelheit zurückzulegen. Genau das hatten wir eigentlich vermeiden wollen, aber in Urmia wartet Hossein in seinem „Biker Guesthouse“ – und dieser motorradbegeisterten Facebook-Bekanntschaft wollen wir endlich ein lebendiges Gesicht verleihen. Bei der Ankunft in Urmia bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack von dem, was uns verkehrstechnisch in iranischen Städten erwarten wird. Freunde, vergesst alles, was ihr über Verkehrsregeln noch im Kopf habt. Druff und durch! Wer bremst, hat verloren und wird gnadenlos abgedrängt. Ich verliere Michaela mehrfach im Verkehrsgewühl und wir sind einmal mehr froh, uns wenigstens über die Helmsprechanlage durchlotsen zu können. Zum ersten Mal macht sich die Iran-Karte im Navi bezahlt. Landstraßen-Routing ist nicht ihre Stärke, doch zum Auffinden von eingeplotteten Waypoints scheint sie zu taugen. Wir finden schließlich Hosseins Adresse und erreichen ihn per Telefon. Die Menschenmenge am Straßenrand rund um unsere Motorräder dürfte bis zu seiner Ankunft das halbe Hundert erreicht haben. Neugier ist eine ganz große Stärke vor allem junger Iraner: „Da stehen welche, na, da halt ich doch mal an!“ Charmant und etwas nervig zugleich, je nachdem, aus welchem Grund man stehengeblieben ist…

 

 

Hossein und seine Familie sind ein Volltreffer. Doch dazu morgen mehr – wir sind hungrig und alles in allem auch ziemlich müde… Am Abend laden wir die Familie zum Kebap in ein schönes, stimmungsvoll illuminiertes Gartenrestaurant ein. Wir zahlen 14 Euro – für Essen und Getränke… Die nächtliche Heimfahrt durch Orumiyeh zeigt noch etwas Sympathisches: Iraner mögen Farben und Licht – und das spricht doch für eine durch und durch positive Lebenseinstellung. -

 


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Fr

02

Aug

2013

Türkei Transit 4

Tercan - Dogubayazit (Ishak Pasha Sarayi)

The long way east...
The long way east...

In Tercan lässt es sich gut leben. Angenehm kühle 20 Grad am Morgen und ein blitzblauer Himmel begleitet uns auf unserer Weiterfahrt. Wir erfreuen uns an der grandiosen Bergwelt, die sich zum Osten hin öffnet. Und wieder einmal sind wir in der endlosen Weite der Osttürkei angekommen, die uns jedes Mal aufs Neue fasziniert. Nach Doğubayazıt soll es heute gehen und wir wollen uns beim Palast Ishak Pasha Sarayı angemessen vom Ararat verabschieden. Das Montana-Navi zeigt für den heutigen Tag angenehme 390km und unsere Hinterteile freuen sich ganz besonders über diese milde Aussicht. Kurz hinter Erzurum erwarten uns ganz besondere Momente. In Pasinler ist Wochenmarkt. Als wir die Motorräder am Straßenrand parken, dauert es keine zwei Minuten und wir sind von Kindern, jungen und alten Männern umringt. Udo vergnügt sich mit der Kamera auf dem Markt, macht Bekanntschaft mit Marktfrauen und Händlern und ich erläutere PS-Zahlen und Reisekilometer, parliere auf Englisch und mit ein paar Brocken Türkisch. Nach vielen eindrucksvollen Erinnerungsfotos geht unsere Fahrt weiter und spätestens nach dieser knappen Stunde wissen wir wieder, weshalb wir in dieser Region so gerne unterwegs sind. Nur so lässt sich ein Land erfassen, mit Pausen und Gesprächen mit Händen und Füßen – bloßes Kilometerfressen und durch ein Land cruisen, hinterlässt keine Spuren. Mehr Kontakt mit den Menschen sucht und dazu noch fotografieren möchte, sollte sich nicht mehr als 300 bis 350 Kilometer Landstraße am Tag vornehmen.

Markt in Pasinler
Markt in Pasinler

Kurz vor Agri wünscht sich die kleine GS Benzin und da ich ja bei einem Schotterkurs im Enduropark Hechlingen war, steuere ich todesmutig eine Tankstelle mit grob gekiester Zufahrt an. Bei der Ausfahrt kühlt mein Mütchen kräftig ab, denn die GS legt sich im Kiesbett auf die Seite. Nichts ist passiert und Udo amüsiert sich über meinen Kommentar: „Diese Heidenau-Reifen können ja gar nix. Ich dachte, die halten hier…“. OK, ich sehe ein: Wie so oft sitzt das Problem nicht auf den Felgen, sondern hockt auf der Sitzbank J. Meine kleine GS hat den Ausrutscher ins Kiesbett übrigens nicht übel genommen. Die Protektoren am Lenker und an den Alukoffern haben einen guten Job gemacht… An einer „schön geteerten“ Tankstelle überstehen wir kurz darauf einen heftigen Regenschauer, füllen unseren inneren Tank mit Pfirsichsaft auf und rollen dann gemütlich weiter Richtung Doğubayazıt.

Komm, setz dich zu uns...
Komm, setz dich zu uns...

Die Stadt staubt und kocht im Abendlicht. Zum „Ishak Pasha“ soll es gehen und bei Murat wollen wir wieder campen – wie schon vor zwei Jahren auf der Tour „Hinterm Ararat geht’s weiter“. Die grob gepflasterte, steile Stichstraße zum Palast ist in den letzten Jahren noch weiter zerfallen und es geht drunter und drüber. Dolmus und zig private PKW rumpeln zu Murats Campinggelände hinauf, um sich dort mit frischem Quellwasser einzudecken oder auf dem Gelände ein Picknick mit Barbecue abzuhalten. Nach ausgiebiger Begrüßung durch alte Bekannte und Chef Murat selbst, durchleben wir sehr gemischte Gefühle: Freude auf der einen Seite, weil wir wiedererkannt werden, und große Trauer über den miserablen Zustand der Camping-Anlage. Innerhalb von zwei Jahren ist der schöne Park zerfallen, von Unrat, Müll und ausgedientem Mobiliar restlos verunstaltet. Die sanitären Anlagen sind so unterirdisch, dass es uns ekelt und schüttelt und glaubt uns, Freunde, wir sind diesbezüglich so einiges gewohnt. Zum Campen ist Murat jedenfalls keine Empfehlung mehr.

Bewirtung, Personal und Küche sind dagegen nach wie vor erfreulich – und wir haben den Eindruck, dass sich der Chef nur noch um seine Ararat-Expeditionen kümmert. Es ist wie so oft in der Türkei beobachtet: Man hat eine gute Idee, baut etwas auf, doch anschließend fühlt sich niemand mehr verantwortlich und die weitverbreitete „Wirf einfach weg-Mentalität“ der Menschen gibt dem Ganzen den Rest. Wir lassen uns trotzdem die gute Laune nicht verderben, stellen unser Zelt angesichts eines sich nahenden Unwetters in einem der zerfledderten Cadors (siehe Fotos) auf dem Gelände auf und fallen nach zwei Efes müde ins Zelt.

Am nächsten Morgen will Udo noch einmal hinauf zum ehemaligen Parsüt-Restaurant, wo wir 2010 unser Zelt oberhalb des Palastes auf einer kleinen Terrasse aufstellten und nachts und am frühen Morgen unvergessliche Bilder einfangen konnten. Ich möchte nicht mit, um meine Erinnerungen an damals, an den traumhaften Morgen bei Parasüt, zu behalten. Eine gute Entscheidung, denn als mein Mann zurückkommt, hat er feuchte Augen und sagt nicht viel. Parasüt ist dem Erdboden gleichgemacht und abgerissen worden. Unseren Traum an der Seidenstraße gibt es nicht mehr. Die Lehre daraus ist einfach: Leben geschieht immer jetzt im Augenblick und ist niemals wiederhol- oder nicht erneuerbar. Hüte deine Erinnerungen wie einen kostbaren Schatz…

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Do

01

Aug

2013

Türkei Transit 3

Amasya - Tercan: 490 km

Behaglichkeit im "Grand Pasha"
Behaglichkeit im "Grand Pasha"

Ruhe und Entspannung am Morgen im "Grand Pasha". Wir bringen es fertig, bereits gegen 7 Uhr aufzustehen (die Türkei ist eine Stunde voraus), und genießen als einzige Morgengäste das schattige, kühle Ambiente des Pasha-Innenhofes, frühstücken reichlich mit Tomaten, Käse, Gurken, Ei, Butter, Marmelade und Honig, schreiben ein paar Blog-Artikel und sichern unsere Fotos. Erst gegen Mittag kommen wir los. Erzurum wird so wohl kaum noch zu schaffen sein, doch was soll’s… Die Planung am Schreibtisch daheim lässt sich eben nicht immer eins zu eins umsetzen. Die D100 lässt die Sakarat Dağı rechts liegen und führt durch das fruchtbare Flusstal des Kelkit Çayi. Ein gutes Stück Bilderbuch-Türkei. In den folgenden Stunden klettert die Route das ostanatolische Hochland hinauf und verläuft bis zum Camlıgöze Baraji in 1100-1200m Höhe. Das Bordthermometer zeigt nur noch angenehme 28 Grad und wir kommen bis in den späten Nachmittag gut voran.

Gewaltige Dimensionen auf dem Weg nach Resadiye
Gewaltige Dimensionen auf dem Weg nach Resadiye

Kurz vor Erzincan fordert der Sakaltutan Geçidi das Drehmoment der Motoren. Der gewaltige Bergpass bezwingt in 2160m Höhe das Otlukbelı-Gebirge, führt anschließend im Direktflug steile 1000 Höhenmeter wieder hinab und mündet in das malerische Flusstal des Erzincan Ovasi. Linkerhand die steilen Felswände der 3000er des Esence Dağları, rechterhand die 3500er des Munzur-Gebirges. Ein spektakulärer landschaftlicher Showdown im warmen Licht der Abendsonne. Kaum ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, fällt die Nacht über das Land und binnen einer halben Stunde sinken die Temperaturen auf unter 20 Grad. Wir touren inzwischen in 1500-1600m Höhe, es ist dunkel geworden und in den dünnen Sommerjacken fast unangenehm kühl.

Flusstal des Kelkit Cayi
Flusstal des Kelkit Cayi

Die Straße folgt dem Gebirgsfluss Karasu, klettert Meter um Meter und als nach den letzten 50 Kilometern „Zitterpartie“ endlich das Ortsschild von Tercan im Scheinwerferlicht auftaucht zeigt der Höhenmesser des Navis über 1900m. Nach Erzurum wären es jetzt nochmals gute 75 Kilometer in stockdunkler Nacht und so scannen wir den Ort nach einem Hinweis auf eine Pansyon oder ein Hotel. Vor zwei Jahren waren wir ebenfalls hier durchgekommen, hatten nach einer Gewalttour mit Start in Boğazkale nach guten 600km eigentlich die Nase voll und mussten nach erfolgloser Hotelsuche dann nochmals eine Stunde lang bis nach Erzurum frieren. Manche Fehler muss man offensichtlich zweimal machen… Oder doch nicht? An eine Säule der Tankstelle am Ortsausgang von Tercan hat jemand die Buchstaben „O T E L“ gemalt und tatsächlich klebt am Hintereingang des Hauses nochmals das erlösende Schild. Zugegeben, tagsüber hätten wir „Bruchbude“ gemurmelt und wären wir definitiv weitergefahren. Doch wie so oft ist das Leben anders als man denkt. Der Tankstellenpächter führt uns in den ersten Stock des Hauses und schließt die Tür zu einem sauberen kleinen Zimmer mit Klo und Dusche auf. In vier, fünf weiteren Zimmer logieren Trucker und unten, gleich neben dem „Otel“ duftet es nach Kebap, Tavuk (Hühnchen) und geröstetem Lammspieß. Michaela frohlockt: Allah ist gut zu uns, Allah sei gepriesen…

Nachtrag:

 

Und noch einer strahlt und ist mehr als zufrieden, weil er wieder kauen kann. Mir war vorgestern Abend natürlich pünktlich zu Reisebeginn die Zahnbrücke ´rausgeflogen. Doch der beste Zahnarzt der Welt hatte mitgedacht und uns Zement und Kleber mitgegeben. Nach einem Fehlversuch hatte Michel die Sache im Griff und das Ding saß wieder bombenfest. Und es scheint auch zu halten. Na also, geht doch! Michel könnte glatt einen Nebenjob als türkische Zahnarzthelferin annehmen.. ;-)

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Mi

31

Jul

2013

Türkei Transit 2

Düzce - Amasya: 510 km

Das Kale thront hoch über Amasya
Das Kale thront hoch über Amasya

Günaydin - guten Morgen, liebe Freunde und Besucher unserer Reisewebsite!

Habt erst einmal herzlichen Dank für Eure aufmunternden Kommentare zu unserem Projekt und für die guten Reisewünsche. Es ist schön zu wissen, dass Ihr ein wenig mitreisen wollt und wir in geistiger Verbindung stehen...

Unser "Traumhotel" in den Bergen von Düzce ist gewiss kein Ort zum Verweilen und so kommen wir alten Trödler endlich mal früh am Morgen los. Hundert Kilometer später gibt's Frühstück in einer gepflegten Lokanta an der D100. Die Durchgangsstraßen in der Türkei sind seit der Amtsübernahme Erdogans inzwischen so breit und gut ausgebaut worden, dass wir eine Autobahn nicht vermissen, sehr viel mehr sehen und doch relativ gut vorankommen.

Bitte stets auf "mehr lesen" klicken!

Uhrenturm von Amasya
Uhrenturm von Amasya

Einmal mehr erleben wir eine Türkei der hammerharten Kontraste: Eben noch bettelarme Dörfer mit zerfallenen Holzhäusern, daneben (wie in Bolu) neue und schön angelegte Wohnsiedlungen mit parkähnlichen Grünanlagen. Noch überwiegen sicherlich die Bilder der Armut - doch der kranke Mann am Bosporus ist längst auf dem Weg der Gesundung und wächst mit erstaunlichem Tempo zur wirtschaftlichen Supermacht des Nahen und Mittleren Ostens heran. Das Land hat gewaltiges Potential und stellt zudem eine wichtige Brücke zum Vorderen Orient dar: Aserbaidschan, Turkmenistan, Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan - das sind (ist erst einmal Frieden in der Region eingekehrt) die erwachenden Wirtschaftsnationen der Zukunft. Hungrig und mit einem enormen Nachholbedürfnis werden sie künftig zu wichtigen Handelspartnern werden - und die oft engstirnige Politik der Europäer könnte einmal mehr Schuld daran sein, dass die Asiaten sich diesen Markt wesentlich schneller erschließen.

 

Menschen und Völker entwickeln sich, und wenn die EU der Türkei noch lange die kalte Schulter zeigt, wird sich das mächtige Land weiter dem Osten zuwenden. Nötig hat man die Europäer schon lange nicht mehr und dazu kommt ein gewisser Stolz, den wir vor allem bei jungen Türken bemerken: Wir können auch ohne Euch!

 

 

Farbige Lightshow am Yesilirmak
Farbige Lightshow am Yesilirmak

Worüber man so sinniert, wenn die Motoren mit moderaten Drehzahlen vor sich hinschnurren... Ab Gerede fasziniert die gewaltige Bergwelt der "Köroglu Daglari" und wir genießen die Weite und Ruhe, die diese Landschaft ausstrahlt. In Gerede trennen sich die Wege nach Ankara und weiter ins Hinterland des Schwarzen Meeres Richtung Samsun. Es ist wieder heiß geworden, was ohne die Schwüle des direkt unter dem klimatischen Einfluss des Schwarzen Meeres liegenden, dicht bewaldeten Küstengebirges wesentlich besser zu ertragen ist. Die Route durchschneidet mit kleinen 1000m-Pässen das Küre Daglari-Gebirge und gestattet jenes Vogelflug-Feeling, das einen beim Motorradfahren süchtig machen kann. Ein weites Land öffnet seine Arme! Und jetzt endlich ist es wieder da, jenes Gefühl endloser Freiheit, das uns nun schon das dritte Jahr in den Osten zieht. Auf der vierspurigen Landstraße begegnen einem vereinzelt Autos, vornehmlich LKW, doch Verkehr schreibt man anders...

 

Wechselnde Farben faszinieren im nächtlichen Amasya
Wechselnde Farben faszinieren im nächtlichen Amasya

Auf der Höhe von Merzifon beschließen wir, die Kilometerpulle heute früher abzusetzen und uns noch eine 1000-und-eine-Nacht in der charmanten Stadt Amasya zu gönnen. Besucher unserer Multivision "Es liegt noch Schnee am Ararat" werden sich bestimmt an die Bilder der puntischen Felsgräber und der nachtbunten Amasya-Promenade am Flussufer des Yesilirmak erinnern. Gegen 19 Uhr laufen wir in die 400 Meter hoch gelegene Stadt am Fuße des Sakarat-Gebirges ein und freuen uns auf eine kühle Nacht im Grand Pasha Otel direkt am Fluss. Man erinnert sich an die Gäste von vor drei Jahren... Wir bekommen eine romantische Suite, essen fürstlich auf der Flussterrasse des Hotels  und können nach den ersten 2700 Reisekilometern endlich mal wohlig die Beine ausstrecken. Nachts ruft der Muezzin die Gläubigen zum Gebet und mahnt zum Ramadan. Ich glaube, wir sind tatsächlich angekommen...

Uferpromenade in Amasya
Uferpromenade in Amasya
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Di

30

Jul

2013

Türkei Transit 1

Alexandroupolis (Griechenland) - Düzce (Türkei): 550 km

Hos geldiniz - wir sind wieder da...
Hos geldiniz - wir sind wieder da...

Wir haben uns eine Auszeit gegönnt – einen Faulenzertag auf dem Campingplatz von Alexandroupolis. Schwimmen, Spaziergang am Strand, ausgedehntes Frühstück, unseren Blog pflegen (was bei der schneckenlangsamen und vor allem sehr unzuverlässigen Internetverbindung im tiefen Osten Griechenlands zu einer Mordsgeduldsprobe wird) – es soll je tatsächlich Menschen geben, die so etwas drei Wochen lang am Stück machen… ;-)

Heute kribbeln dann schon wieder die Füße und das Röcheln des Kaffeekochers sorgt gegen 7 Uhr morgens für die nötige Startportion Adrenalin. 45 Kilometer später genießen wir die uns inzwischen schon mehr als vertraute türkischen Grenzprozedur: Pässe – Fahrzeugpapiere und Versicherungen – Endabnahme mit PC-Check unserer Kennzeichen und Namen. Diese Daten sind nun von jeder Polizeistation (auch mobil) abrufbar und werden durch die Meldungen der Tankstellen, die vor dem Betanken der Fahrzeuge die Kennzeichen eingeben, ergänzt. Damit ist für die Grenzpolizei jederzeit rekonstruierbar, wo man als Tourist herumgegurkt ist. Nur wenige kleine Tankstellen – vornehmlich östlich von Ankara – registrieren keine Kennzeichen und sorgen damit für dezente Infolücken in der staatlichen Überwachung…

Es soll heute so richtig heiß werden...
Es soll heute so richtig heiß werden...

Die ersten Türkeikilometer hinter dem Grenzort Ipsala laden immer noch zum Umkehren ein – so trostlos verratzt wirken die Ortschaften und Bauruinen am Rande der Straße. Nach einer guten Stunde Fahrt bietet sich von einer Anhöhe der Route aus plötzlich ein gewaltiger Anblick: im fahlen Dunst des Mittaglichts brütet das Mamarameer, blassblau, mit weißem Schleier und darüber treibt ein überdimensionaler brauner Teppich aus den Abgasen unzähliger Frachtschiffe und Tanker, die von den Dardanellen her kommend nach Istanbul fahren, um dort ihre Ladung zu löschen oder über den Bosporus weiter ins Schwarze Meer vorzustoßen. An die 80.000 sollen es in jedem Jahr sein – womit diese Wasserstraße zu den meistbefahrenen der Welt zählt.

Türkisch Cay - immer ein guter Weggefährte
Türkisch Cay - immer ein guter Weggefährte

Die Fahrt am Ufer des Marmarameers entlang kennt durchaus auch schöne Momente, gepflegte Ortschaften mit neu entstandenen Wohnsiedlungen und Grünanlagen, die erkennen lassen, dass die Stadtplaner Istanbuls durchaus gewillt sind, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wie solche Fehler aussahen und für Besucher der Metropole immer noch aussehen, wird einem dann gute 20 Kilometer vor der Stadt restlos klar, wenn die Autobahn sechsspurig in einen zähen, von dichtem Smog garnierten Verkehrsstau mündet, der die euphemistische Umschreibung „stop ‚n‘ go“ eigentlich nicht mehr verdient hat. Ist Londons Berufsverkehr vielleicht noch „cool“ und die verstopfte „Périphérique“ in Paris ein Teil des lässigen „Savoir vivre“ der Franzosen, so ist Istanbuls Nachmittagsverkehr eine vormilitärische Grundausbildung in Sachen Nahkampf. Fahrspuren? Egal! Verkehrsregeln? Wurscht! Lücken? Gibt’s nicht! Abstand vorne, hinten, seitlich? Maximal in Zentimetern! Es darf auch mal touchiert werden – dabei bitte nicht umfallen… Keine halbe Stunde späterhaben auch wir sämtliche europäischen Verhaltensregeln ins Marmarameer geworfen und fahren vornehmlich rechts auf einem klitzekleinen „Standstreifen“, der selbst für Puntos und Bambinos zu eng ist. Die eingeschaltete Warnblinkanlage ist die letzte kleine Reminiszenz an ein tief verwurzeltes Verkehrsregelwerk; als uns im Stadtzentrum dann schließlich noch einige mit der Atemnot ringenden Verkehrspolizisten verbeischleusen, haben wir es sozusagen amtlich: Sooo fährt man in Istanbul!!!

Irgendwann mache ich den Fehler und folge im dicksten Stau den Richtungspfeilen des Navi statt der eigenen Nase und lande prompt auf einem Abzweig direkt ins Stadtzentrum. 12.675.000 Nüfüs (Einwohner) steht auf dem Stadtschild und diese Zahl ist inzwischen längst Vergangenheit. Man spricht heute von gut 18.000.000 Millionen Einwohnern Istanbuls und Jahr für Jahr wächst diese gewaltige Zahl um ca. 300.000 "Zuwanderer", vornehmlich aus dem von Arbeitslosigkeit gebeutelten armen Osten des Landes.

 

Nein - Kultur schreibt man anders ;-)
Nein - Kultur schreibt man anders ;-)

Nach 60 Kilometern Nervenkrieg sind wir schließlich durch und haben ab der riesigen Brücke über den Bosporus wieder freie Fahrt. Ein fantastischer Anblick aus gut 50 Metern Höhe. Das ist dann doch einen kleinen Juchzer wert und zum erstenmal bedaure ich, noch nicht im Besitz einer guten Helmkamera zu sein...
Wir hatten uns viel vorgenommen für diesen Tag, doch die Schlacht um Istanbul hat mindestens zweieinhalb Stunden gekostet. Und so ist nun nach gut 550km der Ofen aus. Bei Düzce verläuft die Route durch das Küstengebirge des Schwarzen Meeres und verspricht auf der landesinneren Seite ein wenig Abkühlung. Die Gegend ist dünn besiedelt und Hotelunterkünfte scheinen Mangelware zu sein. So verlassen wir uns einmal mehr auf die POIs im Garmin-Navi und landen 25km "off route" tatsächlich an einem Hotel. Dass es gerade im Umbau ist und wir die einzigen Gäste sind, kann das gute Teil ja nicht ahnen. Aber die beiden Burschen der Hoteliersfamilie sind fit, besorgen uns noch ein kräftiges "kebap" und ein paar Fläschchen vom guten "Efes". Wir schlafen tief - trotz der in der Nacht ununterbrochen röhrenden LKW...

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Mo

29

Jul

2013

From Greece to Africa...

Igoumenitsa - Alexandroupolis: 650 km

Die "Hellenic Spirit" hat sich Zeit gelassen und wir können wunderbar ausschlafen. Erst um 9 Uhr schmeißen uns die Stewards aus der Kabine. Unten auf dem Cardeck ist es schweinewarm und dementsprechend gereizt ist die Stimmung unter den wartenden Autofahrern, bis endlich die Heckklappe runterfährt und ein wenig Frischluft über das Deck streicht. Ein türkischer Fahrer scheint an diesem ansonsten doch sehr schönen Morgen eine besonders kurze Lunte zu haben. Als ein Grieche beim Zurücksetzen etwas schusselig seinen WaBgen touchiert, lässt er kurzerhand das Osmanische Reich wiederauferstehen und übertönt mühelos die nicht gerade leisen Kommandos des Deckpersonals. Dass der arme Grieche bereits die Demutshaltung eingenommen hat, scheint ihn nur noch mehr zu reizen und erst das Eingreifen des Decksoffiziers kühlt ihn wieder auf Betriebstemperatur runter...

Die folgenden Stunden cruisen wir auf der neuen West-Ost-Autobahn hinüber nach Thessaloniki. Inzwischen haben die Griechen begriffen, dass man mit einer Autobahn Geld verdienen kann. Gefühlte 20 Mal drücken wir an einer Mautstation 1,70 Euro pro Motorrad ab - wie einst in Italien und Frankreich, bevor man auf die phänomenale Idee kam, die Tickets elektronisch zu "stempeln" und erst beim Verlasen der Autobahn den Endbetrag  zu kassieren. Liebe Griechen - wo lasst ihr euch beraten...?

Irgendwo zwischen Thessaloniki und Thassos kann ich mich nicht mehr beherrschen und mache dem netten Kassier an der Mautstation den Vorschlag, doch diesbezüglich einen Mitarbeitervorschlag bei den Verantwortlichen zu lancieren. Er lächelt verschmitzt und entgegnet völlig gelassen: "Hey man, this is not Europe any more; you're in Africa, you know...!!!

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Nach neun Stunden Fahrt macht sich zum erstenmal das Navi bezahlt; keine Tanke auf den letzten 70 Kilometern, weder direkt an noch ausgeschildert neben der Route. Doch die POI-Liste des "Garmin Montana" kennt eine Shellstation in 10 Kilometern Entfernung abseits der Route und mit dem letzten Tropfen Sprit laufen wir dort ein. Danach läuft wieder alles rund. Pünktlich mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Camping Municipal von Alexandroupolis - 45 km vor der türkischen Grenze. Eine Punktlandung! Der Platz liegt direkt am Meer, hat hohe, schattenspendende Platanen und ein gutes Restaurant. Und noch etwas Wichtiges: Wir sind willkommen - wie gewohnt in Griechenland. Von wegen Deutschenhass oder sonstiger Blödsinn, den unsere famosen Schreiberlinge in die einschlägigen Gazetten schmieren. Scheint ansteckend zu sein, diese klischeehafte Volksverdummung! Die rückläufigen Buchungszahlen für Griechenland haben dies in den letzten zwei Jahren eindrucksvoll bewiesen...

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Sa

27

Jul

2013

Ancona - Igoumenitsa: Holiday on board

Cesenatico - Ancona (Fährhafen): 140 km

Wir können es gemütlich angehen lassen, denn uns trennen nur noch 140 km vom Fährhafen Anconas. Der Barbiere des Camping Village freut sich bereits früh am Morgen über meinen Besuch und anschließend unterscheidet mich nur noch die nordische Blässe von einem echten Italiener ;-) Der kleine Minimarkt des Platzes führt Croissants und Yoghurt im Sortiment und natürlich macht uns die noch verschlafene Signora in der Bar nebenan den besten Cappuccino an der ganzen Adriaküste. Wie könnte es auch anders sein…

Zwei Stunden später ist Schluss mit gemütlich. Bei unserer Ankunft steht vor den Schaltern im separaten Ticketgebäude unweit der Kais bereits die halbe EU Schlange: Großfamilien mit Kindern, Rucksacktouristen, Langzeitabenteurer, Radfahrer, Motorradfahrer, tattoogeschmückte Prolos und handtäschenbewehrte Schickimicki-Damen mit hohen Stöckelschuhen, Orientierungslose und Alleswisser, Schlangesteher und Schlangespringer, Geduldige und Hypernervöse – hier ist alles vertreten. Meine Frau hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, das schweißtreibende Anstehen am Schalter zu übernehmen, um unseren Voucher gegen ein gültiges Fährticket zu tauschen, und so kann ich das Straßentheater vor dem Gebäude in vollen Zügen genießen.

Draußen am Igoumenitsa-Kai wartet die „Helenic Spirit“ mit weit geöffneter Heckklappe, doch der Lademeister hat noch alle Hände voll zu tun und so beginnt das Laden erst mit guten zwei Stunden Verzögerung. Im Bauch des Schiffes reihen sich die Motorräder kurz darauf wie beim Le Mans-Start und man hilft sich gegenseitig beim Aufbocken. Ein Verzurren oder gar Abspannen der Bikes gibt es auf diesen riesigen Fährschiffen wohl gar nicht mehr und ich möchte nicht erleben, was sich da unten abspielt, wenn Poseidon das Mittelmeer mal so richtig in Wallung bringen sollte.

Dank der satten Verspätung wird das Auslaufen zu einer wahren Panoramashow. Die Spätnachmittagssonne vergoldet die Hafengebäude und Kaianlagen Anconas, als die Fähre im Hafenbecken langsam dreht, allmählich Fahrt aufnimmt und die Sonnenstrahlen in ihrem Kielwasser funkeln lässt. Am Heck des Schiffes lehnen wir mit den wahren Genießern unter den Fahrgästen über der Reling, mit einem Drink in der Hand und verfolgen einen traumhaft schönen Sonnenuntergang. Endlich F e r i e n - keine Klassenarbeiten mehr, keine Elterngespräche, keine Konferenzen, keine Prüfungen, keine Kennenlernnachmittage, Verabschiedungs- und Schuljahresschlussfeiern. Schön war’s – doch nun ist’s Zeit für Alice Cooper: „School’s out“ – not forever, aber mal für viereinhalb satte Wochen. Im Heckwasser der „Helenic Spirit“ verschwinden die Sorgen und der Stress der letzten Wochen – ein verdammt gutes Gefühl! -

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Fr

26

Jul

2013

Ancona ahoi

Reubach - Cesenatico (Italia): 850 km

Abfahrt wie immer mit großem zeitlichem Toleranzbereich: geplant 7 Uhr, realisiert gegen 9 Uhr. Klar, Luki streicheln, ein paar überflüssige Klamotten aussortieren, schnell nochmal die Küche putzen (gut erzogen!)und vor allem Nachbar Willis leckeren Träubeleskuchen verspeisen… Seltsam, dieser „Abschied auf Raten“ wiederholt sich vor jeder Langstreckentour.

 

Zweieinhalb Stunden später stehen wir im ersten Stau am Fernpass. Die Spannung steigt. Wird Michaelas BMW die österreichische Herausforderung annehmen und einen ruhigen Zündfunken bewahren. Zur Erinnerung: Im letzten Jahr stellte die Bayerin direkt hinter der Passhöhe derart nachhaltig ihren Dienst ein, dass wir die „Bernsteinstraße“ in den Wind schreiben konnten. Mit dem Ohr am Zylinder und misstrauisch beäugt von der Hausrecht genießenden KTM schleicht Michaela an der Abzweigung zum Fernsteinsee vorbei. Dann krächzt ein triumphierendes „Sie läuft“ in den Kopfhörern unserer Sprechanlage und meine Frau hebt ihre Hand zum Victory-Zeichen. Alles klar – diesmal haben die kleinen Chinesen am Montageband wohl keinen Reiswein getrunken ;-)

 

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Nicht nur der Motor läuft heiß...
Nicht nur der Motor läuft heiß...
Camping Village in Cesenatico
Camping Village in Cesenatico

Apropos Fehlerteufel: Was da an Tonqualität in meinen Helmkopfhörern erklingt, erinnert an einen Morgen nach übler Zecherei. Da wir allerdings definitiv nüchtern zu Bett gingen, verfestigt sich auf der Höhe des Gardasees der Verdacht, dass die italienische CARDO SCALA RIDER G9 bereits nach der zweiten Tour ihren Geist aufzugeben gedenkt. Liebe Hersteller: Baut uns Motorradreisenden doch einfach eine simple Gegensprechanlage, die auch bei strömendem Regen noch funktioniert und eine Akkustandzeit von garantiert 12 Stunden hat bzw. per Ladekabel während der Fahrt ans Bordnetz des Bikes angeschlossen werden kann. Da müssen dann nicht acht weitere Bikes mit eingebunden oder Musik gehört bzw. Telefonate und Internetrecherchen durchgeführt werden können. Alles Schnickschnack, der diese Anlagen lediglich empfindlicher und störanfälliger macht. Die Suche nach einem fernreisetauglichen Sprachrohr geht also weiter.

 

Und noch eine Schote: Dass einem auf langen Strecken der Hintern weh tut, ist ganz normal. Und auch wenn diverse Sitzbanknachrüster uns Bikern den Diwan auf zwei Rädern versprechen, so war bisher stets nach 500 Kilometern klar, dass Motorradfahren auch mit Leidensfähigkeit zu tun hat. Was allerdings meine neue, in der Sitzhöhe reduzierte KAHEDO-Sitzbank meinem Po zumutet, erinnert eher an ein Nagelbrett. Okay, keine schlechte Einstimmung auf den Iran, aber den Brief an die Firma habe ich unterwegs bereits mehrfach umformuliert.

 

Doch – sonst funktioniert alles gut und nach 850 Kilometern klopfen wir  in CESENATICO auf dem „Camping Village“ an den Schlagbaum. Feuchtwarme 36 Grad – und das noch um 22 Uhr . Madonna! Immerhin, in der Pizzeria neben der Rezeption ergattern wir noch vier Pizzetti, eine Tüte Chips und spülen das Ganze mit ein paar Bierchen für die Bettschwere hinunter. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – sogar in Italien…


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Do

25

Jul

2013

Morgen geht's los...

Kurz vor der Abreise kommt bekanntlich  i m m e r  Stress auf - ganz gleich, wie gut man sich vorbereitet hat. Doch nun müsste alles klappen. Motorschutz und Kofferträger für die KTM Adventure R sind montiert. Danke an Timo Röttinger von "KTM Jeti Extreme" in Dinkelsbühl und vor allem ein Riesendankeschön an Jochen Schanz von  TOURATECH / Niedereschach, der Wort hielt und uns Motorschutz und Kofferträger als Testmuster für die brandneue Kati überließ. Alles hat wunderbar funktioniert und die Reiserösser warten aufgerödelt in der Garage, dass nun endlich jemand auf die Anlasser drückt... ;-)

Nur einer ist traurig, liegt auf dem Autodach und beäugt misstrauisch unsere Aktivitäten. Lukie spürt schon seit Tagen, dass sich etwas tut - und es gefällt ihm absolut nicht. Halt durch, Dickerle, gute Freunde werden sich kümmern und knappe fünf Wochen gehen doch sooo schnell vorbei...

Gute Nacht, liebe Freunde und Mitreisende auf unserer Website. Wir melden uns von unterwegs, sofern wir Internetzugang haben - versprochen!!!

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So

14

Jul

2013

Die Visa sind da!

Reichlich Lesestoff für unterwegs...
Reichlich Lesestoff für unterwegs...

Endlich! Die Zeit des Zitterns ist vorüber - unsere Visa für den Iran sind endlich eingetroffen.

Gebühren: 135 Euro/Visum. Das iranische Außenministerium in Teheran fragt seit diesem Jahr weitere Details zur Reise in einem neuen Dokument ab, was die Visakosten pro Person um 35 Euro erhöht. OK, dieses Spiel mögen wohl alle Behörden ganz gern...

Wir haben einen zwar engen, aber wohl ausreichenden Einreisekorridor bis zum 5. August. Allah sei Dank, das Unternehmen "Plan Persepolis" kann beginnen. Was jetzt noch fehlt, sind Kofferträger und Motorschutz für Udos KTM. Bis zum 20. will TOURATECH liefern - wir sind zuversichtlich...

 

Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr; die Carnets de Passage vom ADAC sind beantragt und bezahlt: pro Person 200 Euro zzgl. eine Kaution von 3000 Euro/Motorrad. Heftig - aber anders geht es nicht; ohne Carnets gibt es keine Iranreise. Bei der Rückkkehr muss man sich vom deutschen Zoll die Wiedereinfuhr der Bikes bestätigen lassen. Dann gibt es die Kaution vom ADAC zurück. Wir kennen das Prozedere bereits von unserer Kaukasus-Tour her und nehmen den "Monatskredit" gelassen hin...

 

Im Haus und in der Garage sieht es inzwischen aus wie in einem Materialllager: Fotoausrüstung, Ersatzteile, Reifen, Literatur, Medikamente, Küchenutensilien, Campingklamotten, Landkarten und Navi ... und das soll alles in die Alukoffer, Packtaschen und Tankrucksäcke??? Wird schon werden - Hauptsache, es geht voran...

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Sa

16

Feb

2013

Plan Persepolis

Flagge der Islamischen Republik Iran. Mit rund 80 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 1.648.195 Quadratkilometern zählt der Iran zu den 20 bevölkerungsreichsten und größten Staaten der Erde.
Flagge der Islamischen Republik Iran. Mit rund 80 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 1.648.195 Quadratkilometern zählt der Iran zu den 20 bevölkerungsreichsten und größten Staaten der Erde.

Im Juli/August geht es für 4 Wochen mit zwei Einzylinder-Enduros in den IRAN. Die politische Lage ist nach der Wiederwahl Obamas als amerikanischer Präsident und vor den Wahlen im Iran relativ entspannt, so dass wir zuversichtlich sind...

 

Bereits jetzt beginnen Planung und Vorbereitung der Tour: Route, Visa, Ausrüstung der Bikes, Zubehör und, und , und ... Es gibt viel zu tun!

 

Das Projekt "Plan Persepolis" hat begonnen ...


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